Welt 16.01.2026
13:29 Uhr

„Sie fühlte sich ausgenutzt“ – Kellnerin mit Helm wollte rechtlich gegen Betreiber vorgehen


Nach der Brandkatastrophe im „Le Constellation“ zweifelt die Familie der toten Kellnerin mit Helm an den Darstellungen der Betreiber. Demnach lag überhaupt kein inniges Verhältnis vor. Stattdessen hatte die 24-Jährige „erhebliche Schwierigkeiten mit ihren Arbeitgebern“, so eine Anwältin.

„Sie fühlte sich ausgenutzt“ – Kellnerin mit Helm wollte rechtlich gegen Betreiber vorgehen

Nach dem tödlichen Brand in der Bar „Le Constellation“ an Silvester im Schweizer Wintersportort Crans-Montana mit 40 Toten wachsen die Zweifel an der Darstellung der Betreiber. Unter anderem widerspricht die Familie der verstorbenen Kellnerin Cyane P. der Behauptung, zwischen der 24-Jährigen und den Besitzern habe ein enges, vertrautes Verhältnis bestanden. „Cyane und die Eheleute Moretti haben sich nie geduzt. Dies geht eindeutig aus den sehr professionellen Nachrichten hervor, die zwischen ihnen ausgetauscht wurden – und dies noch am Tag des Brandes“, erklärt die Familie über ihre Anwältin Me Sophie Haenni in einem Interview mit BFMTV (verlinkt auf https://www.bfmtv.com/international/europe/suisse/document-bfmtv-ils-ont-ete-heurtes-l-avocate-de-la-famille-de-cyane-affirme-qu-elle-n-a-pas-bien-pris-la-reaction-de-la-co-gerante-du-bar-incendie-a-crans-montana_AV-202601140836.html) . Die Beziehung sei „nicht so eng gewesen wie behauptet“. Bei der Kommunikation habe es sich „im Wesentlichen um Anweisungen gehandelt, die Jessica Moretti an Cyane erteilt hat“. Nach Angaben der Anwältin habe P. zudem vor ihrem Tod rechtliche Schritte gegen die Betreiber eingeleitet. Sie habe beim zuständigen Arbeitsgericht ein Schlichtungsverfahren beantragt, um einen schriftlichen Arbeitsvertrag, ihr Arbeitszeugnis sowie ihre Lohnabrechnungen zu erhalten. Diese Unterlagen habe sie nach Darstellung der Anwältin trotz wiederholter Nachfrage nicht bekommen. Die Arbeitsbelastung der jungen Frau sei gleichzeitig extrem gewesen. Laut Aussage ihrer Angehörigen arbeitete P. „ohne Unterlass“ und absolvierte „unendliche Tage“, „die tagsüber im Betrieb ,Senso‘ begannen und erst im Morgengrauen im ,Le Constellation‘ endeten“. Pausen oder klare Arbeitszeiten habe es demnach kaum gegeben. „Sie hatte erhebliche Schwierigkeiten mit ihren Arbeitgebern“, berichtet auch das Portal „Midilibre“ (verlinkt auf https://www.midilibre.fr/) und zitiert aus einer Erklärung der Familie. Kurz vor ihrem Tod habe P. ihrer Familie von massiver Überlastung berichtet. „Sie fühlte sich ausgenutzt“, ließen die Eltern weiter über ihre Anwältin mitteilen. „Kurz vor ihrem Tod berichtete Cyane der Familie von ihrer starken Erschöpfung, sowohl körperlich als auch seelisch. Sie äußerte ihr Unverständnis über das aus ihrer Sicht fehlende Mitgefühl und Verständnis seitens ihrer Arbeitgeber.