Wenn José Barras Moncada und Oscar Hoppe im Ernst Deutsch Theater rappen, steigt die Stimmung im Saal, denn sie machen das gut. Gelegentlich wagen sie sich sogar auf zwei Metallstreben vor, die von der Mitte der Bühne wie ein schmaler Steg über die ersten vier Reihen im Saal ins Publikum reichen. Sonst wird viel gelacht an diesem Abend, der sogar den einen oder anderen berührenden Moment herstellt. Im zweiten Teil gleitet das Stück „Keine Aufstiegsgeschichte“ dann in eine Agitprop-Seifenoper ab, die in linke Wahlkampfreden mündet. Was als biografische Schilderung funktioniert und Einblicke in, sowie Verständnis für prekäre Verhältnisse ermöglicht, geht als aktivistisches Pseudo-Avantgarde-Theater einer der deutschen Uraltparteien im Populistenspektrum krass daneben. Abgefackelte Briefkästen, verbrannte Träume Autor Olivier David, Kolumnist der Tageszeitung „nd“ (Als „Neues Deutschland“ von 1946 bis 1989 Zentralorgan der SED), schrieb das 2022 erschienene Buch „Keine Aufstiegsgeschichte“, in dem er anhand seiner Biografie schildert, wie toxisch das Aufwachsen und Leben in Armut für die Psyche sein kann. Gemeinsam mit Regisseur Marco Damghani und dem Ensemble des Stückes entwickelte er daraus nun einen Theaterabend, der am Ernst Deutsch Theater zu sehen ist. Fünf Darsteller, von denen nur Moncada als Entdeckung gefeiert werden darf, spielen die Hauptfigur Olivier der Reihe nach. Neben Moncada spielt der erwähnte Hoppe, der besonders in seiner Rolle als Oliviers labile Mutter Sabine überzeugt. Nina Carolin liefert in ihren Rollen eine glaubwürdige Performance und erklärt sehr sachlich, wie man einen Molotow-Cocktail baut, während Rune Jürgensen immer etwas zu dick aufträgt und Tash Manzungu immer etwas zu dünn. Als wünschenswert wird im Stück – gleichzeitig mit dem Elend des Stadtteils Steilshoop (erhöhte Kriminalitätsrate), mit elenden Ausflügen an den Bramfelder See und elend abgefackelten Briefkästen – der möglichst niedrigschwellige und damit auch kostengünstige Einstieg zur Kultur thematisiert. Irgendwann besucht der Protagonist schließlich die Schauspielschule, in der alle woke sein wollen und einander doch vor Eifersucht keine Erfolge gönnen. Diese Szene ist wirklich witzig, setzt sie doch wie der Einstieg auf Selbstironie, die, konsequenter genutzt, das einzige Mittel gewesen wäre, den Abend qualitativ zu retten. Die Rahmenhandlung ist ein Computerspiel, in dem der Protagonist einen Tag lang bis zum Abend einer Preisverleihung für sein Buch Aufgaben abarbeiten muss. Von Mutti besuchen über Geld eintreiben bis Anzug besorgen. Sind Rentner Opfer des Systems? So jedoch verwandelt der Theatererbe und neue Intendant Daniel Schütter das größte Privattheater des Landes in der ersten von ihm verantworteten Spielzeit in eine Art Klecks-Theater der Siebzigerjahre, in ein Kulturzentrum für die Proletarier aller Stadtteile, die den Weg zur Mundsburg allerdings erst noch finden müssen. Im Premierenpublikum saßen viele Rentner, die in einer flammenden Rede für die Werktätigen und Untätigen als Opfer des Systems, also dieser „freien Marktwirtschaft“, vulgo Kapitalismus, vergessen wurden. Bis ein Rentner „Rentner“ reinrief, was Moncada dankend aufnahm. Aber ob sie gemeint waren, da sie sich doch die Theaterkarten offenbar irgendwie leisten konnten, blieb unklar. Zum Schluss der Performance sprechen sich die Protagonisten konkret