Europäische Sicherheitsbehörden rechnen in den kommenden Monaten mit einer Zunahme russischer Sabotageakte. Das haben WELT AM SONNTAG und der britische „Telegraph“ (verlinkt auf https://www.telegraph.co.uk/) , wie diese Zeitung Mitglied des Axel Springer Global Reporters Network, in vertraulichen Gesprächen mit Sicherheitsbehörden erfahren. Ein hochrangiger Nato-Vertreter sagte, das Militärbündnis erwarte eine aggressivere Kommunikation aus Moskau und eine Ausweitung hybrider Angriffe in Europa (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article6abe36f43af773f07b893806/russland-und-der-westen-man-koennte-das-signal-an-moskau-senden-auch-wir-koennen-einen-hybriden-krieg-fuehren.html) . Das sei auch eine Reaktion des Kremls auf den westlichen Ausbau der Verteidigungsfähigkeit. „Wir glauben, dass Russland derzeit einem Druck ausgesetzt ist, der bemerkenswert hoch ist – wahrscheinlich so hoch wie nie zuvor während des Krieges und zu keinem Zeitpunkt während Wladimir Putins (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/wladimir-putin/) Amtszeit in Russland.“ Analysten der Bundesregierung rechnen ebenfalls mit einer Verschärfung der Angriffe. Der fehlgeschlagene Drohnen-Angriff auf ukrainische Antonow-Maschinen am Flughafen in Leipzig im August sei Ausdruck einer grundsätzlichen Entwicklung. Haupttreiber dieser vom Kreml angeordneten Attacken ist nach Einschätzung deutscher Behörden der Militärgeheimdienst GRU. Russland gehe es vor allem um die psychologische Wirkung solcher Angriffe, sagen Vertreter von Sicherheitsbehörden. Moskau wolle den europäischen Gesellschaften vermitteln, dass die Unterstützung der Ukraine mit Risiken verbunden sei. Ziel sei es, Einfluss auf die öffentliche Debatte zu nehmen und die Unterstützung für die Ukraine zu schwächen. Dazu gehörten auch gezielte Drohungen und Anschlagspläne gegen Manager von Rüstungsunternehmen, deren Firmen die Ukraine unterstützen. Deutschland stehe als Hauptunterstützer der Ukraine besonders im Fokus. Eine spürbare Zunahme russischer Sabotage- und Terrorangriffe erwartet daher CDU-Außenpolitiker Roderich Kieswetter. Russland werde dabei auch zivile Opfer in Kauf nehmen. „Die Angriffe haben klar eine militärische Komponente. Russland sieht sich im Krieg mit der Nato, der EU und uns“, so Kieswetter. Der CDU-Politiker fordert, die militärische Unterstützung für die Ukraine „wesentlich“ zu erhöhen, etwa durch die Lieferung von weitreichenden Waffen, wie den Marschflugkörpern Taurus. Der Grünen-Politiker Robin Wagener, stellvertretendes Mitglied des Verteidigungsausschusses, sagt: „Der russische Staatsterror gegen EU-Mitglieder soll die Ukraine und unseren Verteidigungswillen schwächen.“ Auch er rechnet mit einer weiteren Eskalation des „Schattenkriegs“ und warnt vor einem breiten Spektrum möglicher Angriffe, von Cyberattacken und Sabotage bis zu Mordanschlägen. Militärische Provokationen, etwa in der Ostsee, schließt er nicht aus. Es sei beschämend, dass die russische Schattenflotte ungestört deutsche Gewässer durchkreuze und dabei Milliarden in Putins Kriegskassen pumpe. Eine langfristige Strategie sieht vor allem der frühere österreichische Geheimdienstchef Omar Haijawi-Pirchner hinter den russischen Aktivitäten. Der Kreml verstehe sein Verhältnis zu Europa als „systemischen Konflikt“. Der ehemalige Geheimdienstler rechnet mit einer Zunahme von Drohnenüberflügen sowie Angriffen auf Rüstungsunternehmen und die kritische Infrastruktur. Auch der frühere Präsident des Bundesnachrichtendienstes, Gerhard Schindler, zeichnet eine düstere Prognose. Ziel der hybriden Angriffe sei es, die Unterstützung für die Ukraine zu schwächen. „Die Bevölkerung soll Angst haben vor einer direkten kriegerischen Auseinandersetzung und daher am Sinn der Hilfen für die Ukraine zweifeln.“ Schindler zufolge hat Russlands Präsident Putin zwei zentrale Ziele: einen militärischen Erfolg in der Ukraine und die Schwächung der Unterstützung für Kiew. „Deshalb wird er beides steigern, nämlich den militärischen Druck auf die Ukraine und den hybriden Druck auf den Westen“, sagt Schindler. Die russische Botschaft wies auf Anfrage von WELT AM SONNTAG die „haltlosen Anschuldigungen“ hinsichtlich einer angeblichen Verwicklung Russlands an „Sabotage-Aktivitäten“ zurück. Die Wirtschaft soll sich nach dem Willen der Politik künftig stärker selbst gegen Drohnen schützen. Der Industrieverband BDI hat nach Informationen von WELT AM SONNTAG daher eine Arbeitsgruppe mit fast 100 Unternehmen gegründet. Behörden prüfen derzeit, wie die Firmen mehr für die Abwehr von Drohnen über kritische Infrastrukturen oder ihre Betriebsgelände tun können. Der BDI fordert von der Regierung vorab die Klärung offener Haftungsfragen. Wir sind das WELT-Investigativteam: Sie haben Hinweise für uns? Dann melden Sie sich gerne, auch vertraulich – per E-Mail (verlinkt auf mailto:investigativ@welt.de) oder über den verschlüsselten Messenger Threema (8SNK792J).