“ Besonders schwer wiegt für die Familie der Ablauf am Abend des 31. Dezember. P. sei ursprünglich für den Gästeempfang eingeteilt gewesen. „Jessica Moretti bat sie, aufgrund der vielen bestellten Flaschen nach unten zu gehen, um ihren Kollegen zu helfen. Cyane befolgte die Anweisungen, erledigte ihre Arbeit und tat dies vor dem Manager“, heißt es in einer Mitteilung weiter. Über mögliche Gefahren oder Sicherheitsmaßnahmen sei sie dabei nicht informiert worden, erklärten sie gegenüber BFMTV. Die Familie kündigt an, den juristischen Weg konsequent weiterzugehen. Ziel sei es, Verantwortung zu klären und sicherzustellen, dass Sicherheitsvorschriften künftig strikt eingehalten werden. Die Zeit nach dem Tod ihrer Tochter sei geprägt von einem Gefühl der „Ohnmacht, Ungerechtigkeit und Unsicherheit“. „All das vermischt sich zudem mit Frustration und Wut“, fasst die Anwältin zusammen. Das stützt auch die Aussage von P.s bester Freundin, die selbst bei dem Brand verletzt wurde. Sie berichtet von Panik, Gedränge und nur einem einzigen offenen Fluchtweg. „Alles ging sehr schnell. Ich wollte ihr nur ein frohes neues Jahr wünschen, weil sie gearbeitet hat. Dann gab es Feuer und eine Explosion“, sagte die junge Frau dem französischen Sender France 3 (verlinkt auf https://france3-regions.franceinfo.fr/occitanie/herault/sete/temoignages-partir-comme-cela-ca-ne-devrait-pas-exister-les-parents-de-la-jeune-setoise-decedee-dans-l-incendie-de-crans-montana-cherchent-des-reponses-a-ce-drame-3276806.html) . Sie schaffte es demnach mit ihrem Partner „durch die einzige offene Tür hinaus. Wir sind wie durch ein Wunder entkommen. Alle drängten und trampelten in diesem engen Durchgang. Es herrschte totale Panik.“ P. aber habe durch eine andere Tür fliehen wollen, diese sei jedoch verschlossen gewesen sei. „Es waren ihre Freunde, die sie gefunden haben. Sie lebte noch, war aber bewusstlos. Sie haben 40 Minuten lang eine Herzmassage durchgeführt. Sie konnte nicht wiederbelebt werden“, schildert auch ihre Mutter in einem Interview mit dem Sender. Und P.s ältere Schwester ergänzt: „Was passiert ist, ist untragbar. Dass Geld über Sicherheit gestellt wird, ist nicht normal. Das hätte niemals passieren dürfen. Ihr Tod hinterlässt für mich eine riesige Leere.“ Bei dem Feuer in der Bar „Le Constellation“ waren in der Silvesternacht 40 Menschen ums Leben gekommen. 116 weitere Menschen erlitten teils sehr schwere Verletzungen. Wegen des Brandes wurden Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Verursachung eines Brandes eingeleitet. Der Mann des Betreiber-Ehepaars wurde in Untersuchungshaft genommen, seine Ehefrau blieb zunächst auf freiem Fuß. Die Französin Jessica Moretti darf jedoch die Schweiz nicht verlassen, muss ihren Pass und Ausweispapiere hinterlegen und sich täglich bei einer Polizeidienststelle melden, wie das Zwangsmaßnahmengericht in Sitten (Sion) mitteilt. Das Portal „Watson“ (verlinkt auf https://www.watson.ch/schweiz/justiz/264118917-auch-im-wallis-wurde-bereits-gegen-bar-betreiber-moretti-ermittelt) berichtet, dass ihr Betrieb „Senso“ kontrolliert worden sei, weil sich Mitarbeiter über Nicht-Einhaltung der Arbeitszeiten beschwert hatten. Die Ermittlungen laufen noch, allerdings sollen die Opfer eine staatliche Soforthilfe in Höhe von jeweils 10.000 Schweizer Franken (etwa 10.740 Euro) erhalten. Der Pauschalbetrag werde für jedes Opfer gezahlt, das wegen seiner Verletzungen im Krankenhaus behandelt oder ums Leben gekommen seien, teilten die Behörden des Kantons Wallis am Mittwoch mit. Zuvor war bekannt geworden, dass die Bar seitens der Behörden seit Jahren nicht mehr kontrolliert worden war, obwohl dies vorgeschrieben ist. Die Gründe dafür sind bislang nicht bekannt.