Der Renaissance-Künstler Leonardo da Vinci fertigte höchst präzise anatomische Zeichnungen des menschlichen Körpers an. Besonders berühmt ist sein „Vitruvianischer Mensch“, der im Jahr 1490 entstanden ist und als eines der wichtigsten Werke der Proportionslehre gilt. Das Geschlechtsteil des Nackten gehörte für da Vinci ganz selbstverständlich dazu. Also zeichnete er auch das. Anders sieht das offenbar das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Italien anlässlich der Olympischen Spiele (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/olympia/) : Im Vorspann zu den Liveübertragungen der Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina d’Ampezzo wurde die Zeichnung in einer Animation gezeigt, die vom Original entscheidend abweicht: Der Genitalbereich wurde retuschiert und war nicht mehr zu sehen. Stattdessen war die Stelle blank. Seit einem Bericht des „ Corrie della Sierra (verlinkt auf https://www.corriere.it/spettacoli/26_febbraio_12/sigla-olimpiadi-genitali-uomo-vitruviano-spariti-50d4cc1e-6027-478b-9ba4-a783fc222xlk.shtml) “ dazu kochen die Emotionen hoch. Im Internet war bereits von Kastration die Rede. Inzwischen hat die Aufregung auch politische Dimensionen erreicht: Die Oppositionspartei Partito Democratico (PD) protestierte offiziell gegen die Ausstrahlung des Clips mit der ihrer Sicht enthaltenen „zensierten“ Version der Zeichnung. Irene Manzi, kulturpolitische Sprecherin der PD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, fragte, ob Rai überhaupt für „die Ausstrahlung einer veränderten Version eines der universellen Symbole der Renaissance-Kunst autorisiert“ sei. Denn der „Vitruvianische Mensch“ sei kein beliebiges Motiv, sondern unterliege strengen Schutz- und Reproduktionsvorschriften. „Kunst zu verändern heißt, sie zu demütigen und zu verarmen, nicht sie zu schützen.“ Auch die Fünf-Sterne-Bewegung greift den Sender scharf an, spricht von der „rückständigsten Wohnzimmerzensur“ und vergleicht Rai mit „Ayatollahs“, die Kunstwerke zerstörten. Doch womöglich sitzt der Auslöser der Debatte gar nicht bei Rai selbst. Und so weist der Sender die Vorwürfe bereits zurück und spricht in einer Mitteilung (verlinkt auf https://www.rai.it/ufficiostampa/assets/template/us-articolo.html?ssiPath=/articoli/2026/02/RAI-Milano-Cortina-2026-sigla-e-pacchetto-grafico-internazionale-72fcabe7-1869-4adc-a767-eb745ea1f1d4-ssi.html) von „Fake News“ und einer „an den Haaren herbeigezogenen Kontroverse“. Vorspann und Grafikpaket würden nicht von Rai selbst produziert, sondern von Olympic Broadcasting Services (OBS), der offiziellen Produktionsorganisation des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Diese Inhalte würden allen Sendern weltweit in identischer Form zur Verfügung gestellt und müssten nach gemeinsamen internationalen Standards unverändert ausgestrahlt werden. Rai könne „diese Inhalte wie jeder andere Sender auch in keinster Weise verändern“, wird der Sender zitiert. Als möglicher Hintergrund werden IOC-Richtlinien genannt, nach denen „explizit sexuelle Inhalte streng verboten“ sind. Ob dies der Grund für die Retusche ist, ist bislang nicht offiziell bestätigt, berichten italienische Medien. Der „Vitruvianische Mensch“ gilt als Sinnbild der Renaissance: Er verbindet Kunst, Anatomie, Mathematik und Philosophie. Der Mensch erscheint als Maß aller Dinge, eingebettet in eine harmonische Ordnung zwischen Himmel (Kreis) und Erde (Quadrat). Heute zählt der „Vitruvianische Mensch“ zu den weltweit bekanntesten Zeichnungen und ist ein ikonisches Symbol für wissenschaftliche Neugier. Die Zeichnung ziert auch die Ein-Euro-Münze Italiens – übrigens inklusive angedeutetem Genital.