In ihrem Atelier präsentieren Camil Krings und Mirja Hansen einen alten Stoff des Tuchherstellers Dechamps. „Den haben wir hier in Paris bei einem Händler entdeckt, es gibt immer noch einige Dechamps-Tuchrollen auf Lager, viele Händler kennen die Marke noch“, berichtet Krings. Der 27-Jährige ist ein Enkel von Robert Krings, der die Geschäfte der Aachener Tuchfabrik bis zu seinem Ruhestand 1994 führte. Doch um die Jahrtausendwende geriet die 1872 gegründete Firma in finanzielle Schieflage, wie fast alle deutschen Tuchfabriken; 2003 wurde das Familienunternehmen dann nach einem Insolvenzverfahren liquidiert. Das alles kennt Camil Krings im Grunde nur noch aus Erzählungen seines Vaters, der ab 1990 mit seiner italienischen Frau in Frankreich lebte. Dort wurden Camil und sein älterer Bruder Leo geboren. Später zog die Familie nach Berlin, wo Camil Krings am Atelier Chardon Savard, dem Ableger einer Pariser Schule, Modedesign studierte und 2021 seinen Bachelor of Arts ablegte. Dort lernte er die aus Kiel stammende Mirja Hansen, 26, kennen. Gemeinsam zog das Paar später in die französische Hauptstadt, wo Krings am renommierten Modehaus Celine unter dem legendären Designer Hedi Slimane zwei Jahre als Junior-Designer arbeitete. „Das war eine aufregende Zeit, ich habe damals bei Hedi Slimane sehr viel gelernt.“ Neben Giorgio Armani sei Slimane einer der ganz großen der Branche gewesen, der die Männermode Ende der 1990er-, Anfang der Nullerjahre revolutioniert habe. Slimane hatte unter anderem den androgynen „Slim Look“ neu erfunden, mit betont schmalen Schnitten und Silhouetten sowie einer ausgeprägten Taillierung. Anlehnung an das alte Logo Vielleicht hat sich das junge Designer-Paar ja auch von diesem Look inspirieren lassen. Im Atelier nahe dem Pariser Bastille-Platz präsentiert Mirja Hansen einen Anzug der aktuellen Kollektion. „Eines unserer Erkennungszeichen ist die abgerundete Paspeltasche – ein Beweis echter Handarbeit, weit entfernt von der großflächig mechanisierten Produktion.“ Auch sonst werde sehr auf Qualität geachtet, von Innenfuttern aus Seide bis hin zu französischen Hornknöpfen. Nachdem auch Mirja Hansen erste berufliche Erfahrungen bei der Pariser Modeschöpferin Isabel Marant gesammelt hatte, wollte das kreative Paar etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Dabei kamen sie auf die Idee, die alte Marke Dechamps wieder aufleben zu lassen. Sie sicherten sich „Dechamps“ als Wort- und Bildmarke, ein in den Archiven wiedergefundenes Logo aus zwei ineinanderlaufenden Schleifen bildet nach einer leichten Modernisierung das heutige Firmenlogo. Und offenbar kommt der französische Name – die Dechamps-Gründer kamen aus dem belgischen Verviers nach Aachen – in Paris auch gut an. „Für uns steht der Qualitätsgedanke im Sinne der alten Marke an oberster Stelle“, sagt Mirja Hansen. Damals sei es vorrangig um die Qualität der verarbeiteten Wolle gegangen. „Das ist heute auch noch so, es geht aber vor allem auch um das Design.“ Für seine Produkte erhielt Dechamps das Label „Fabriqué à Paris 2025“ verliehen und gewann den ersten Preis „Coup de coeur des Parisiennes et Parisiens“ der französischen Hauptstadt. Zunächst hatten die jungen Designer im „tiefen Marais-Viertel“ ein kleines Atelier bezogen, berichtet Camil Krings. Dann fanden sie im Viertel nahe der Pariser Bastille einen Laden in einer Passage, in dem früher kleine Möbelhandwerker ihren Sitz hatten, daher auch der Name „Passage du Chantier“. Für ihr Atelier müssen die beiden eine für Paris vergleichsweise günstige Miete zahlen, es hat aber auch nur 17 Quadratmeter und einen kleinen Innenhof. Eine Kollektion umfasst mittlerweile in der Regel etwa 30 Stücke, von Anzügen über Hemden und Blusen bis hin zu Taschen und Gürteln. „Angefangen haben wir mit 15 Teilen“, blickt Mirja Hansen zurück. „Heute fertigen wir nach wie vor einen Teil der Produktion sowie alle Prototypen selbst an.