Welt 05.12.2025
07:43 Uhr

Selbst US-Fallschirmjäger bevorzugten das deutsche Sturmgewehr 44


In der Schlacht um Bastogne im Dezember 1944 verteidigten sich eingekesselte GIs mit der damals neusten Infanteriewaffe ihres Gegners: dem Sturmgewehr 44. Hitler allerdings lehnte die Waffe ab und ließ zeitweise sogar die Produktion stoppen.

Selbst US-Fallschirmjäger bevorzugten das deutsche Sturmgewehr 44

Die Analyse des Gegners fiel negativ aus: „Bei ihren Versuchen, eine leichte, präzise Waffe mit erheblicher Feuerkraft in Massenproduktion herzustellen, stießen die Deutschen jedoch auf Schwierigkeiten, die die Wirksamkeit erheblich einschränkten“, heißt es in einem Bericht des US War Department vom April 1945 (verlinkt auf https://web.archive.org/web/20180515143046/https://www.educacion-holistica.org/notepad/documentos/War/Weapons/German%20Automatic%20Rifles%201941-45.pdf) . Unter anderem monierten die Waffenexperten der Army: „Da es größtenteils aus billigen Stanzteilen besteht, verbeult es leicht und neigt daher zu Ladehemmungen.“ Außerdem sei zwar sowohl vollautomatisches als auch halbautomatisches Feuer möglich, allerdings kein Dauerfeuer. „Offizielle deutsche Vorschriften verlangen von den Soldaten, sie nur als halbautomatische Waffe zu verwenden.“ Lediglich in Notfällen sei vollautomatisches Feuer in Salven von zwei bis drei Schuss gestattet. Die Waffe, die so streng beurteilt wurde, gilt dennoch Jahrzehnte später als das beste Gewehr des Zweiten Weltkriegs. Es geht um den Maschinenkarabiner 42, die erste Waffe, für die der Begriff „Sturmgewehr“ geprägt wurde. Anfang Dezember 2025 erhält die Bundeswehr offiziell die ersten Serienmodelle des insgesamt dritten Sturmgewehrs ihrer Existenz, das G95 (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article693059ebc71d390e2ebccb2b/bundestag-billigt-ruestungskaeufe-fuer-2-5-milliarden-euro-auch-fuer-neues-sturmgewehr-g95.html) als Nachfolger des G36 (verlinkt auf https://www.welt.de/debatte/kolumnen/Fuhrs-Woche/article116697821/Bundeswehr-Gewehr-Das-G36-taugt-nicht-einmal-fuer-Hirsch-und-Sau.html) (seit Dezember 1997) und des G3 (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/article198919937/Schleswig-Holsteins-Polizei-mustert-G3-Gewehre-aus.html) (seit Dezember 1958). Grund genug für einen Rückblick auf die Entwicklung des Stammvaters der Waffenkategorie und seine anderen Nachkommen. Die Wehrmacht war seit Juni 1935 mit dem Karabiner 98k (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article118847544/Gefechtstaktik-Der-heimliche-toedliche-Kampf-der-Scharfschuetzen.html) ausgerüstet. Dieses Muster der Waffenfabrik Mauser beruhte auf dem deutschen Standardgewehr des Ersten Weltkriegs, dem Modell 98. Es handelte sich um eine robuste Waffe mit zuverlässigem Verschluss, jedoch um ein Repetiergewehr, das man von Hand nachladen musste. Mehr als ein Schuss pro Sekunde war so nicht zu erreichen, und schon nach fünf Schüssen musste der Ladestreifen durch einen neuen ersetzt werden. Ein weiterer Nachteil war, dass die Patrone des 98k sehr stark war. Bei einem Kaliber von 7,92 Millimeter war die Hülse 57 Millimeter lang und mit einer großen Pulverladung versehen. Das sorgte für große Durchschlagskraft und Reichweite, beanspruchte aber den Lauf sehr; hinzu kam der kräftige Rückstoß der Waffe. Trotzdem entschied das Heereswaffenamt der Wehrmacht, für die Neukonstruktion eines Standardgewehres an dieser Patrone festzuhalten. Es sollte als zehnschüssiger Selbstlader statt als Repetierer funktionieren, idealerweise sogar Salvenfeuer ermöglichen – also eine Kombination der Vorteile von Karabiner und Maschinenpistole bieten. Zwei führende Rüstungsunternehmen, neben Mauser die Sportwaffenfabrik Carl Walther, bekamen Entwicklungsaufträge und lieferten 1941 Prototypen ihrer beiden Vorschläge unter demselben Namen Gewehr 41 ab. Allerdings erwiesen sich beide Konstruktionen als frontuntauglich: Sie waren einfach zu kompliziert, um unter den harten Bedingungen im Kampf zuverlässig zu funktionieren. Die Salvenfeuer-Option war zwar schon gestrichen worden, aber der von Mauser an die Forderung nach Gasdruck-Selbstladung angepasste Verschluss des 98k war anfällig für Verschmutzungen – und damit für Ladehemmungen. „Das Gewehr 41 war ein kläglicher Misserfolg“, berichtete das US War Department: „Es verschmutzte ständig mit ungenügend verbrannten Pulverpartikeln und lief dann heiß.