Maria Callas (1923-1977) ersteht derzeit im Schmidtchen im Clubhaus am Spielbudenplatz wieder auf, in der Charakterstudie „Meisterklasse“ des amerikanischen Callas-Bewunderers und Dramatikers Terrence McNally (1938-2020) in der Regie von Corny Littmann. Das Stück zeigt die beste Sopranistin aller Zeiten nach ihrem Berufsleben der großen Opernrollen etwa zwei Jahre vor ihrem allerletzten Konzert im November 1974. Die griechische Sängerin, die eigentlich Maria Anna Cecilia Sofia Kalogeropoulou hieß, widmet sich in ihrer Heimatstadt New York dem Nachwuchs und unterrichtet 1971/72 Meisterklassen an der Juilliard School, dem führenden Konservatorium der Vereinigten Staaten. Höhen und Tiefen – im Leben und im Stimmumfang Im Schmidtchen spielt Annic-Barbara Fenske die Operndiva, die nicht loslassen kann, mit ihrem typisch italienischen Akzent, schließlich besaß die Callas auch die italienische Staatsangehörigkeit, galt als führende Interpretin der Belcanto-Opern von Rossini, Donizetti und Bellini und war nicht zuletzt von 1949-59 mit dem italienischen Unternehmer und Opernmäzen Giovanni Battista Meneghini verheiratet. Immer wieder demütigt die Primadonna assoluta beim Unterrichten ihre Schülerinnen und Schüler. Derweil erzählt sie dem Publikum nach und nach Stücke aus ihrem Leben, die sich wie ein Puzzle zu einem Bild der Diva mit ihrer glühenden Leidenschaft für Spiel und Gesang zusammensetzen, die über einen enormen Stimmumfang verfügte. Wer diese Leidenschaft nicht aufbringen kann, fällt bei ihr in Ungnade – doch selbst Profis verausgaben sich aus gesundheitlichen und stimmlichen auf der Bühne nicht so extrem, wie die mit 53 Jahren an einem Herzinfarkt in Paris verstorbene Callas. Fenske kreiert dabei brutal offene Momente, wenn sie in anekdotischen Erzählungen Triumphe und Krisen schildert, von den Erfolgen an der Scala und der Met bis zur selbstzerstörerischen Liebe zum Reeder Aristoteles Onassis berichtet. Oper à la carte zur Einstimmung auf große Gefühle Fenske spielt die Callas mal streng, mal verzweifelt und macht ihre Sache insgesamt ausgezeichnet auf dieser von plötzlichen Stimmungswechseln geprägten, emotionalen Reise. Natürlich hilft, dass sie in der Rolle nicht singen muss. Wenn die Callas kurz erklingt, dann vom Band. Das eine oder andere „allora“ und „ä“ hätte Fenske sich verkneifen können, weniger wäre hier mehr – schon zwecks Differenz zum Tankerkönig Onassis, mit dem sie eine jahrelange Beziehung verband und den sie nachäfft, wenn sie von ihm erzählt. Onassis zwang sie zu einer Abtreibung, ließ sie aber fallen und heiratete aus Statusgründen John F. Kennedys Witwe Jackie. Regisseur Corny Littmann geht mit minimalen Mitteln in die Vollen. Im Prolog stellt sich Pianist Manny Weinstock (Markus Jan Weber) dem Publikum vor, der die Callas in den Meisterkursen begleiten wird. Er spielt als Amuse gueule in einem Potpourri auf Zuruf der Zuschauer fünf Stücke „Oper à la carte“, die aus 17 Titeln gewählt werden können. Weber stößt in diesem Vorspiel als Pianist musikalisch an seine Grenzen nach oben und damit zugleich an die Grenzen der gespielten Werke nach unten. Im Stück spielt er dann sehr gut mit, am Flügel und als jemand, der weiß, dass die Dozentin schon aus praktischen Gründen nicht auf ihn verzichten kann. Dennoch schießt sich die Callas verbal auch auf den jüdischen Pianisten ein, der ihre Schüler begleitet. Ausflüge in die wahre Opernwelt Die beiden Sängerinnen und der Sänger, die beim Vorsingen von der Diva abgewatscht werden und höchst unterschiedlich auf ihr höchstkunstrichterliches Urteil reagieren, sind ein wahres Pfund dieses Abends. Sopranistin Freja Sandkamm gibt gleich beide Nachwuchskünstlerinnen, verkörpert dabei überzeugend die ganz unterschiedlichen Typen. Zunächst ist sie die fleißig bemühte Sophie de Palma, dann die leicht zu erschütternde Amerikanerin Sharon Graham, die unbedingt Lady Macbeth verkörpern möchte und nach den ersten spitzen Anmerkungen die Probe verlässt, um sich zu übergeben. Aber sie kehrt zurück und erringt damit den Respekt der Callas, die an Durchsetzungskraft glaubt und selbst auf unendlichen Ehrgeiz zurückgreifen kann. Sandkamm singt ausdrucksstark und entführt das Publikum in die wirklich wahre Welt der Oper. In der ist auch ihr Kollege, der Tenor Ljuban Zuvanovic zuhause, der mit darstellerischem Humor einer ganzen Reihe von Tenorwitzen entgeht, dem Opernwelt-Pendant zum Ostfriesenwitz. Kurzweilig entsteht an diesem Abend das Porträt der so komplizierten wie komplexen, göttlichen Maria Callas, die egozentrisch und zugleich selbstlos dafür lebte, die Kunst größer und damit das Leben aller Menschen schöner zu machen. Schmidtchen: „Meisterklasse“, diverse Termine bis zum 28. März