“ Man vergebe aber auch mittlerweile Aufträge im Großraum Paris, wo es noch viele gute Schneidereien gebe. Die Lederwaren wiederum werden in Tours an der Loire und in der Bourgogne von Handwerksbetrieben hergestellt, etwa aus Anilinleder. Das sei besonders strapazierfähig und entwickele „eine schöne Patina“, so Mirja Hansen. Das alles hat natürlich seinen Preis. Eine Tasche kostet an die 950 Euro, für ein Sakko muss man 1150 Euro einplanen, für die passende Hose 670 Euro, macht 1820 Euro. „Dafür fertigen wir aber auch gemäß dem Konzept ,Demi-Mesure‘, also etwa halbe Maßarbeit“, erläutert Camil Krings. „Dabei passen wir Sakko und Hose perfekt an die Bedürfnisse des Kunden oder der Kundin an.“ Zielgruppe seien junge Männer zwischen 25 und 40 Jahren, bei den Frauen liegt sie zwischen 35 und 60 Jahren. Und der besondere Stil von Dechamps Paris spricht sich offenbar herum. „Wir hatten vor Kurzem eine Dame aus London bei uns im Atelier“, erzählt Mirja Hansen. Die habe in England über eine Stylistin von Dechamps gehört und war dann in Paris mit einer persönlichen Shopping-Assistentin unterwegs. „Sie hat dann bei uns gleich mehrere Modelle gekauft, das war natürlich ein schöner Erfolg“, ergänzt Camil Krings. Alle Einnahmen würden in den Ausbau des Geschäfts und der Marke investiert. Seit einem Jahr laufe das Geschäft aber immerhin schon so gut, dass man davon „auf kleiner Flamme“ leben könne, wie Krings es umschreibt. Thema der Kollektion aus dem Juli, die im Januar in die Geschäfte kommt, ist der Boxsport. Derzeit arbeiten die beiden Designer an der nächsten Kollektion, diesmal geht es rund um das Thema Jagd. Diese soll im Januar 2026 auf der Pariser „Fashion Week“ dem Fachpublikum präsentiert werden. Geschäftsreise nach Japan Die Mode von Dechamps Paris kommt vor allem im designverliebten Japan gut an. Dort sind die Kollektionen des Paares schon in mehreren Kaufhäusern zu finden, von Tokio über Nagoya bis nach Osaka. Im November waren die Gründer erstmals in Japan, um Kunden vor Ort zu besuchen. „Die Läden, mit denen wir zusammenarbeiten, sind sehr unterschiedlich – zu den größeren gehören Tomorrowland oder Isetan, die am ehesten mit dem Alsterhaus in Hamburg oder dem Kaufhaus Breuninger vergleichbar sind“, so Mirja Hansen. Daneben gebe es noch eine Handvoll Boutiquen breit über das Land verteilt, die Produkte aus Paris bezögen. „Diese unabhängigen Läden sind mit viel Persönlichkeit gestaltet und spiegeln den Geschmack ihrer Inhaber wider“, berichtet Mirja Hansen. „Besonders interessant war für uns zu sehen, wie unsere Produkte in den verschiedenen Läden präsentiert wurden“, ergänzt Krings. „Dadurch konnten wir wertvolle Einblicke in Positionierung und Marktumfeld gewinnen.“ Und weil Krings und seine Familie immer noch einen engen Bezug zu Aachen haben, wurde im dortigen Traditionshotel Quellenhof eine Vitrine angemietet. Denn auf der Durchreise zwischen Berlin und Paris hatten die Designer in Aachen Archive zum Thema Tuchfabrikation erkundet und im Quellenhof übernachtet. Dabei entstand die Idee, eine Art Schaufenster zu gestalten. Nun werden im Quellenhof Archivbücher, historische Fotografien aus der früheren Dechamps-Fertigung in Aachen und die neusten Kreationen aus Paris präsentiert. „Die Vitrine ist ein Projekt, das eine Verbindung zwischen der Textilgeschichte und der heutigen Weiterführung der Marke herstellt“, sagt Camil Krings.