gegen eine Kühne-Oper aus, die keiner von ihnen je besuchen werde. Weiter heißt es aufmunternd „wir sind keine Milliardäre, wir sind Milliarden“. Und dann werde irgendwann der Moment kommen, so der linke Traum frei nach Marx, in dem die Massen begreifen … abgeschmackt. Daniel Schütters Mutter, Ex-Intendantin Isabella Vertés-Schütter, übergab ihrem Sohn und der Regisseurin Ayla Yeginer das Haus im vergangenen Herbst und sagte zur Kühne-Oper als kulturpolitische Sprecherin der SPD Hamburg: „Die Staatsoper ist eine der bedeutendsten Kulturinstitutionen unserer Stadt. Mit einem Neubau stärken wir Hamburgs kulturelles Angebot und setzen weitere städtebauliche Impulse. Der neue Opernstandort wird mehr sein als nur eine Bühne für Oper, Ballett und Musik. Auch außerhalb der Spielzeiten wird das Haus allen offenstehen.“ So schön kann Pluralismus sein. Kriminalität ist hier eher komisch als problematisch Das Hauptproblem des Stückes bleibt sein Abgleiten in Klischees. So wird hier über die aggressiven Jugendlichen aus Steilshoop gelacht, als einer von ihnen einen Ornithologen in den Bramfelder See wirft und sein Fernglas klaut. Es wird gelacht, als derselbe Typ sechs Paletten Energydrinks geklaut hat und vertickt. Und es macht richtig gute Laune, wenn er einen Typen mit dem Hammer bedrohen will, um ihn zu berauben und es dann doch nicht tut, weil der nicht alleine in seinem Reihenhaus in Winterhude lebt, sondern mit seiner Familie. Ganz am Ende, da ist der Schlussapplaus schon verklungen, richtet Schauspieler Oscar Hoppe noch einen Appell ans Publikum: Man möge doch weitersagen, wenn’s einem gefallen habe, damit das Theater auch immer schön voll ist. In Steilshoop – im Stück „Steilo“ genannt – das verkündete die Hamburger Sozialbehörde kürzlich, wird es, da es im Bezirk Wandsbek liegt, künftig drei Straßensozialarbeiter geben, weitere drei in Harburg und fünf in Altona. In den restlichen vier Bezirken werden die festen Stellen für Straßensozialarbeit gestrichen. Dort soll „bedarfsgerecht“ agiert werden. Laut einer Umfrage des Norddeutschen Rundfunks, die ebenfalls am Morgen nach der Premiere veröffentlicht wurde, empfinden zwei Drittel der Befragten das Bildungssystem als ungerecht. Aktuelle Umfrage zum Gerechtigkeitsempfinden Laut einer aktuellen, repräsentativen Umfrage von ARD-Deutschlandtrend geht es für 62 Prozent der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland aktuell eher ungerecht zu. Bei Menschen mit niedrigerem Einkommen (71 Prozent) ist demnach das Ungerechtigkeitsempfinden ausgeprägter als bei Menschen mit höherem Einkommen (52 Prozent). Auch die 18- bis 34-Jährigen (70 Prozent) sind, laut Umfrage, eher der Meinung, dass es in Deutschland ungerecht zugeht, als die Menschen über 65 Jahre (57 Prozent). Als Grund für dieses Ungerechtigkeitsempfinden werde am häufigsten die Schere zwischen Arm und Reich genannt (35 Prozent), so die ARD – das sind 13 Prozentpunkte mehr als im Juli 2025. Für soziale Gerechtigkeit zu sorgen trauen die Deutschen laut Umfrage aktuell am ehesten der SPD zu: 24 Prozent sehen diese Kompetenz vor allem bei den Sozialdemokraten. Dahinter folgen mit 16 Prozent die AfD und mit jeweils 15 Prozent Linke und Union. In dieser Frage gibt es zwar keine Fünf-Prozent-Hürde, aber alle anderen Parteien blieben darunter. Ernst Deutsch Theater: „Keine Aufstiegsgeschichte“, diverse Termine bis 23. April