Es gibt ein Gedicht von Erich Kästner, das von einem Paar handelt, dem die Liebe abhandenkam. Die beiden sitzen im Café und rühren in ihren Tassen. Sie können es nicht fassen. Und – so denken wir uns das jedenfalls – schauen sich dabei an. So ähnlich muss man sich wohl das Leben von Doreen Brasch vorstellen. Die Kommissarin im Magdeburger „Polizeiruf“-Revier und die Welt da draußen – sie können es auch nicht so wirklich fassen. Brasch, gespielt von Claudia Michelsen, schaut die Welt an und will sie ein bisschen heil machen. Das schafft sie aber nicht, die Liebe kommt auch ihr abhanden. Claudia Michelsen hat manchmal unfassbar große Augen. Und sie beherrscht die hohe Kunst des beredten Mundwinkelverschiebens wie kaum jemand sonst. Sie macht aus jeder noch so mittelmäßigen Geschichte eine, die einen etwas angeht, selbst wenn sie herzlich fremd und etwas verworren ist. Deswegen sollte man ihre Rolle Doreen Brasch, diese Chef-Empathin des Sonntagabendkrimis, noch lange unter Bestandsschutz stellen. Die Geschichte, in der sich Kommissarin Brasch diesmal bewegt, ist eine der mittelguten – gemessen an Kriminalfilmmaßstäben. Dieser „Polizeiruf“ wird am Weltfrauentag (verlinkt auf https://www.welt.de/kultur/article244143181/Feiertag-Der-Heilige-fuer-den-Weltfrauentag.html) gesendet, und es dauert ein wenig, bis man den Verdacht loswird, „Your Body My Choice“ könnte ein Fall mit anschließender Caren-Miosga-Begleitung sein. Ein Themenabendkrimi eben. Abtreibungsgegner singen Lieder Ungefähr neun Minuten brauchen Regisseurin Franziska Schlotterer und Drehbuchautorin Annika Tepelmann, um ihr Personal aufs Spielbrett zu stellen. Gegenüber einer gynäkologischen Praxis singen Abtreibungsgegner (verlinkt auf https://www.welt.de/kultur/plus255133048/Abtreibung-Hoechste-Zeit-die-Vaeter-zu-anzuhoeren.html) christliche Lieder. Die Gynäkologin bekommt Hassbriefe, weswegen es ihr fast unmöglich ist, ihre Praxis zu betreiben: Ihr geht das Personal aus. Und eine Tote gibt es natürlich auch: Eine junge Frau, die Arzthelferin in der Praxis war, stirbt bei einem Fahrradunfall, weil ihre Bremsen manipuliert wurden. Die Praxis bleibt das Zentrum dieses Krimis. Eine junge Frau ist aus Polen gekommen, weil sie eine Schwangerschaft beenden will, von der niemand etwas wissen darf. Eine junge Aktivistin, die als „Abortion Buddy“ solchen Abtreibungswilligen hilft, übt Kickboxen. Und ein großer Mann streift durch die Straßen – er sieht nicht glücklich aus. Es fallen Sätze, wie sie in potenziellen Themenabendkrimis eben fallen müssen. Dass wir schon mal weiter waren mit den Frauenrechten (was stimmt) und das Klima im Land immer feindseliger wird (was auch stimmt). Der Ortsvorsitzende einer gesichert rechtsextremen Partei, die nicht genannt wird, will eine Versammlung von Abtreibungsgegnern kapern, die das aber nicht zulässt. Wie wenig die Filmemacher all die ethischen Zwiespälte, in denen sich die Beteiligten herumtreiben, plakativ aufplustern, ist schon mustergültig. Schlotter und Tepelmann erzählen Geschichten und verschränken sie miteinander. Manchmal allerdings scheinen sie dabei zu vergessen, was sie eigentlich tun sollten: einen Kriminalfilm drehen. Das macht aber nichts, weil jede Geschichte rund ist, eine psychologische Farbe beiträgt und keine von ihnen zur Heiligenlegende taugt. Auch die Besetzung überzeugt: Angefangen bei Sebastian Jakob Doppelbauer, der einen Experten für zartbitter randalierende Männlichkeit spielt, bis hin zu Nicola Magdalena Lüders, deren abtreibungswillige Dania so zerbrechlich wie stark ist. Und dann sind da noch Jenny Schily, die eine zumindest zwielichtige Frau wie die Abtreibungsärztin spielen kann wie kaum jemand sonst, und Luna Jordan, die als „Abortion Buddy“ wieder zeigt, dass sie eines der gegenwärtig erstaunlichsten und kraftvollsten Talente ist. Von Claudia Michelsen ganz zu schweigen. In diesem Polizeiruf hat sie als Doreen Brasch einen Sohn, der irgendwann in der rechtsextremen Szene verschwand. Und jetzt, sagt die Kommissarin, habe sie keinen Kontakt mehr. Sie wisse nicht mal, ob ihr Sohn noch lebe. Sie hätte auch abtreiben können, erzählt sie Lara, der ständig wütenden Abtreibungsbegleiterin. Sie habe ja sogar schon einen Termin gehabt. Wer weiß, von heute aus betrachtet, sinniert Doreen, hätte sie es vielleicht machen sollen? Mutterglück ist kein Automatismus. Doreen und Lara sitzen in der kalten Magdeburger Nacht auf dem Dach. Doreen hängt Lara ihre Jacke um. So wird Lara in „Your Body My Choice“ zur Tochter der Kommissarin, die sie nie hatte. Man wünscht den beiden alles Gute, aber dann kommt alles anders. Und man schaut Doreen Brasch und die Welt, in der so etwas möglich ist, mit großen Augen an. Denn aus so einer Welt kommt man nur mit Glück heile raus. Die „Polizeiruf“-Folge „Your Body My Choice“ ist am 8. März im linearen Programm der ARD sowie in der Mediathek zu sehen.