Welt 30.09.2026
11:42 Uhr

„So laut hat er noch nie geschrien“ – Block-Tochter schildert erstmals Entführung in Silvesternacht


Während ihre Mutter Christina Block noch immer vor Gericht steht, geht ihre heute 16 Jahre alte Tochter Klara an die Öffentlichkeit. In einem Podcast erzählt sie, was damals wirklich geschah.

„So laut hat er noch nie geschrien“ – Block-Tochter schildert erstmals Entführung in Silvesternacht

Nach fast 80 Verhandlungstagen geht der Hamburger Prozess gegen die Steakhouse-Erbin Christina Block (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article6aad4903708e760b5e06349f/prozess-wegen-kindesentfuehrung-kurz-vor-dem-urteil-sendet-die-richterin-ein-klares-signal-an-christina-block.html) in die Schlussphase. Der 53-Jährigen wird vorgeworfen, eine israelische Sicherheitsfirma mit der Entführung ihrer beiden Kinder aus Dänemark nach Deutschland beauftragt zu haben. Wie die Silvesternacht 2023/24 aus Sicht der Kinder verlief, schildert nun erstmals Blocks jüngste Tochter Klara öffentlich in einem Podcast „House of Block“ (verlinkt auf https://www.zeit.de/serie/verbrechen) . Auch ihr Vater und dessen Lebensgefährtin kommen darin zu Wort. Bislang hatte Klara nur dem Gericht hinter verschlossenen Türen geschildert, wie sie die Tatnacht erlebt hatte. „Ich wollte erzählen, was mir und meiner Familie passiert ist an dem Silvester. Wie soll ich anfangen?“, sagt Klara in der ersten Folge zu dem Entführungsfall bei „Zeit Verbrechen“. Damals war sie 13 Jahre alt, heute ist sie 16. Nach Klaras Schilderung bricht die Familie kurz vor Mitternacht zum Hafen einer dänischen Kleinstadt auf, um sich das Feuerwerk anzusehen. Sie lebt zu dem Zeitpunkt mit ihrem Bruder bei ihrem Vater Stephan Hensel und seiner Lebensgefährtin Astrid Have in Dänemark. Schon damals gibt es Sicherheitsbedenken, dass die leibliche Mutter die Kinder gewaltsam zurückbringen könnte. Denn der Streit um die jüngsten der vier gemeinsamen Kinder zwischen Hensel und der Millionenerbin war eskaliert, weil Klara und ihr damals zehn Jahre alter Bruder Theo nicht wie vereinbart zur Mutter zurückkehrten. „Und dann hat sie rot gesehen. Und ich wollte nicht lockerlassen“, erklärt Hensel. Die Familie lebt damals in einem Ort namens Grasten direkt hinter der deutsch-dänischen Grenze. Hensels dänische Lebensgefährtin berichtet in dem Podcast von Kameras, die im Garten entdeckt worden sind; von unbekannten Männern, die vor dem Haus gestanden und die Familie beobachtet hätten. Auch an der Schule seien verdächtige Personen aufgetaucht. Die Polizei nimmt die Hinweise der Familie so ernst, dass die Kinder Notfallknöpfe erhalten – Geräte, die bei Aktivierung nicht nur den Notruf alarmieren, sondern mittels Mikrofon alles aufzeichnen, was in der Umgebung zu hören ist. Die Kinder haben diese Absicherung stets dabei – auch an bestagtem Silvester. Kurz vor Mitternacht geben die Erwachsenen dem Wunsch der Kinder nach, sich draußen das Feuerwerk am Hafen anzusehen. „Ich wollte nicht der Paranoide sein. Und dann haben wir gesagt: Na gut, also es ist kurz vor zwölf. Lass uns doch noch mal zum Hafen gehen“, sagt Hensel. Und auch Astrid Have erklärt: „Du kannst nicht zu den Kindern sagen: ‚Nein, du kannst nicht rausgehen, weil du entführt werden kannst.