Welt 30.01.2026
10:24 Uhr

„Särge und Geldbeutel entscheiden“ – Was Russen nach vier Jahren über den Krieg denken


Wie lässt sich die öffentliche Meinung in einem Land messen, in dem Angst, Zensur und Propaganda den Alltag prägen? Eine Forscherin analysiert Umfragen aus Russland und zeigt, welche Faktoren Zustimmung oder Ablehnung des Krieges tatsächlich beeinflussen.

„Särge und Geldbeutel entscheiden“ – Was Russen nach vier Jahren über den Krieg denken

Marina Wyrskaja, 41, ist PhD-Forscherin an der Universität Helsinki und untersucht Meinungsumfragen in Russland unter den Bedingungen von Kriegszensur. Während das renommierte Lewada-Zentrum lange als einziges unabhängiges Meinungsforschungsinstitut des Landes galt, sind seit 2022 mehrere kleinere Umfrageprojekte entstanden, die Online- und Telefonbefragungen durchführen. Wyrskaja arbeitet mit drei solcher Projekte zusammen. Im Projekt PROPA (verlinkt auf https://blogs.helsinki.fi/propa-public-opinion/) ist sie an Online-Befragungen in Russland beteiligt: Sie entwickelt Fragebögen, programmiert die Umfragen, erhebt Daten und wertet sie aus. Außerdem kooperiert sie mit den Projekten „Chroniken“ (verlinkt auf https://www.chronicles.report/) und ExtremeScan (verlinkt auf https://www.extremescan.eu/) , die telefonische Umfragen durchführen. WELT : Frau Wyrskaja, sind verlässliche Meinungsumfragen im heutigen Russland überhaupt möglich? Marina Wyrskaja : Das hängt davon ab, was wir unter „möglich“ verstehen. Technisch ist es möglich – wir machen Online- und telefonische Umfragen. In einer Situation mit Zensur, Krieg und möglichen Repressionen reagieren Menschen natürlich anders: Manche legen sofort auf, manche sagen „weiß nicht“, manche antworten reflexhaft, damit man sie in Ruhe lässt. Und trotzdem: Es gibt Menschen, die bereit sind zu sprechen. Die Ergebnisse dieser Umfragen sind jedoch empfindlich. Antworten können verschiedene Bedeutungen haben. Wenn jemand sagt: „Ich unterstütze den Krieg“, kann das heißen: „Ich unterstütze ihn wirklich“, oder: „Hören Sie auf, mich anzurufen“, oder sogar: „Hauptsache, es endet endlich.“ Deshalb sollte man niemals eine einzelne Zahl absolut setzen. WELT : Welche zuverlässigen Zahlen gibt es denn? Wie viele Leute in Russland unterstützen den Krieg gegen die Ukraine? Wyrskaja : Ich würde sehr davon abraten, eine einzelne Prozentzahl zu nennen. Die klassische Ja-Nein-Frage zur „Unterstützung“ ist in dieser Situation wenig aussagekräftig. Sinnvoller ist es, mehrere Fragen zu kombinieren – etwa, ob jemand auch einen Truppenabzug ohne erreichte Kriegsziele unterstützen würde oder ob Staatsausgaben eher ins Militär oder in den Sozialbereich fließen sollen. Wenn man so vorgeht – wie es Kolleginnen und Kollegen von „Chroniken“ getan haben – lassen sich zwei relativ stabile Gruppen identifizieren: konsequente Unterstützer und konsequente Gegner des Krieges – jeweils bei rund 20 Prozent. Dabei gibt es etwas mehr konsequente Gegner des Krieges. Die Zahl der konsequenten Unterstützer nimmt im Laufe der Jahre leicht ab, wenn auch nur geringfügig. Die große Mehrheit liegt dazwischen – mit widersprüchlichen, unsicheren oder situationsabhängigen Antworten. WELT : Diese große Mitte – was zeichnet sie aus? Wyrskaja : Viele Menschen haben zu zentralen Fragen schlicht keine gefestigte Meinung. Sie beschäftigen sich im Alltag nicht dauerhaft mit Krieg, Haushaltsfragen oder geopolitischen