Welt 14.01.2026
11:39 Uhr

So „links“ ist Gewalt als Mittel der Politik


Der Reflex kommt fast immer: Nach linksextremen Anschlägen weisen linke Politiker darauf hin, dass Gewalttäter nicht links seien. Ein historischer Überblick zeigt, wie falsch diese Behauptung ist.

So „links“ ist Gewalt als Mittel der Politik

Die Einordnung kommt fast ein bisschen spät. Am frühen Morgen des 3. Januar 2026 hatte ein Brandanschlag d ie Stromversorgung in Berlins Südwesten (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/video695bc4f8b0086aa64be6f640/welt-spezial-blackout-in-berlin-der-unterschaetzte-linksterrorismus.html) lahmgelegt; zeitweise 90.000 Menschen saßen tagelang in Dunkelheit und Kälte. Doch erst zehn Tage danach ließ Heidi Reichinnek (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/video68ba6c1c72019652f128af46/meine-welt-meine-meinung-heidi-reichinnek-ist-fuer-mich-so-eine-art-karikatur-einer-sozialistin.html) , die Vorsitzende der Fraktion der Linkspartei im Bundestag, die Öffentlichkeit wissen (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article696655800bbaff31d07df075/reichinnek-hinterfragt-ob-wirklich-linksextremisten-hinter-stromanschlag-stecken.html) : „Nichts an diesem Anschlag ist links.“ Denn „links“ bedeute, das Leben der Menschen zu verbessern, nicht zu verschlechtern. Zwar kam diese Reaktion verspätet, doch das Muster ist bekannt: Immer wieder traten linke Politiker nach linksextremistischen Gewalttaten mit der Behauptung an die Öffentlichkeit, die Aggressionen seien in Wirklichkeit gar nicht links. Zum Beispiel nach den Exzessen selbst ernannter „Globalisierungsgegner“ beim Hamburger G-20-Gipfel im Juli 2017. Da meldeten sich der damalige SPD-Vorsitzende Martin Schulz, sein Vize Ralf Stegner, die seinerzeitige Grünen-Vorsitzende Simone Peter und Medienliebling Sahra Wagenknecht mit im Kern ähnlichen Aussagen zu Wort. „Linke und Gewaltanwendung schließen einander aus“ (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article166531184/Linke-Geschichtsmythen-Linke-und-Gewalt-passen-nicht-zusammen-Oh-doch.html) , verkündete Schulz. Stegner twitterte: „ Kriminelle Gewalttäter, wie immer sie sich nennen (verlinkt auf https://www.ralf-stegner.de/2017/07/18/gewalt-ist-nicht-links/) “ seien „nicht links“. Peter stellte ganz ähnlich wie achteinhalb Jahre später Reichinnek infrage, ob es sich tatsächlich um Linksextremisten gehandelt habe; es könnten auch „andere Täter“ gewesen sein. Wagenknecht erklärte, die Exzesse im Schanzenviertel hätten „mit links und dem Eintreten für eine gerechte Weltordnung gar nichts zu tun“. Stimmt das? Oder, allgemeiner gefragt: Wie ist das Verhältnis von linken politischen Bewegungen zu Gewalt als Mittel? Um das angemessen zu beantworten, muss man zunächst klären, was „links“ eigentlich bedeutet. Kaum ein Politiker von Linkspartei, Grünen und SPD würde wohl folgender Definition widersprechen: Links ist Politik dann, wenn sie – tatsächliche oder angebliche – Gerechtigkeitsdefizite durch staatlich angeordnete, notfalls erzwungene Umverteilung zu beseitigen sucht. Das ist der Kern jedes linken Selbstverständnisses, ob nun in organisierten Parteien oder eher volatilen Gruppierungen. Die vergangenen knapp zweieinhalb Jahrhunderte, also seit es so etwas wie linke Regierungen gibt, zeigen ein eindeutiges Ergebnis: Linkes politisches Denken und linke politische Praxis setzten immer wieder auf Gewalt als Mittel. Die Behauptung, „links“ sei im Prinzip gewaltfrei, ist eindeutig unzutreffend. Schon die erste linke Herrschaft, die Regierung des „Wohlfahrtsausschusses“ während der Französischen Revolution, gipfelte 1793/94 in einem