‘“ Doch das Feuerwerk ist der kleinen Tochter von Astrid Have zu laut. Sie bekommt Angst, deshalb gehen Mutter und Kind zurück ins Haus, das nur etwa 140 Meter vom Hafen entfernt liegt. Klara, ihr Bruder Theo und ihr Vater Stephan Hensel bleiben allein auf einer Terrasse am Wasser zurück. Plötzlich, so erinnert sich Hensel, habe er sich umgedreht und eine „völlig vermummte Person“ vor sich gesehen. „Dann lag ich schon auf dem Boden“, schildert er. „Ich hab’ mich auch mal versucht umzudrehen, also wieder auf den Rücken zu drehen, um dann in die Angriffsposition zu kommen. Dementsprechend hat man mir mal wieder ins Gesicht geschlagen mit der Faust. Man hat mir in den Unterleib getreten, mehrfach. Und auch an den Körper.“ Auch Klara erinnert sich an den Moment, als die Männer auftauchten: Zunächst habe sie die Schreie ihres Vaters gehört. „So laut, wie er noch nie geschrien hat. Also, es war furchtbar, fürchterlich“, sagt sie. Auch ihr Bruder, der damals zehnjährige Theo, habe geschrien. „Ich dachte nur: Ich will weg, ich will weg.“ Trotzdem sei sie geblieben – wegen ihres Bruders. „Ich dachte, ich kann ihn nicht allein lassen.“ Sie habe schon geahnt, warum die Männer gekommen seien. „Da hab ich meinen Papa gesehen, der halt am Boden lag und da Männer über ihm standen. Und Theo, der gerade in dieses Auto reingeschleppt wird.“ Einer der Männer habe schließlich auch sie zu Boden gestoßen und ihr die Hand auf den Mund gedrückt. „Und diesen Geruch, das ist ein richtig typischer Handschuhgeruch“, erinnert sich Klara. Sie habe geschrien – auf Deutsch, Dänisch und Englisch. Schließlich hätten zwei Männer sie an Kopf und Beinen gepackt und zu einem Fahrzeug getragen. „Ich konnte nichts machen. Ich konnte nicht mehr schlagen, ich konnte nicht mehr treten“, erinnert sie sich. Nach ihren Schilderungen lagen die beiden Geschwister während der Fahrt übereinander im Fußraum eines Wagens. Ein älterer Mann habe hinten bei ihnen gesessen. „Ich hab’ mich gekniffen, ich hab’ meine Augen geschlossen. Ich hab’ gedacht, dass das nicht passiert“, sagt Klara. Doch dann merkt sie: „Wir fahren und wir fahren echt schnell.“ Während der Fahrt drückt Theo insgesamt neunmal seinen Alarmknopf. Er habe unter ihr gelegen und über Atemnot geklagt, deshalb habe sie versucht, sich zu bewegen, erinnert sich Klara. Doch der Entführer habe sie auf Englisch angewiesen: „Be quiet now.“ Klara zufolge kreisen ihre Gedanken in dieser Zeit vor allem um ihren Vater. Sie fürchtete, die Täter hätten ihn mit einem Messer getötet. „Ich hatte wirklich so eine Angst davor, dass er tot wäre“, sagt sie. Als die Kinder dann erfuhren, dass sie zu ihrer Mutter gebracht werden sollten, reagierten sie offenbar anders, als die Entführer erwartet hatten. Auf den Aufnahmen des Notfallknopfes ist zu hören, wie sie protestieren. „No!“ Wann der Prozess gegen Christina Block endet, ist nicht bekannt. Der Unternehmerin drohen zehn Jahre Haft, sie bestreitet die Vorwürfe. Es gilt die Unschuldsvermutung. Das Sorgerecht für ihre beiden jüngsten Kinder liegt inzwischen vollständig beim Vater in Dänemark. Eine Sachverständige hatte in einem Gutachten erklärt (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/article6a7dd7970773f8de24672dbd/block-prozess-gutachterin-sieht-bei-den-block-kindern-eine-massive-traumatisierung.html) , sie seien durch die Ereignisse einer „massiven Traumatisierung“ ausgesetzt gewesen. Und deren Folgen würden bis heute andauern.