Welt 26.01.2026
11:41 Uhr

„Schnee-Sahara“ – So kalt, dass die Niagarafälle einfroren


Am 27. Januar 1936 erstarrte einer der größten Wasserfälle der Welt unter dickem Eis. Eine Kältewelle hatte Nordamerika fest im Griff. Ähnliches ist nur aus dem Jahr 1848, von 1911/12 sowie von 1938 überliefert. Wenige Monate später kam ungeheure Hitze.

„Schnee-Sahara“ – So kalt, dass die Niagarafälle einfroren

Richtig kalt wird es im Winter an der amerikanisch-kanadischen Grenze zwischen dem Nordwesten des Staates New York und der Provinz Ontario häufiger. Tageshöchstwerte unterhalb minus 15 Grad Celsius treten im Januar und Februar immer wieder auf. Dann gefriert die Gischt des doppelten Wasserfalls beiderseits von Goat Island im Niagara-Fluss – ein bei Touristen sehr beliebtes Fotomotiv (verlinkt auf https://www.welt.de/vermischtes/gallery123717450/Niagarafaelle-aus-Eis-und-anderer-Frost.html) . Die Eiskruste sieht manchmal so aus, als wäre das weltberühmte Naturspektakel vollständig erstarrt; darunter jedoch fließt das Wasser weiter. Nur extrem selten ist es so kalt, dass nicht nur praktisch alles etwa 50 Meter herabstürzende Wasser (im Winter pro Sekunde mehr als 1500 Kubikmeter, von Frühjahr bis Herbst sogar doppelt so viel) gefriert, sondern sogar auf beiden Seiten des Flusses eine tragfähige, oft viele Meter dicke Fläche entsteht. Am 27. Januar 1936 war es wieder einmal so weit, erst zum dritten Mal nach 1848 und 1912: Zeitungen weltweit meldeten die Nachricht und brachten teilweise grobkörnige Fotos skurril wirkender Eisberge. Zahlreiche Schaulustige wagten sich von Osten her dicht an die normalerweise unerreichbare Abrisskante heran; noch mehr standen westlich davon unter ihr. Die vollständig auf US-Territorium gelegenen American Falls nördlich von Goat Island waren tatsächlich komplett erstarrt; die größeren Horseshoe Falls südlich der Insel und auf kanadischem Gebiet, so genannt wegen ihrer Hufeisenform, waren reduziert auf kleinere Rinnsale. Von anderen sehr kalten Wintern unterschied sich der Januar 1936 dadurch, dass seit Wochen schon Polarluft mit unter minus 20 Grad den Nordosten Nordamerikas im Griff gehalten hatte. Das Wasser aus dem Eriesee im Süden hatte eine Temperatur um den Gefrierpunkt und erstarrte nur wegen der Bewegungsenergie nicht. Ein Stau von Eisschollen nördlich von Goat Island reduzierte den Wasserfluss stark, sodass die American Falls zuerst erstarrten. Wenig später waren auch die Horseshoe Falls vollständig von Eis bedeckt, selbst wenn es darunter noch ein wenig bewegtes Wasser gab. „Niagara Falls Becomes Snow Sahara“, überschrieb die „Los Angeles Times“ in ihrer Ausgabe vom 28. Januar 1936 ein beeindruckendes Foto von amerikanischer Seite hinauf zur kanadischen. Die Zeitung „The Globe“ aus der kanadischen Großstadt Toronto vermeldete, dass die Pensionswirte und Hotelbetreiber sich freuten über das beste Wintergeschäft seit 1909. Je größer die Entfernung wurde, desto gewagter fielen die Schlagzeilen aus. Die „Times of India“ aus Bombay vermeldete etwa, das Einfrieren der Wasserfälle über drei Tage hinweg „never happened in living memory“. Das stimmte sicher nicht, denn nach glaubwürdigen Zeugnissen von Reisenden aus dem Winter 1848 (Touristen gab es zu dieser Zeit an den Niagara-Fällen noch nicht) soll damals sogar die kanadische Seite vollständig erstarrt sein; ob das stimmte, ließ sich naturgemäß nicht beweisen. Fotos aus dem ebenfalls ungewöhnlich kalten Winter 1912 deuteten darauf hin, dass die Situation ähnlich war wie 24 Jahre später. Vielleicht war der vermutlich britische Redakteur der „Times of India“ auch von einer weiteren aus Nordamerika telegrafierten Nachricht besonders beeindruckt: Schon 235 Kältetote wurden da vermeldet – allerdings eher wenig angesichts der