“ So wurden lediglich rund 10.000 Stück (die Angaben schwanken) hergestellt – gemessen an den etwa 7,5 Millionen zwischen 1935 und 1945 produzierten 98k eine kleine Zahl. Etwa zwölfmal so oft lieferte Walther sein Gewehr 41 aus. Der anders konstruierte Verschluss erwies sich zwar als besser geeignet für die Selbstladung, funktionierte aber auch nicht befriedigend zuverlässig. Offenbar war die Patrone einfach zu stark, denn gleichzeitig hatte der ähnlich konstruierte Verschluss der Maschinenpistole MP40 keine solchen Probleme. Es musste also an der viel schwächeren Pulverladung im Kaliber 9x19 liegen. Das weiter entwickelte Modell Gewehr 43 erwies sich als besser und wurde 1943 bis 1945 etwa 450.000-mal hergestellt. Da das Heereswaffenamt schon 1938 erkannt hatte, dass ein Festhalten am Kaliber 7,92x57 ein Irrweg sein könnte, war parallel mit dem Gewehr 41 ein komplett neu konstruierter Maschinenkarabiner in Auftrag gegeben worden; er sollte Patronen von 7,92 Millimeter Durchmesser und 33 Millimeter Länge verschießen. Daraus entstand schließlich der Maschinenkarabiner 42, der sich nach einigen Detailverbesserungen nach ersten Truppentests als gut geeignet erwies. Doch Hitler wollte diese Waffe nicht – er befahl, alle Arbeit an diesem Gewehr sofort einzustellen. Die neue Munition störte ihn, denn immerhin befanden sich acht Milliarden Schuss im Kaliber 7,92×57 auf Lager, die von 98k und den Gewehren 41/43 verschossen werden konnten. Ein weiteres „Argument“: Auf dem Kriegsschauplatz Nordafrika brauche man Gewehre mit größerer wirksamer Reichweite. Jedenfalls kam es zum offiziellen Entwicklungsstopp für die „Mittelpatrone“ 7,92x33, die gemessen an Materialaufwand, Reichweite und Durchschlagskraft zwischen den Kalibern 9x19 und 7,92x57 lag. Insgeheim jedoch entwickelten die Herstellerfirmen und das Heereswaffenamt die neue Munition dennoch weiter. Derlei war (und ist) eine Aufgabe mit vielen Variablen. Verändert man eine, so hat das unvermeidlich Auswirkungen auf andere Kenngrößen. So ist es kein Problem, ein sehr durchschlagkräftiges und weitreichendes Geschoss zu entwickeln, doch damit wird die einzelne Patrone schwer. Was bei 20 oder 30 Stück für Scharfschützengewehre kein Problem darstellt, macht bei 10.000 Schuss Nachschub für einen Zug Soldaten schon einen großen Unterschied aus. Das Kaliber 7,92x33 hatte einen nur halb so großen Rückstoß wie das Kaliber 7,92x57, und ein Munitionsvorrat von 150 Patronen wog nur 2,5 kg statt 3,9 kg. An der Front war die geringere Wirkreichweite dagegen faktisch unbedeutend. Nordafrika war seit der Kapitulation in Tunesien, auch „ Tunisgrad (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article244995976/Zweiter-Weltkrieg-Haerter-als-Stalingrad-die-Auswirkungen-Tunisgrad-auf-die-Wehmacht.html) “ genannt, kein Kriegsschauplatz mehr. Ende Oktober 1943 wurde die 93. Infanterie-Division am nördlichen Teil der Ostfront mit der neuen Waffe ausgestattet, die offiziell den irreführenden Namen MP 43 trug. Sie erwies sich als durchschlagsstark, relativ zielgenau und praktisch im Einsatz. Soldaten, die an der Front kämpften, zogen den Maschinenkarabiner bald der Maschinenpistole MP 40 vor. Angesichts dessen willigte Hitler ein, die Massenproduktion zu beginnen. Geringfügig überarbeitet, ging das neue Gewehr im Frühjahr 1944 in die Großserienfertigung. Rasch zeigte sich, dass diese Waffe der sowjetischen Standard-Maschinenpistole PPSch-41 mit dem charakteristischen Rundmagazin ebenso überlegen war wie dem amerikanischen M1 Garand. Obwohl Hitler ursprünglich gegen die neue Waffe gewesen war, machte er sie sich nun zu eigen und gab der MP 43 sogar einen neuen Namen: Sturmgewehr. Er passte zur Durchhalte- und Endsieg-Rhetorik, derer sich das mörderische NS-Regime inzwischen bediente. Ab Spätherbst 1944 tauchte dieser Begriff in immer mehr Zeitungsartikeln und Wochenschaubeiträgen auf. Noch etwas mehr als 400.000 Sturmgewehre wurden an die Wehrmacht ausgeliefert. An der drückenden quantitativen Überlegenheit der Alliierten änderte das allerdings auch nichts mehr. Jedoch galt bei US-Soldaten das Sturmgewehr als begehrt. Während der Kesselschlacht um Bastogne Ende Dezember 1944 verteidigten sich US-Fallschirmjäger tagelang mit erbeuteten Sturmgewehren. Vielleicht um diese Erfahrung zu konterkarieren, bewerteten die US-Waffenexperten in ihrem Bericht im April 1945 das Sturmgewehr 44 so negativ. Jedenfalls begründete die Innovation eine neue Waffenkategorie. Die heute weltweit meistverbreitete und bekannteste automatische Waffe, die AK 47 Kalaschnikow mit ihren zahlreichen Varianten, ist ebenso ein Sturmgewehr mit Mittelpatronen (hier im Kaliber 7,62x39) wie das amerikanische M16 (5,56x45). Das erste eigene Sturmgewehr der Bundeswehr, das G3, benutzte dagegen das Kaliber 7,62×51, das fast so stark ist wie die Munition des 98k. Sowohl das G36 als auch das neue G95 verschießen Kugeln im Kaliber 5,56 Millimeter mit einer Patronenlänge von 45 Millimetern.