Wenn morgens um zehn Uhr das Rolltor hochgefahren wird, wartet oft schon jemand davor, um etwas abzugeben. Anja van Eijsden spricht gern vom „Super-Mittwoch“, die 51-Jährige ist Gründerin und Vorständin des Hamburger Vereins „Der Hafen hilft“. Einmal wöchentlich ist die Spendenannahme an der Schnackenburgallee 11 in Bahrenfeld geöffnet. Dann stauen sich die Autos und Lkw zum Teil bis zur Straße, um Möbel, Säcke und Kartons abzugeben. Die ehrenamtlichen Fahrer des Vereins bringen weitere gute erhaltene Sachspenden, die sie am Morgen bei Hamburger Unternehmen abgeholt haben. Diesmal sind es 50 weiß verschalte Monitore aus einer Bank. Sie werden behutsam aus dem Laderaum gehoben, in die Halle getragen und auf einen Etagenwagen gestellt. Das Spendenlager im Zentrum für Soziallogistik – das so heißt, weil sich hier mehrere gemeinnützige Organisationen eine alte Industriehalle teilen –, nennt Anja van Eijsden „die Schatzkammer des Vereins“. Auf mehr als 2000 Quadratmetern warten thematisch geordnet Möbel, Haushaltsgeräte, Geschirr, Bürobedarf, Textilwaren, Spielzeug und vieles mehr auf neue Besitzer. Größere Sachspenden, darunter oftmals Retouren oder nicht mehr benötigte Büroausstattung, holt der Verein nach Absprache ab. Auch von Kreuzfahrtschiffen wird Interieur gespendet, wenn diese grunderneuert werden. 2009 gründete Anja van Eijsden den Verein. Als Schiffsbetriebsingenieurin fuhr die gebürtige Niederländerin jahrelang zur See, arbeitete auf Werften und sah, wie viele gut erhaltene Dinge aussortiert und entsorgt wurden. Nicht mehr benötigtes Interieur von Kreuzfahrtschiffen landete auf dem Sperrmüll. „Auf der anderen Seite habe ich die Armut in vielen Ländern und bei uns gesehen, da kam mir die Idee, Überfluss und Bedarf zusammenzuführen“, erinnert sich van Eijsden. Nachdem sie anfangs neben ihrem Beruf ehrenamtlich den Verein geführt hatte, hängte van Eijsden den Ingenieurshelm vor sechs Jahren an den Nagel und ist seither die einzige Vollzeitangestellte von „Der Hafen hilft“. Ein spenden- und stiftungsfinanziertes Jahresbudget von etwa 320.000 Euro steht zur Verfügung, von dem fünf Angestellte und drei Minijobber, die Hallenmiete, der Transporter, EDV, Versicherungen und anderes bezahlt werden. Alle anderen rund 125 Mitarbeiter, die regelmäßig im Lager Dinge auspacken, sortieren, prüfen und wieder verpacken, spenden ihre Zeit. Vier Tage die Woche wird in der Lagerhalle gearbeitet. Wenige Meter neben dem Eingangs-Rolltor hat Elektroingenieur Christian Schwartz sein Reich: In der Werkstatt prüft der Ruheständler hier ehrenamtlich die gespendeten Geräte auf Funktionsfähigkeit und Sicherheit. Bevor er sich den Monitoren annimmt, sichtet er noch einen Elektro-Rollstuhl, wechselt Batterien, testet Knöpfe und Joystick. Von ihm für gut befundene Haushaltsgeräte landen in Regal Nummer 26 und können vermittelt werden. Andere, wie alte Lampen, die neue Netzstecker und Kabel brauchen, legt er in einen Container. Sie werden in einem Reparaturcafé aufgearbeitet. Geprüfte Sachspenden werden fotografiert und erscheinen direkt online in den „Angeboten“ auf der Spendenplattform Der-hafen-hilft.de. Gemeinnützige Organisationen können in den Angeboten stöbern oder selbst Gesuche für bestimmte Projekte einstellen. 100.000 Besucher hat die Seite nach Vereinsangaben jeden Monat. 