Manche Kinder, die zu ihr kommen, sind erst acht. „Immer mehr Grundschulkinder haben ein Smartphone und sind damit überfordert“, sagt Kerstin Paschke, Ärztliche Leiterin des kinder- und jugendpsychiatrischen Suchtbereichs am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Seit Ende 2025 gibt es hier eine Spezialambulanz für problematischen Medienkonsum. „Die Nachfrage ist groß“, sagt die 43-jährige Privatdozentin. Lange seien die Risiken der digitalen Medien für Minderjährige übersehen worden. Dass aktuell über die rechtliche Regulation der Social-Media-Nutzung diskutiert wird, sei „höchste Zeit“. Sie hofft, dass damit Eltern und Betroffene endlich aus der Scham-Ecke geholt werden. Viele Jugendliche kommen erst zur Beratung, wenn sie schon ein Jahr nicht mehr in der Schule waren oder Depressionen hinzukommen. Eltern hätten oft resigniert und das Gefühl, versagt zu haben. Mediensucht sei immer noch stigmatisiert. „Das muss aufhören! Wir kämpfen schließlich gegen Tech-Milliardäre und ihre Algorithmen, die abhängig machen“, sagt die Kinder- und Jugendpsychiaterin. 350.000 Jugendliche süchtig Rund sechs Prozent aller Kinder und Jugendlichen nutzen soziale Medien in einem krankhaften Ausmaß, zeigt eine aktuelle Studie des UKE und der Krankenkasse DAK. „Das sind hochgerechnet etwa 350.000 junge Menschen zwischen zehn und 17 Jahren“, sagt Paschke. Zudem würden 21 Prozent der Jugendlichen die Medien in riskantem Maße nutzen. Dies kann mit Depressionen, Angststörungen, einem negativen Selbstbild sowie Einbußen bei Konzentration, sozialen Fähigkeiten und schulischer Leistung einhergehen. Durchschnittlich verbringen Zehn- bis 17-Jährige mehr als drei Stunden pro Tag mit sozialen Medien. „Die Zeit allein ist nicht das Problem“, sagt die Expertin. Von Sucht spricht sie, wenn drei Faktoren zusammenkommen: Erstens der Kontrollverlust, sodass Dauer und Häufigkeit der Handynutzung kaum bewusst gesteuert werden können. Zweitens werden Schlaf, Schule, Hobbys oder soziale Kontakte durch Social Media und Co. verdrängt. Drittens das Weitermachen trotz negativer Folgen wie Konflikte, Stress oder Leistungsabfall in der Schule. Das Suchtpotenzial von Social Media sei Teil des Geschäftsmodells: Viele Apps seien so programmiert, dass sie Nutzer möglichst lang in der Anwendung halten. Push-Nachrichten, Kurzvideos und individualisierte Algorithmen würden das Zeitgefühl aushebeln. Inhalte sprächen direkt das Belohnungssystem im Gehirn an. „Es wird immer wieder neu zur Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin angeregt. So wird ständig der nächste Belohnungsreiz gesucht“, erklärt Paschke. Kinder und Jugendliche seien besonders gefährdet, weil bei ihnen Selbstkontrolle und Impulshemmung noch nicht vollständig ausgereift seien. Um Kinder zu schützen, setzen immer mehr Länder auf Verbote. Vorreiter ist Australien, wo seit Dezember 2025 Social Media erst ab 16 Jahren erlaubt ist. In Deutschland will die SPD Tiktok, Instagram und ähnliche Plattformen für Kinder verbieten. Für 14- bis 16-Jährige soll es eine „Jugendversion“ geben. Bildungs- und Familienministerin Karin Prien und Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (beide CDU) unterstützen die SPD-Vorschläge. Für eine Regulierung von Social-Media-Angeboten ist in Europa jedoch in erster Linie die EU zuständig, die aktuell an einem besseren Kinder- und Jugendschutz auf Plattformen arbeitet. Verschärfte Probleme Es wird Zeit: Paschke befürchtet, dass sich die Probleme durch Künstliche Intelligenz (KI) verschärfen werden. Mit Chatbots verschwimme gerade für Kinder die Grenze zwischen realer und digitaler Welt. Möglich sei auch, dass das Suchtpotenzial von Social Media durch KI-Anwendungen weiter erhöht wird. Das betrifft nicht nur Jugendliche: „Wir müssen noch früher ansetzen“, findet die Psychiaterin. So haben Touchscreens das Einstiegsalter bei digitalen Medien bereits ins Kleinkind- und Säuglingsalter abgesenkt. In der frühen Kindheit werde die Reifung von Hirnstruktur und -funktion stark von Umwelt- und Erfahrungseinflüssen geprägt. „Eine Nutzung digitaler Geräte könnte auf die bio-psychosoziale Entwicklung des Kindes wirken. Der Erwerb alterstypischer Kompetenzen wie Schlaf-Rhythmus, reguliertes Essverhalten, Sprache oder Gefühlsregulation könnte gestört werden“, warnt die Ärztin. Hier brauche es eine neue, umfassende Aufklärung, etwa mithilfe von kostenlosen Elternkursen und Medienberatung in der Kita oder bei Vorsorgeuntersuchungen. Denkbar seien auch Aufkleber auf allen digitalen Geräten: „Nicht geeignet für Kinder von 0 - 3 Jahren! Dieser Bildschirm schadet der Entwicklung Ihres Säuglings und Kleinkindes.“ Vergleichbar mit Aufklebern bei Tabak oder Alkohol. Paschke: „Kinder haben das Recht auf eine analoge Kindheit.“