Voller Hoffnung und mit guten Chancen gestartet, vernichtete die Realität den Traum bisweilen blitzschnell. Lena Dürr zum Beispiel lag fabelhaft im Rennen. Die deutsche Slalomfahrerin hatte als Zweite nach dem ersten Lauf eine Medaille fest im Blick. Dürr schoss aus dem Starthäuschen – und eine Sekunde später war es vorbei. Sie fädelte direkt an der ersten Stange ein. Oder die deutschen Kombinierer, die im Teamsprint nach dem Skispringen führten, dann aber nach zwei Stürzen von Vinzenz Geiger beim Langlauf auf Platz fünf zurückfielen. Es kam häufig vor bei diesen Winterspielen in Norditalien, wenn Deutsche an den Start gingen. Sie gaben alles und scheiterten. An sich selbst, den hohen Erwartungen und besseren Konkurrenten – manches Mal auch äußerst knapp. Gäbe es nicht den Eiskanal von Cortina d’Ampezzo, der eine deutsche Medaille nach der anderen auswarf, wären diese Spiele aus deutscher Sicht eine Enttäuschung. Die Vorgabe an das Team vor den Spielen war eindeutig: Es sollte mindestens der dritte Platz im Medaillenspiegel werden. „Das ist die Ambition, die wir als Sportnation Deutschland haben müssen“, hatte Olaf Tabor, Chef de Mission des Teams Deutschland gesagt. Nach 96 von 116 Entscheidungen lag Deutschland auf Rang vier mit sechs goldenen und jeweils acht silbernen und bronzenen Medaillen. Klassenziel voraussichtlich verfehlt. „Wir haben einen erwartbar hart umkämpften Wettbewerb um die vorderen Plätze im Medaillenspiegel erlebt“, stellt Tabor fest, um aber zu ergänzen: „Eine ähnlich gute Medaillenausbeute wie vor vier Jahren ist noch möglich. Deutschland ist und bleibt eine Wintersportnation, aber andere Länder holen auf und machen es uns nicht leicht.“ 2022 in Peking waren es 27 Medaillen, darunter aber zwölf goldene. Letzteres ist in Italien nicht mehr möglich, mit einem perfekten Endspurt am Schlusswochenende aber könnten aus jetzt 22 Podestplätzen im Optimalfall noch 29 werden. In dieser Wertung wäre theoretisch noch Platz drei drin, genauso wie im Medaillenspiegel. Bei den Sommerspielen zeichnet sich seit drei Jahrzehnten ein klarer Trend ab. Seit Barcelona 1992 hat die Anzahl deutscher Medaillen um 60 Prozent abgenommen. Holten die Athleten damals noch 33 Goldmedaillen, waren es 2024 in Paris nur zwölf. Jetzt bröckelt es auch im Winter. Ohne die Medaillengaranten aus dem Eiskanal brachte es Team D bisher auf sechs magere Medaillen, darunter aber der Überraschungssieg von Skispringer Philipp Raimund und der Goldcoup der Skicrosserin Daniela Maier, die als Mitfavoritin im Finale die Nerven behielt. Schwache Beine treffen auf schwache Nerven In einigen Disziplinen, die bei vergangenen Spielen noch Erfolgsgaranten waren, wurden die Deutschen zu Nebendarstellern degradiert. Die Biathleten, die in Deutschland optimale Bedingungen vorfinden, haben vor dem Massenstartrennen der Frauen einzig Bronze aus der Mixed-Staffel vorzuweisen. Schwache Beine trafen auf schwache Nerven. Die Nordischen Kombinierer erlebten ein historisches Debakel und gingen erstmals seit 1998 leer aus – der Teamsprint war nach den enttäuschenden Einzeln die letzte Chance. „Dann passiert so ein beschissenes Unglück. Ich habe den Vinz noch nie irgendwo im Schnee liegen sehen. Dass es bei so einem Rennen passiert, ist doppelt ärgerlich“, sagte Bundestrainer Eric Frenzel nach Geigers Sturz. Eine Gemütsbeschreibung, die nicht nur auf dieses Rennen zutrifft. Wo es einst ein Abonnement auf Gold gab, springen und laufen die Deutschen hinterher. Der Unterschied zwischen den Kombinierern und den deutschen Skijägern: Die minimale Ausbeute der Biathleten kommt nicht überraschend, auch wenn man sich vor allem bei den Frauen durch Franziska Preuß und in der Staffel deutlich mehr erhofft hatte. Das deutsche Biathlonteam hat den Anschluss an die Topnationen Frankreich und Norwegen verloren. Die Kombinierer hingegen waren aussichtsreich angereist. „Wir haben diese X-Faktor-Athleten derzeit nicht“, sagt Biathlon-Sportdirektor Felix Bitterling. „Wir arbeiten aber sehr stark im Hintergrund, dass es diese Athleten oder Athletinnen in Zukunft wieder geben wird.“ Gerade im Männerbereich sei jahrelang zu wenig gemacht worden. „Uns haben ein oder zwei Athletengenerationen einfach gefehlt.