Zielen. Wenn man sie für eine Umfrage anruft, müssen sie spontan reagieren. Das heißt aber nicht, dass diese Antwort ihre stabile Überzeugung widerspiegelt. Genau deshalb sind einfache Mehrheitsbehauptungen so problematisch. WELT : Lassen sich aus den Umfragen Profile derjenigen zeichnen, die den Krieg unterstützen – und derjenigen, die ihn ablehnen? Etwa nach Alter, wirtschaftlicher Lage oder genutzten Informationsquellen? Wyrskaja : Den Krieg unterstützen offen eher Männer als Frauen. Es sind häufiger Menschen mit höherem Einkommen, die mit der wirtschaftlichen Lage des Landes zufrieden sind, sowie Personen mit Hochschulabschluss – hier sehen wir in unseren Online-Umfragen eine klare Korrelation. Der Konsum von Fernsehen erhöht erwartungsgemäß die Unterstützung, aber auch Menschen, die Informationen über Telegram-Kanäle beziehen, gehören häufiger zu dieser Gruppe. Zudem zählen religiöse Menschen dazu, die Patriarch Kirill vertrauen. Den Krieg nicht unterstützen dagegen überwiegend Frauen sowie Menschen im jungen und mittleren Alter – also 18- bis 34- sowie 35- bis 54-Jährige. Hinzu kommen Personen, die die wirtschaftliche Lage des Landes schlechter bewerten und deren eigene materielle Situation eher nicht so gut ist. Sie konsumieren Nachrichten überwiegend über YouTube. Häufig zählen sie sich nicht zu den Gläubigen; und diejenigen, die sich als gläubig bezeichnen, vertrauen Patriarch Kirill meist nicht. WELT : Wenn Sie die wichtigsten Faktoren nennen müssten: Was beeinflusst Zustimmung oder Ablehnung am stärksten? Wyrskaja : Ein zentraler Faktor ist die Ökonomie – das betrifft alle. Und dann gibt es etwas sehr Konkretes: „Särge.“ Wenn die Zahl der Gefallenen in einer Region steigt, sinken in unseren Analysen sowohl die Unterstützung für den Krieg als auch die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen sagen, sie würden Putin wählen. Propaganda und Fernsehen spielen eine Rolle, aber ich würde das nicht in eine Reihe stellen mit dem, was Menschen real erleben: Geldbeutel und Tod – das sind die harten Faktoren. WELT : Und welche konkreten Ereignisse seit 2022 haben die Antworten spürbar beeinflusst? Etwa Angriffe auf russisches Territorium? Wyrskaja : Einzelne Ereignisse können kurzfristige Ausschläge auslösen – militärische Entwicklungen, Terroranschläge oder Angriffe auf russisches Territorium gehen zunächst oft mit mehr deklarativer Unterstützung des Krieges einher. Ebenso wirken Phasen intensiver patriotischer Berichterstattung mobilisierend. Diese Effekte sind jedoch nicht stabil: Nach kurzer Zeit gleichen sich die Antworten wieder aus. In Phasen, in denen Hoffnungen auf Verhandlungen entstehen oder der mediale Fokus vom Krieg weg – etwa auf Wahlen – verschoben wird, sinkt die Unterstützung, und mehr Menschen weichen aus. Insgesamt reagieren die Antworten stark auf den jeweiligen politischen und medialen Kontext. WELT : Wie wirkt sich das Sicherheitsgefühl auf die Haltung zum Krieg aus? Wyrskaja : In einer Online-Umfrage im Oktober 2025 sagten zwar die meisten, dass sich im Alltag in Bezug auf die Sicherheit ‚nichts verändert‘ habe – doch rund jeder Fünfte meinte, es sei gefährlicher geworden. In Grenzregionen zur Ukraine ist dieser Anteil höher. Auch die Sorge vor Drohnenangriffen ist dort deutlich stärker. Wir sehen Zusammenhänge: Menschen, die den Krieg offen ablehnen, äußern im Schnitt stärkere Sicherheitsängste. Interessant