Blutrausch. Binnen weniger Monate wurden mehrere Zehntausend Menschen hingerichtet, davon mindestens 16.594 auf einer damals neuen Tötungsmaschine, der Guillotine. Zugleich fand im westfranzösischen Département Vendée sogar ein regelrechter Völkermord (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article167101804/Robespierres-Sturz-Der-Grosse-Terror-kostete-Zehntausende-das-Leben.html) statt, mit wohl mehr als 300.000 Toten. Denn die Bewohner lehnten die Verheißungen aus der Hauptstadt ab. Als im Deutsch-Französischen Krieg das Kaiserreich Napoleons III. 1870 zusammenbrach, ergriffen in der belagerten Metropole am 18. März 1871 Linke die Macht; ihr Regime wurde als „ Pariser Kommune (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article228590963/Pariser-Kommune-Der-Boden-ist-mit-Leichen-bedeckt.html) “ bekannt. Charakteristisch für das Verhältnis von Linken zur Gewalt ist ein Befehl, der am 22. Mai 1871 erging: „Verdächtige Häuser“ und öffentliche Gebäude in ganz Paris sollten niedergebrannt werden. Tatsächlich gingen daraufhin der Louvre und das Palais Royal, das Rathaus, die Polizeipräfektur, mehrere Ministerien, Gerichtsgebäude und Theater in Flammen auf. Trotzdem feierten Linke seither die Kommunarden als Vorkämpfer der sozialistischen Idee; im ehemaligen Ost-Berlin gibt es auch 2026 noch eine „ Straße der Pariser Kommune (verlinkt auf https://berlin.kauperts.de/Strassen/Strasse-der-Pariser-Kommune-10243-Berlin) “. Als Selbstzweck betrachtete der russische Anarchist Michail Bakunin Gewalt. „Entfesselt die soziale Revolution“, forderte er in seinem erst posthum veröffentlichten Buch „Gott und der Staat“. Dahinter stand ein brutales, zugleich originär linkes Versprechen: „Zerstört alle Einrichtungen der Ungleichheit, gründet die wirtschaftliche und soziale Gleichheit aller, und auf dieser Grundlage wird sich die Freiheit, die Sittlichkeit und die solidarische Menschlichkeit aller erheben.“ Ähnlich klar setzte auch der russische Revolutionär Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, auf Gewalt als Mittel der Politik. Reformen zur Verbesserung der sozialen Lage lehnte er ab und forderte stattdessen den Aufbau einer revolutionären Kaderpartei, die ohne Rücksicht auf Verluste die Macht erkämpfen sollte. Die Folgen zeigte der russische Bürgerkrieg 1917 bis 1922 (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article230519029/Buergerkrieg-in-Russland-Herumliegende-Leichen-verstoerten-niemanden-mehr.html) : Knapp eine Million Kämpfer und bis zu acht Millionen Zivilisten kamen in dem archaisch geführten Kampf zwischen der bolschewistischen Roten Armee und reaktionären „weißen“ Truppen ums Leben. Noch brutaler herrschte Lenins Nachfolger Josef Stalin über die inzwischen gegründete Sowjetunion, der unter dem Deckmantel der kommunistischen Umgestaltung in der Ukraine mehrere Millionen Menschen vorsätzlich verhungern ließ und in Kasachstan etwa 1,5 Millionen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article126426954/Holodomor-in-Kasachstan-Stalins-Hungermord-toetete-1-5-Millionen-Menschen.html) . Hinzu kamen Millionen Opfer der „Säuberungen“ und im Gulag. Nicht ganz so extrem waren die Gewalt von Linken in Deutschland – aber dennoch destruktiv. Seit November 1918 bekämpften Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg die primär von der damals moderaten Mehrheits-SPD betriebene demokratische Revolution; im Januar 1919 organisierten sie den Spartakus-Aufstand (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article186564666/Der-linke-Polizeipraesident-der-den-Spartakus-Aufstand-1919-begann.html) , um die demokratische Wahl zur Nationalversammlung gewaltsam zu verhindern. Die Übergangsregierung von Friedrich Ebert musste dagegen die militärische Hilfe antidemokratischer Truppen in Anspruch nehmen. So führte die Strategie Liebknechts und Luxemburgs zur endgültigen Spaltung der Arbeiterbewegung und zur Belastung des neuen Staates. Im Frühjahr 1919 übernahmen in München Linksextremisten die Macht und etablierten eine Räterepublik. Ein Aufruf verkündete am 14. April das Ziel: „Die Sonne der Weltrevolution ist aufgegangen! Es lebe die bayerische Räterepublik! Es lebe der Kommunismus!