“ Krachendes Aus im Eishockey Nicht wirklich besser sieht es bei den Langläufern aus, deren einzige Ausbeute Bronze im Teamsprint der Frauen war. Zwar hatte man sich Podestchancen in der Frauenstaffel und im Sprint ausgerechnet, aber die magere Bilanz ist nicht vergleichbar mit der im Biathlon und erst recht nicht in der Kombination. Oder auch im Skispringen, wo die Frauen mit Medaillenchancen angereist waren, aber hinterhersprangen. Und dass das Eishockey-Nationalteam das beste war, das jemals auf dem Eis stand, schien sich nicht bis zu den Spielern herumgesprochen zu haben. Das Team um Superstar Leon Draisaitl schied krachend im Viertelfinale aus. Auch bei den jungen und spektakulären Disziplinen wie Big Air, Snowboardcross und Slopestyle waren die deutschen Athleten bei den Medaillenzeremonien meist nur Zuschauer. Skicrosserin Maier riss es mit ihrem Sieg heraus. Eine Generalabrechnung mit dem Team abseits des Eiskanals, der für über 75 Prozent der deutschen Medaillen verantwortlich zeichnete, wäre aber unfair. Zum einen sind da das Überraschungsgold von Raimund, der Triumph von Maier und die beiden Silbermedaillen von Emma Aicher in der Abfahrt und gemeinsam mit Kira Weidle-Winkelmann in der Kombination, wo zudem beide Male ein Wimpernschlag zu Gold fehlte. Zum anderen sind die Voraussetzungen in den einzelnen Sportarten zu unterschiedlich. Wenn etwa die Eisschnellläufer ihr Trainingslager im Sommer aus eigener Tasche bezahlen müssen, muss sich niemand wundern, dass die Athleten bei Olympia hinterherlaufen. Sportler, die nicht bei der Bundeswehr oder Bundespolizei angestellt sind und sich nebenbei um Sponsoren, Pressearbeit und Wettkampforganisation kümmern müssen, können sich eben nicht zu 100 Prozent auf das Wesentliche konzentrieren – ihren Sport. Wie sollen sie dann Medaillen bei dem Wettkampf holen, bei dem die Besten der Besten mit den besten Voraussetzungen aufeinandertreffen? „Sie wollen, dass wir die ISS bauen, geben uns aber nur ein Blatt Papier und eine Schere in die Hand“, sagte ein Eisschnelllauftrainer zu den Bedingungen vor Olympia. Spitzensport benötigt ein breites Fundament Genau wie beim Fußball Geld eben doch Tore schießt, so gewinnt Geld bei den Olympischen Spielen Gold. Es stellt sich in Deutschland die Frage: Was ist uns der Sport wert? Wollen wir im Medaillenspiegel nicht abstürzen, müssen die Athleten und ihr Umfeld perfekte Bedingungen bekommen. Es geht nicht nur um Medaillenprämien, sondern um Trainingsbedingungen, die angemessene Bezahlung von Trainern, die sonst weiterhin perfekt ausgebildet ins Ausland abwandern. Die Wertigkeit des Sports beginnt ja nicht in der Spitze, sondern in den Schulen und Vereinen. Bei den Kindern, Übungsleitern und im Ehrenamt. In der Spitze wird sie uns aber alle zwei Jahre während der olympischen Sommer- und Winterspiele zwei Wochen lang zwölf Stunden live am Tag im Fernsehen demonstriert. Wer in dieser Zeit die Wichtigkeit des Sports für die Gesellschaft predigt, muss in den Jahren davor und danach auch Taten sprechen lassen. Wenn immer mehr Schwimmbäder schließen, Turnhallen marode sind und der Sportunterricht stiefmütterlich behandelt wird, kann es in Deutschland auf lange Sicht keinen erfolgreichen Spitzensport geben. Ohne ein breites Fundament ist dieser nicht möglich. Spitzensport sind eben nicht nur die Tage im Zeichen der Ringe. „Wir haben nicht mehr einen riesigen Pool an Kindern, die im Verein Sport treiben und aus dem wir die größten Talente fördern können. Das wird sich irgendwann auch im Medaillenspiegel bemerkbar machen“, sagt Sina Griebenow, Direktorin des Sportgynmasiums Oberhof – eine der Medaillenschmieden des Wintersports. Dieses Irgendwann ist in vielen Disziplinen schon jetzt. Und Tatsache ist ja bereits: Hundertstel-Entscheidungen und vierte Plätze gleichen sich zwar am Ende oft in Glück und Pech aus – aber eben auch nur, wenn eine gewisse Breite an Topathleten da ist. Wie früher im deutschen Biathlon. Ganz nach dem Motto: Irgendwer kommt durch. Diese Situation hat Deutschland aber einzig noch im Eiskanal. Und sogar im Rodeln, Skeleton und Bob sind die Aussichten alles andere als rosig. Der Eiskanal am Königssee, einer von vier Standorten in Deutschland, wurde vor vier Jahren bei einem Unwetter verwüstet. Die Neueröffnung verschiebt und verschiebt sich. Mit dramatischen Folgen für den Nachwuchs. „Viele junge Sportler sind verständlicherweise abgesprungen“, sagt der dreimalige Rodel-Olympiasieger Felix Loch: „Man wird erst in einigen Jahren sehen, welche Auswirkungen das hat, wie groß die Lücke ist.“