Hoch über dem modernen Monaco, auf einem Ausläufer der Seealpen, erheben sich die Reste eines monumentalen Turms. Mit seinen 35 Metern Höhe ist er auch heute noch weithin sichtbar. Als er in den Jahren 7/6 v. Chr. errichtet wurde, maß er zusammen mit seinem Sockel stolze 50 Meter und war mit 24 dorischen Säulen umrahmt. Eine Inschrift (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Tropaeum_Alpium) nannte den Erbauer und den Grund für das Denkmal: dem Kaiser Augustus, „unter dessen Anführung alle Alpenvölker vom Oberen (Tyrrhenischen) Meer bis zum Unteren (Adriatischen) Meer unter die Herrschaft des römischen Volkes gebracht wurden“. Es folgt eine lange Liste der Unterworfenen, insgesamt 46 Namen. Die Eingliederung des Hochgebirges in das Imperium hat nicht zuletzt tiefe Spuren in der Flora hinterlassen. Das ist das Ergebnis einer internationalen Studie unter Leitung der Universität Freiburg, die jetzt in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) (verlinkt auf https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2516240122) erschienen ist. „Mit der Ausdehnung des Römischen Reiches nördlich der Alpen konnten wahrscheinlich durch verbesserte Transportinfrastruktur auch zuvor ungenutzte Waldbestände erschlossen werden“, sagt der Erstautor Bernhard Muigg (verlinkt auf https://uni-freiburg.de/waldnutzung-in-der-antike-roemische-expansion-veraenderte-die-waelder-noerdlich-der-alpen/) , wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Wald- und Forstgeschichte der Universität Freiburg. Für ihre Untersuchung haben die Wissenschaftler mehr als 20.000 Holzfunde aus der Antike analysiert, die auf die Zeit zwischen 300 v. und 700 n. Chr. bestimmt werden konnten. Die Proben stammen unter anderem aus Frankreich, Deutschland, der Schweiz und Österreich. Es zeigte sich, dass die nordalpinen Wälder bereits in vorrömischer Zeit von den zumeist keltischen Bewohnern intensiv genutzt wurden. Damit war es im Jahr 15 v. Chr. zu Ende. Um die Routen über die Alpenpässe zu sichern (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article178916540/Alpenuebergang-Mit-diesem-Geniestreich-schockierte-Hannibal-die-Roemer.html) – die wichtigsten waren Großer und Kleiner St. Bernhard, Brenner, Reschen-, Splügen und Julierpass – und um die Stämme als Unruhefaktoren auszuschalten, nahmen die Stiefsöhne des Augustus, Drusus (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article224615637/Roms-Krieg-in-Germanien-Unheimliche-Frau-rettete-Germanien-vor-Drusus-Legionen.html) und Tiberius, die Alpen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article255919276/Tiberius-Warum-Roms-Kaiser-als-Heuchler-in-die-Geschichte-einging.html) von zwei Richtungen aus in die Zange. Die Kämpfe zeichneten sich durch außerordentliche Brutalität aus, „wobei die römische Armee viel Blut vergoss“, wie der Historiker Velleius Paterculus berichtet. Über die Art ihrer Kriegs- und Beutezüge, mit der die Bergstämme Handelskarawanen und Reisende drangsalierten, schreibt der Senator Cassius Dio: „Sie töteten alles, was unter den Gefangenen männlich war, nicht nur das Geborene, sondern auch, wenn sie das Geschlecht durch Wahrsagereien bestimmen zu können glaubten, die Knaben im Mutterleib.“ Im Kern sagt das einiges über die Heftigkeit aus, mit der sich die Alpenbewohner zur Wehr setzten. Innerhalb von zwei Jahren sorgten die Legionen für Friedhofsruhe. „Der größte und kräftigste Teil ihrer Mannschaft“ wurde in die Sklaverei geführt oder in die Hilfstruppen eingereiht. „Zurück ließ man nur so viele, wie das Land bebauen, aber keine Unruhen mehr anfangen konnten“ (Cassius Dio). Umgehend begann die Erschließung der Alpen durch römische Beamte und Geschäftsleute. Wie die Proben des Teams zeigen, wurden nun auch alte, bislang ungenutzte ältere Waldbestände in Randlagen in die Holzwirtschaft eingebunden. Die Forscher erklären dies mit einer besseren Infrastruktur und Organisation durch die Anlage zahlreicher Stützpunkte und Siedlungen. Dass Holz zu den wichtigsten Wirtschaftsgütern des Gebirges gehörte, bezeugt auch der antike Geograf Strabon: „Es enthalten die dortigen Berge sehr viele taugliche Wälder, die für den Schiffsbau nützlich sind. Manche ihrer gewaltigen Bäume haben einen Durchmesser von acht Fuß. Viele davon sind auch ihrer bunten Masern wegen nicht weniger gut zur Tischlerarbeit geeignet als das Zedernholz.“ Dieses musste jedoch aus der Levante eingeführt werden. Wichtig war das Alpenholz auch für den Betrieb der Salinen und Bergwerke, in denen Rohstoffe wie Kupfer, Eisen und Edelmetalle gewonnen wurden. Die Holzproben lassen auch Rückschlüsse auf die politische Situation zu. Die Krise des 3. Jahrhunderts, als sich Kaiser in schneller Reihenfolge ablösten und barbarische Kriegergruppen wiederholt tief in das Reichsgebiet einfielen, zeichnet sich in den Holzfunden durch den Mangel an alten Bäumen aus. Dies deute zum einen auf eine lokale Übernutzung der Wälder hin, schreibt das Team. Zum anderen lässt der Rückgang von Nadelhölzern und daraus hergestellten Transportbehältnissen wie Fässer auf eine Wirtschaftskrise schließen, von der sich die westliche Reichshälfte in der Spätantike kaum mehr erholte. Für die Wälder der Alpen hatte das zumindest die erfreuliche Konsequenz, dass eine Wiederbewaldung einsetzte, die bis ins Frühmittelalter anhielt. Erst die Bevölkerungszunahme und das damit verbundene Siedlungsausbau sorgten im Hochmittelalter dafür, dass Holz als wichtigste Ressource für Hausbau (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article181608244/Bewegter-Homo-sapiens-Die-Kannibalen-von-Herxheim-und-andere-Schaedel.html) , Technik und Energie in großem Maßstab geschlagen und gehandelt wurde. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.