“ Der Augenzeuge Victor Klemperer, damals Dozent an der Universität, notierte konsterniert: „Seit dem 7. April haben wir Räterepublik, seit dem 14. das Chaos.“ Wie schon 1871 in Paris oder ab 1918 in Russland führte die linke Gewalt auch dieses Mal zu brutalen Übergriffe von Gegnern der Linken: Nach nicht einmal vier Wochen wurde die Räterepublik blutig niedergeschlagen. Die Weimarer Republik litt Zeit ihrer Existenz unter den gegenseitigen Gewalttaten linker und rechter Extremisten. Zwar scheiterten 1923 sowohl der Hamburger Aufstand der KPD wie der Hitler-Putsch rasch. Aber schon 1932 kam es wieder zu gegenseitigen Exzessen während gleich vier reichsweiter Wahlkämpfe. Die schier grenzenlose Brutalität des Nationalsozialismus und die ungeheuren Verbrechen während des Zweiten Weltkrieges überdeckten nach 1945 oft, wie sich das Verhältnis der politischen Linken zur Gewalt weiterentwickelte. Doch sowohl die Niederwerfung des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 in praktisch der gesamten DDR wie das Grenzregime am innerdeutschen Todesstreifen und der Berliner Mauer zeigten, dass die SED ( die „rechtsidentisch“ mit der heutigen Linkspartei ist (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article137509656/DDR-Aufarbeitung-So-viel-SED-steckt-in-der-Linkspartei.html) ) ihre Diktatur jederzeit gewaltsam stabilisierte. Die moderate Linke in der Bundesrepublik lehnte Gewalt als Mittel der Politik ab. Ganz anders jedoch der deutsche Linksextremismus: In den 1970er- und 1980er-Jahre liefen Terrorgruppen wie die Rote-Armee-Fraktion, die Bewegung 2. Juni und die Revolutionären Zellen Amok gegen den Rechtsstaat. Sie wuchsen zu einer Gefahr für die demokratische Bundesrepublik, weil Milieus von linksliberal bis linksradikal sie offen unterstützten. Seither tritt linke Gewalt in Deutschland weniger organisiert, deshalb aber nicht weniger aggressiv auf – oft in sogenannten militanten oder autonomen Gruppen. Typischerweise sind besetzte Häuser der Ausgangspunkt, aber Experten sprechen auch von „Feierabend-Terroristen“, die aus ihrem legalen Leben heraus (statt wie RAF und Bewegung 2. Juni aus dem Untergrund) agieren. Tiefpunkte waren die Attacken der Frankfurter „Putzgruppe“ um Joschka Fischer auf Polizeibeamte, teilweise mit Molotowcocktails, oder die gewalttätigen Demonstrationen etwa an den Atombaustellen Brokdorf und Wackersdorf oder gegen den Bau der Startbahn West auf dem Frankfurter Rhein-Main-Flughafen. Hier kam es 1987 sogar zu einem Doppelmord an zwei Polizisten durch einen Linksextremisten; Andreas Eichler erhielt 15 Jahre Haft, wurde aber nach zwei Dritteln auf Bewährung entlassen. Auch nach dieser Tat distanzierten sich selbst radikale linke Gruppierungen, die selbst zu den Protesten gegen den Flughafen aufgerufen hatten: „Uns kotzen diese Schüsse an“, erklärten laut „Spiegel“ die „Anarchisten und Autonomen“ des „Libertären Zentrums“ in Frankfurt/Main: „Diese Form von Gewalt wirft uns um eine halbe Ewigkeit zurück.“ Das Prinzip der Verharmlosung linksextremer Anschläge hat Methode. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.