Welt 20.01.2026
07:18 Uhr

Skelette wurden auf Straßen geworfen, dann massakrierten verfeindete Milizen Zivilisten


Im Januar 1976 eskalierte der Bürgerkrieg im Libanon. Das frühere „Paris des Ostens“ versank für drei Jahrzehnte im Chaos. Die Wurzeln des Konflikts lagen im Krieg der arabischen Machthaber gegen Israel und bei der gewaltbereiten PLO.

Skelette wurden auf Straßen geworfen, dann massakrierten verfeindete Milizen Zivilisten

Sogar der Friedhof wurde geschändet: Am 20. Januar 1976 zerrten aufgehetzte Bewaffnete in Damour, einer kleinen Stadt an der Küstenstraße südlich der libanesischen Hauptstadt Beirut, Särge aus zahlreichen Grabkammern und brachen sie auf; die Skelette mehrerer Generationen verstorbener Einwohner wurden auf den Straßen verstreut. Als erste Bilder derartig entweihter Ruhestätten um die Welt gingen, war das Erschrecken groß. Sogar größer als über gleichzeitige Morde an Zivilisten (verlinkt auf https://web.archive.org/web/20070602081355/http://www.cedarland.org/damour.html) . Schon einige Stunden vor den Übergriffen auf die Gräber nämlich hatte in Damour ein Massaker (verlinkt auf https://web.archive.org/web/20051222152841/http://lfpics.com/dammour) stattgefunden: Am Morgen dieses Dienstags drangen Palästinenser und Mitglieder linker libanesischer Milizen in Damour ein, einer fast ausschließlich von Angehörigen der maronitischen Kirche bewohnten Gemeinde. Die meisten Täter, die Gesichter oft mit einer Kufiya verhüllt, stellten etwa 20 Angehörige der christlichen Falangisten-Miliz an die Wand und erschossen sie mit Maschinengewehren. Allerdings starben neben ihnen auch Zivilisten: Frauen, ältere Männer und Kinder, oft ganze Familien. Die Zahl der Opfer von Damour (verlinkt auf https://www.ictj.org/sites/default/files/ICTJ-Report-Lebanon-Mapping-2013-EN_0.pdf) am 20. Januar 1976 wurde auf mindestens 150 bis maximal 582 geschätzt; am wahrscheinlichsten dürfte sein, dass etwa 250 Menschen gewaltsam starben. Dutzende Häuser steckten die Angreifer in Brand oder sprengten sie sogar; zahlreiche junge Frauen wurden vergewaltigt. Doch erst die Friedhofsschändung lenkte die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit auf den mörderischen Konflikt in der Levante. Beirut hatte ein Jahrhundert lang als „ Paris des Orients (verlinkt auf https://www.welt.de/print-welt/article250180/Wir-hatten-ein-Haus-in-Beirut.html) “ gegolten, war fraglos das wichtigste Finanz- und Handelszentrum im Nahen Osten gewesen. Doch dann kam das Chaos: Im Bürgerkrieg verschiedener religiöser und ethnischer Gruppen verlor Libanons Hauptstadt die Stellung als Scharnier zwischen der arabischen Welt und dem Westen. Wer dafür hauptverantwortlich gemacht wurde, hing von der Perspektive ab. Vor allem im südlichen Libanon und rund um Beirut lagen mehr als ein Dutzend große Lager voll palästinensischer Flüchtlinge. Viele von ihnen waren im Zuge des israelischen Unabhängigkeitskriegs 1948/49 (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article155475121/Palaestinakrieg-Ausgerechnet-Hitlers-Allzweck-Jaeger-retteten-Israel.html) geflüchtet. Damals hatten die Herrscher der Anrainerstaaten, außer dem Libanon noch Ägyptens, Syriens und Jordaniens, den Teilungsplan der Vereinten Nationen gewaltsam zu verhindern versucht. Sie wurden besiegt, und der deutlich größere Staat Israel entstand. Als Folge flüchteten etwa 200.000 arabische, oft muslimische, teilweise aber auch christliche Palästinenser in den von Ägypten besetzten Gaza-Streifen, etwa halb so viele überquerten die Grenze in den Libanon. Jeweils etwa 75.000 kamen nach Syrien und Jordanien. Doch die Aufnahmestaaten erlaubten den Flüchtlingen nicht, sich anzusiedeln und ein besseres Leben aufzubauen; stattdessen wurden sie in oft slumartigen Lagern eingepfercht. Das hatte zwei Gründe: Erstens fürchteten die herrschenden Schichten in Ägypten, Jordanien und Syrien um ihre Macht, falls die Flüchtlinge sich etablieren würden, und zweitens boten die Lager „ideale“ Bedingungen, um Kämpfer gegen Israel zu erzeugen. Im „Schwarzen September“ 1970, gut zwei Jahrzehnte nach Entstehung der Lager, warf Jordaniens König Hussein (verlinkt auf