2024 wurden 53.560 Sachspenden vermittelt. Die Bedarfe sind so unterschiedlich wie die Spender: soziale Organisationen mit knappem Budget, die Ausstattung für eigene Räume suchen, Menschen, die ohne jeglichen Besitz in der Hansestadt neu anfangen wie Obdachlose und Geflüchtete, entlassene Gefängnisinsassen, Frauen und Kinder, die zuletzt in Frauenhäusern Unterschlupf gefunden haben. Für sie werden Grundausstattungs-Pakete mit Geschirr, Töpfen, Bettwäsche, Handtüchern und anderem gepackt. Budgets für soziale Projekte werden knapper „Die Not ist groß“, weiß van Eijsden. „Auch die Auswirkungen der Pandemie spüren wir bis heute: Viele haben damals ihren Job verloren, sind erkrankt, auch psychisch – und auf die Straße gesetzt worden. Menschen, die bereits vorher wirtschaftliche Sorgen hatten, sind wegen der stark gestiegenen Lebenshaltungskosten nun noch schlechter dran. Obendrein werden die Budgets für soziale Projekte immer knapper, denn alle müssen sparen“, so van Eijsden. „Wir helfen unmittelbar, ohne lange Wartezeiten.“ Zu den Großspendern gehören Hamburger Unternehmen, zu den Betreibern der Kreuzfahrtschiffe hat Eijsden meist einen persönlichen Kontakt. So standen kürzlich Dutzende ausrangierte Sofas und Sessel von der MS „Europa“ und der MS „Artania“ in ihrer „Schatzkammer“. Matratzen der „Mein Schiff“-Flotte sowie Bettzeug und Wolldecken der Aida-Schiffe stapelten sich in einem Nebenraum. Angenommen wird nur gut Erhaltenes. Manchmal findet sich Skurriles, wie die 18 Paletten noch eingeschweißtes Toilettenpapier von der Aida Prima – exakt 18.504 Rollen. In einer Ecke der Halle stapelt sich der verbliebene Rest von einst 250 Sonnenliegen. Ein paar Meter weiter lagern in Regal Nummer 21 Büromaterialien: Kisten voller Tacker und Stifte, stapelweise Druckerpapier, Büroklammern, Locher. In der Ecke für „Nachhaltigkeits-Kooperationen“, so ein Hinweisschild, werden Dinge für die Hamburger Tafeln gesammelt, Brillen für nicht Krankenversicherte, Koffer und Reisetaschen für die Seemannsmission Duckdalben, Fußbälle für ein Hilfsprojekt in Ghana. Anja van Eijsden hat viele persönliche Verbindungen auf der ganzen Welt – unter anderem in Afrika, da sie dort einen Teil ihrer Kindheit verbrachte. „Wir verstehen uns als Hamburger Projekt, engagieren uns aber bei Krisen in aller Welt, so Anja van Eijsden. Im von der Flutkatastrophe stark betroffenen Ahrtal stattete „Der Hafen hilft“ unter anderem Helfercamps mit Möbeln und EDV sowie Gastronomen mit Profi-Küchenutensilien aus. Seite 2021 ist der Verein dort aktiv, noch immer wird die Hilfe dort gebraucht. Nach dem Erdbeben in Syrien und der Türkei Anfang 2023 schaffte der Verein vier Lkw-Ladungen zu den „Weißhelmen“ ins syrische Idlib. Auch mit der Ukraine-Hilfe arbeitet der Verein eng zusammen. Vergangenes Jahr hatte der Paritätische Wohlfahrtsverband auf die Entwicklung aufmerksam gemacht, das Armutsrisiko in Hamburg sei auf einem neuen Höchststand. Besonders betroffen sind Erwerbslose, Alleinerziehende, kinderreiche Familien und Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit. Den deutlichsten Anstieg beim Armutsrisiko im Vergleich zum Vorjahr gab es bei Kindern und Jugendlichen und bei kinderreichen Familien. „Wir können die Not und die Armut in der Stadt an den Anfragen ablesen“, so van Eijsden. „Noch nie hatten wir so viel zu tun wie aktuell.“ Für die Zukunft wünscht sich die Vereinsgründerin vor allem eine bessere finanzielle Planungssicherheit. „Wir haben viele Ideen für Projekte mit Frauenhäusern für Hilfe zur Selbsthilfe oder für Bildungsprojekte mit Schulklassen, um darüber aufzuklären, was mit ausrangierten Wertstoffen passiert“, so van Eijsden. Seit 2009 wurde einiges geschafft – aber es gibt noch immer viel zu tun. ■ Wer den Verein unterstützen möchte – auch Geldspenden sind willkommen – findet alle Infos unter der-hafen-hilft.de