tatsächlich außerordentlichen Wetterverhältnisse. Denn die Kältewelle von 1935/36 in Nordamerika zählte zu den heftigsten, die jemals registriert wurden. Am stärksten betroffen waren der Mittlere Westen der USA und der kanadische Teil der Great Plains, namentlich die Provinzen Alberta, Saskatchewan und Manitoba. Lediglich der Südwesten der USA blieb weitgehend verschont. Schon der November 1935 gehörte zu den kältesten je registrierten Novembern: In Idaho steht 1935 auf einer 2021 veröffentlichten Auswertung an viertunterster Stelle, in Oregon war es der sechstkälteste November, in Washington State und North Dakota jeweils an siebtletzter Stelle. Im Dezember breitete sich das kalte Wetter in den Südosten der USA aus. Florida, Georgia und South Carolina erlebten alle (nach der Auswertung von 2021) den zweitkältesten Dezember der Geschichte. Nach einer kurzen Wettererholung an der Ostküste um die Jahreswende, die jedoch keinen Einfluss auf das Gebiet um die Niagarafälle hatte, zog am 19. Januar 1936 ein heftiger Schneesturm über Neuengland, New York und New Jersey. Bei wetterbedingten Verkehrsunfällen kamen bis zu 100 Menschen ums Leben. Die Kälte hielt wochenlang an. Die Chesapeake Bay (verlinkt auf https://www.welt.de/vermischtes/article117314796/Chesapeake-Bay-Bridge-Fahrt-ueber-die-beaengstigendste-Bruecke-der-Welt.html) zwischen Virginia und Maryland fror vollständig zu. Auch weit draußen auf dem Meer sanken die Temperaturen stark: Der 25. bis 28. Januar waren im Mittelatlantik so eisig wie seit 1918 nicht mehr. In Washington, D.C. lag der Tagesdurchschnitt bei minus 10 Grad Celsius. Starke Winde ließen es noch weitaus kälter erscheinen. Der Februar (verlinkt auf https://www.ncei.noaa.gov/access/monitoring/climate-at-a-glance/national/time-series/110/tavg/1/2/1895-1936?base_prd=true&begbaseyear=1901&endbaseyear=2000) war dann mit Abstand der kälteste Monat des Winters 1935/36. In Nebraska, North Dakota und South Dakota wurden die Rekordtiefsttemperaturen seit Beginn der Aufzeichnungen registriert, örtlich bei minus 50 Grad. Ein denkwürdiges Ergebnis hatte die Temperaturmessung am Devil’s Lake (US-Bundesstaat North Dakota), fast fünf Breitengrade weiter nördlich als Niagara-Fälle: Über fünf Wochen hinweg, von Ende Januar bis Ende Februar 1936, lag die Durchschnittstemperatur bei knapp 30 Grad minus. Übrigens folgte auf die Kältewelle des Winters eine enorme Hitze, eine der stärksten, die in den USA jemals registriert wurde: Von Anfang Juni bis Ende August 1936 ächzten die meisten Staaten des Mittleren Westen, die Monate zuvor schon extremes Wetter getroffen hatte, wieder – nur diesmal unter viel zu viel Hitze und enormer Trockenheit. Interessanterweise gibt es keine einigermaßen verlässliche Zahl der Menschen, die im Winter 1935/36 in den USA und Kanada erfroren oder auf andere Art witterungsbedingt umkamen. Für die wenige Monate später folgende Hitzewelle jedoch wird mit 5000 Opfern gerechnet. Nach einer Studie (verlinkt auf https://www.thelancet.com/journals/lanplh/article/PIIS2542-5196(23)00023-2/fulltext#:~:text=Across%20the%20854%20urban%20areas,for%20both%20cold%20and%20heat.) , die 2023 in der Fachzeitschrift „The Lancet“ erschien, betrug das Verhältnis von Kälte- zu Hitzeopfern in 854 städtischen Gebieten zwischen 2000 und 2019 etwa neun zu eins. Inwieweit sich das auf das Jahr 1936 übertragen lässt, ist umstritten. Die Niagara-Fälle froren in den folgenden Jahrzehnten nur noch einmal praktisch vollständig zu, im Februar 1938. Eine Eisbarriere am Eriesee verhindert seit 1964, dass Eisschollen in den Niagara fließen; damit ist ein vollständiges Zufrieren heute praktisch unmöglich. In extrem kalten Wintern wie 2014 oder 2015 kann sich aber immer noch unterhalb der Wasserfälle dickes Eis bilden.