https://www.welt.de/print-welt/article565890/Trauer-um-Koenig-Hussein.html) die linksnationalistische, antisemitische „Palästinensische Befreiungsorganisation“ (PLO) aus seinem Land heraus. Viele ihrer Kader gingen in die palästinensischen Lager im Libanon, während die Führung in Villen in Algerien und Tunesien Quartier nahm. Seither eskalierten im Libanon (verlinkt auf https://tile.loc.gov/storage-services/master/frd/frdcstdy/le/lebanoncountryst00coll/lebanoncountryst00coll.pdf) die Spannungen zwischen den verschiedenen Volksgruppen. Religiös war das Land mit seinen 1975 etwa 2,6 Millionen Einwohnern so gespalten wie kein anderes im Nahen Osten: Etwas mehr als die Hälfte machten Christen aus, allerdings von nicht weniger als sechs größeren Kirchen: griechisch-orthodox, griechisch-katholisch, armenisch-apostolisch, armenisch-katholisch, protestantisch und koptisch. Die übrigen gehörten dem sunnitischen oder dem schiitischen Islam an, waren Drusen oder Alawiten (zwei sehr verschiedene Abspaltungen des Islam); hinzu kamen einige wenige Juden. Die von gewaltbereiten und skrupellosen Funktionären geführte PLO drängte seit 1971 nach mehr Macht im Land. Am 13. April 1975 eskalierte die Lage. An diesem Sonntag fuhren etwa sechs PLO-Guerillas (Fedajin) an einer Kirche im vorwiegend christlichen Ostteil von Beirut vorbei und schossen demonstrativ in die Luft. Bewaffnete der christlichen Falangisten-Miliz erschossen den Fahrer des Wagens. Kurz darauf beschossen Unbekannte die nach dem Gottesdienst aus der Kirche strömenden Gläubigen; vier Menschen starben. Daraufhin töteten Falangisten die meisten (oder alle) Insassen eines Busses mit PLO-Symbolen; zwischen 22 und 28 Menschen starben. Nun kam es zu heftigen Kämpfen in ganz Beirut. PLO und die libanesischen Linksnationalisten (LNM) auf der einen, Falangisten und offizielle Sicherheitskräfte auf der anderen Seiten töteten insgesamt wohl mehr als 300 Menschen. Es war der Beginn des libanesischen Bürgerkriegs, der monatelang hauptsächlich aus Angriffen der verschiedenen Milizen aufeinander bestand. Anfang 1976 griffen die Kriegsparteien zu einer neuen Form der Gewalt: Am 4. Januar begannen christliche Milizen, mehrere palästinensischen Lager zu belagern. Umgekehrt riegelten PLO und LNM ab dem 9. Januar christliche Städte ab, darunter Damour. Während dieser gegenseitigen Belagerungen kam es in anderen Regionen des Landes, zu Kämpfen, um den jeweiligen Gegner zur Aufhebung der Blockaden zu zwingen. Am 18. Januar 1976 griffen christliche Kämpfer ein Lager mit etwa 30.000 Bewohnern an; am folgenden Tag durchkämmten sie das Gebiet von Haus zu Haus und erschossen diejenigen, die zu fliehen versuchten. Angaben über die Zahl der Opfer schwanken zwischen 600 und 1500. Überlebende berichteten, dass PLO-Kämpfer im Lager Zivilisten gewaltsam an der Flucht hinderten. Als Reaktion auf die Gewalt von Falangisten stürmten Palästinenser und libanesische Linksnationalisten am 20. Januar Damour, mit tödlichen Folgen. Zivilisten, die in der Kirche Zuflucht gesucht hatten, wurden erschossen. Erst jetzt nahm die Weltöffentlichkeit wirklich Notiz von der Gewalt. Aus Syrien drangen mehrere Tausend PLO-Kämpfer mit Panzern und weiterem schweren Gerät in den Libanon ein. Bald darauf griff der in Damaskus herrschende Diktator Hafiz al-Assad aktiv im Nachbarland ein, allerdings aufseiten der christlichen Bevölkerungsmehrheit. Spätestens jetzt war der Libanon zum Spielfeld der verschiedenen Regionalmächte geworden, die miteinander um strategisch günstigere Ausgangspositionen für einen erwarteten „großen“ Nahostkrieg rangen. Syrien etwa wollte verhindern, dass die PLO Israel dazu brachte, selbst einzugreifen – doch genau das geschah zuerst 1978 und dann erneut 1982, diesmal wesentlich umfangreicher. Erst 1990 beruhigte sich die Lage, nach geschätzt etwa 110.000 Toten sowie ähnlich viel Verletzten. 800.000 Menschen flohen aus dem Libanon ins Ausland. Weitere anderthalb Jahrzehnte stand das Land unter syrischer Kontrolle; erst am 27. April 2005 konnten viele Libanesen den „Free-from-Syria-Day“ feiern. Inzwischen ist das 1976 bis 1990 größtenteils zerstörte Beirut wieder aufgebaut.