ist jedoch, dass die höchsten Werte bei Angst und Unsicherheit bei jenen liegen, die nicht einmal auf die Kriegsfrage antworten wollen. Wichtig ist: Das sind Korrelationen – wir wissen nicht, was Ursache und was Wirkung ist. WELT : Hat sich seit Beginn des Krieges im Vergleich zu der Zeit vor 2022 etwas an der Durchführung von Meinungsumfragen verändert? Wyrskaja : Seit 2022 beobachten wir eine Politisierung. Menschen beschäftigen sich mehr mit Politik und nehmen an Umfragen teil – selbst unter restriktiven Bedingungen. WELT : Das klingt fast wie ein paradoxer Effekt. Gibt es in dieser ansonsten sehr restriktiven Situation Faktoren, die die Teilnahme an Umfragen sogar begünstigen? Wyrskaja : Ja, wir sehen: Seit dem 24. Februar 2022 hat sich in Russland vieles politisiert. Menschen beschäftigen sich stärker mit Politik – nicht zwingend kritisch, aber intensiver. Das kann die Bereitschaft erhöhen, an politischen Umfragen teilzunehmen. Gerade bei telefonischen Befragungen erleben wir, dass Menschen Umfragen als Signal wahrnehmen: Wenn solche Fragen gestellt werden, passiert offenbar etwas Wichtiges. In einem stark kontrollierten Mediensystem kann eine Umfrage selbst zu einer Form von Information werden – unabhängig davon, wie jemand am Ende antwortet. WELT : Bedeutet das, dass Umfragen für manche eine Art Ersatzöffentlichkeit sind? Wyrskaja : Für einen Teil der Befragten ja. Für manche ist die Teilnahme eine Gelegenheit, überhaupt politisch zu reagieren – sei es durch Zustimmung, Ablehnung oder bewusstes Schweigen. In einer Situation, in der offene politische Artikulation kaum möglich ist, kann selbst das Beantworten einer Umfrage als Handlung wahrgenommen werden. Gleichzeitig senkt Repression die Kooperationsbereitschaft. Beides wirkt parallel. Hinzu kommen viele widersprüchliche Motive: Manche haben Angst vor dem Staat, andere vor „westlichen Provokationen“, manche antworten, um Loyalität zu zeigen, andere, um Protest auszudrücken. Das macht es methodisch so schwierig, klare Schlüsse zu ziehen. WELT : Apropos Protest – ist das in Russland messbar? Wyrskaja : Online kann man vorsichtig nach Erwartungen fragen, etwa: „Sind Proteste in den nächsten Monaten möglich?“ Auf Grundlage von zwei Erhebungen lässt sich vorsichtig sagen, dass solche Erwartungen nach Wahlkampagnen oder Repressionswellen weiter zurückgehen – ausgehend von einem ohnehin bereits niedrigen Niveau. Insgesamt sehe ich derzeit keine breite Protestdynamik, eher sporadische, lokale Konflikte, die selten landesweit „anstecken“. Gerade deshalb ist es methodisch gefährlich, aus einer Momentaufnahme große Prognosen abzuleiten. WELT : Fragen Sie in Ihren Umfragen auch, wie lange die Befragten glauben, dass der Krieg noch dauern wird? Wyrskaja : Ja, das haben wir in der letzten Erhebungswelle getan. Auffällig ist die große Unsicherheit: 35 Prozent konnten oder wollten keine Einschätzung abgeben. Nur wenige rechnen mit einem baldigen Ende – lediglich sieben Prozent gehen von weniger als sechs Monaten aus. Rund 41 Prozent erwarten dagegen, dass der Krieg noch mindestens ein Jahr oder länger dauern wird. Insgesamt zeigt sich: Auf ein schnelles Ende hoffen nur wenige. Wir sind das WELT-Investigativteam: Sie haben Hinweise für uns? Dann melden Sie sich gerne, auch vertraulich – per E-Mail (verlinkt auf mailto:investigativ@welt.de) oder über den verschlüsselten Messenger Threema (8SNK792J).