Welt 27.12.2025
14:33 Uhr

„Prozente steigen ja immer weiter“ – Juli Zeh hält Brandmauer gegen AfD für gescheitert


Seit Jahren lebt Schriftstellerin Juli Zeh in einem Dorf in Brandenburg und erlebt dabei hautnah, wie sich Menschen von den herkömmlichen Parteien entfernen. Ein AfD-Parteiverbotsverfahren sieht sie skeptisch.

„Prozente steigen ja immer weiter“ – Juli Zeh hält Brandmauer gegen AfD für gescheitert

Die Schriftstellerin und Juristin Juli Zeh hält das Konzept der „Brandmauer“ gegenüber der AfD für gescheitert. „Der Versuch, mit der Brandmauer die AfD kleinzuhalten, hat in den vergangenen zehn Jahren nichts gebracht“, sagte sie im Interview mit der „wochentaz“ (verlinkt auf https://taz.de/Juli-Zeh-ueber-Nachbarn-die-AfD-waehlen/!6137251/) . „Die Prozente der AfD steigen ja immer weiter.“ Der Begriff Brandmauer steht für eine klare politische Abgrenzung zur AfD. Auch ein Verbotsverfahren der AfD ist aus ihrer Sicht nicht der richtige Weg. „Wenn Sie einen halbwegs cleveren AfD-Funktionär fragen, was auf seinem Wunschzettel für 2026 steht, dann sagt der wahrscheinlich: Ich wünsche mir ein Verbotsverfahren“, führte die studierte Juristin aus. „Allein der Versuch, sie zu verbieten, würde der AfD krass nutzen.“ Zeh wohnt seit Langem in einem Dorf in Brandenburg. Seit Jahren streiten sich verschiedene Parteien, ob man mit einem Verbotsverfahren gegen die AfD vorgehen sollte. Sie gilt in Teilen als rechtsextrem. Aktuell liegt kein offizielles Verbotsverfahren beim Bundesverfassungsgericht vor. Die Schriftstellerin, die mit Erzählungen und Romanen wie „Unterleuten“ regelmäßig Bestseller landet, sei nicht grundsätzlich gegen ein Verbotsverfahren, betonte sie. „Wenn ein Parteiverbotsverfahren Aussicht auf Erfolg hat, kann und muss man es anstrengen.“ Wenn nicht, werde es jedoch der AfD weiteren Aufwind verleihen. Auf den Einwand, dass derzeit fast alles dem Rechtspopulismus nütze, entgegnete Zeh: „Außer guter Politik und gutem Journalismus vielleicht.“ Unzufriedenheit mit den herkömmlichen Parteien Den hohen Zuspruch der AfD in ihrem Dorf im Havelland erklärte die aus Bonn stammende Schriftstellerin mit einer extremen Unzufriedenheit der Menschen. „Sie haben nicht das geringste Vertrauen in die herkömmlichen Parteien, weil es an allen Ecken und Enden an der simplen Grundversorgung fehlt: Bildung, Mobilität, Gesundheit, Pflege, bezahlbarer Wohnraum.“ Als Beispiel erzählte sie die Geschichte einer Mutter, deren Tochter ein Platz in einer weit entfernt liegenden Schule zugewiesen wurde. Um diese Schule mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen, hätte die Tochter mehrmals umsteigen müssen. „Die Mutter wollte nicht, dass ihr Kind alleine bei Kälte und Dunkelheit am Bahnhof steht“, so Zeh weiter. Also habe sie die Tochter gefahren, weshalb sie jeden Tag zu spät zur Arbeit gekommen sei. Nach zwei Wochen wurde der Mutter gekündigt, wie die Autorin berichtete. „Ein halbes Jahr später haben sie doch noch einen Schulplatz etwas näher zum Wohnort bekommen, Gott sei Dank. Aber der Job der Mutter war weg. Dass Menschen, die so etwas erleben, AfD wählen, wundert mich nicht.“ Ein Großteil der AfD-Wähler in ihrem Dorf fänden vor allem die anderen Parteien schlecht, erläuterte Zeh. „Die meisten, mit denen ich spreche, glauben gar nicht, dass die AfD Lösungen parat hätte.“ Allerdings sei die AfD „anschlussfähig mit dem, was sie so rumplärrt, mit ihrer Elitenfeindlichkeit und Verachtung für Politiker“. Besorgt zeigte sich Zeh darüber, dass viele Menschen gar kein Interesse mehr für die Bundesregierung aufbrächten. „Dieses Wegdriften ist schon dramatisch. Dadurch werden die Leute verführbar und manipulierbar durch Extremisten.“ Auch vom Alarmismus in Politik und Medien hält Zeh nichts. „Wenn man sagt, die Apokalypse droht, wer hat dann noch Zeit für Demokratie und Liberalismus?“, fragte Zeh. Wer so rede, befördere letztlich den Erfolg von Rechtspopulisten. „Das gilt für jeden, der wegen einer erfolgreichen Schlagzeile so tut, als stünden wir unmittelbar vor dem Zusammenbruch des Landes oder vor dem Dritten Weltkrieg.“