Welt 02.02.2026
05:50 Uhr

Preisverleihung wird mit „Fuck ICE“-Rufen zum Anti-Trump-Event – und dann gewinnt der Dalai Lama


Der Protest gegen das Vorgehen der US-Regierung gegen Migranten dominiert die 68. Grammy-Awards in Los Angeles. Ein geistlicher Führer wird nebenbei zum überraschenden Gewinner. Und erstmals gibt es ein rein spanisch-sprachiges „Album des Jahres“.

Preisverleihung wird mit „Fuck ICE“-Rufen zum Anti-Trump-Event – und dann gewinnt der Dalai Lama

In den Vereinigten Staaten ist die Saison der Preisverleihungen der Unterhaltungsbranche in vollem Gange – während im US-Bundesstaat Minnesota der Protest gegen die umstrittene Abschiebepolitik der US-Regierung wächst. Bei den diesjährigen Grammy-Verleihung in Los Angeles am Sonntagabend äußerten viele Künstler ihren Unmut. Viele der geladenen Promis im Publikum trugen bei der Verleihung zu diesem Zweck Anstecknadeln, die ihrem Protest gegen die US-Einwanderungsbehörde ICE Ausdruck verliehen. Die Sängerin Kehlani verfluchte ICE (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/ausland/article697e7bd6f0e62064809e095d/von-ice-in-gewahrsam-genommen-viele-fremde-haben-fuer-dich-gebetet-fuenfjaehriger-wieder-zu-hause-in-minnesota.html) in ihrer Dankesrede für die beste R&B-Performance. Justin Vernon, dessen Band Bon Iver für das beste Alternative-Musik-Album nominiert war, sagte, er habe eine Trillerpfeife getragen, um Aktivisten und Beobachter zu ehren, die das Verhalten der Bundesbeamten auf den Straßen dokumentieren. „Ich denke, Musik existiert aus einem Grund: Sie soll heilen und Menschen zusammenbringen“, sagte er der Presseagentur AP. „Aber die wirkliche Arbeit leisten die Beobachter vor Ort in Minneapolis. Wir wollen sie einfach würdigen.“ Der südafrikanische Comedian Trevor Noah moderierte die Preisverleihung zum sechsten Mal – und, wie er selbst sagte, zum letzten Mal. Noah erwähnte die Maßnahmen der Einwanderungsbehörden in seinem Eröffnungsdialog nicht direkt, machte aber unter anderem spitze Bemerkungen in Richtung der abwesenden Rapperin Nicki Minaj. Diese hatte sich zuletzt mehrfach öffentlich als Trump-Anhängerin präsentiert. „ Nicky Minaj (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/ausland/article697b1b066cd82fb45b1bf812/usa-wahrscheinlich-groesster-fan-warum-rapperin-nicki-minaj-trump-unterstuetzt.html) ist nicht hier“, sagte Noah, begleitet von großem Applaus des Publikums in der Crypto.com-Arena. „Sie ist immer noch im Weißen Haus bei Donald Trump und bespricht sehr wichtige Themen.“ Minaj hatte den Präsidenten in dieser Woche besucht und vor laufender Kamera eifrig gelobt. Noah setzte zu einer Trump-Imitation an: „Eigentlich, Nicky, habe ich den größten Hintern, alle sagen es, Nicky.“ Trevor Noah verliert gegen Dalai Lama Noah selbst ist vierfacher Grammy-Nominierter und war dieses Jahr in der Kategorie Bestes Hörbuch für Kinder mit „Into The Uncut Grass“ nominiert. Er verlor gegen den Dalai Lama, der für seine Erzählstimme ausgezeichnet wurde. Auch Regisseur Steven Spielberg hat bei der Verleihung seinen ersten Grammy gewonnen. Der 79-Jährige wurde als Produzent für den „Besten Musikfilm“ mit „Music for John Williams“ ausgezeichnet. Spielberg ist nun ein sogenannter EGOT-Preisträger, also ein Künstler, der alle vier wichtigen US-Unterhaltungspreise gewonnen hat – Emmy, Grammy, Oscar und Tony. Spielberg wurde nicht alleine für die Musik-Doku ausgezeichnet. Der Preis ging auch an die restlichen Produzenten und Regisseure Laurent Bouzereau. „Music by John Williams“ handelt von dem monumentalen Werk des einflussreichen Filmkomponisten. Ein weiteres erstes Mal in der Geschichte der Grammys: Es wurde ein K-Pop-Song mit einem der goldenen Grammophone ausgezeichnet. Der Song „Golden“ aus dem Netflix-Erfolgsfilm „KPop Demon Hunters“ bekam die Ehrung als bester für visuelle Medien geschriebener Song, wie die Veranstalter mitteilten. „Bevor ich Gott danke, möchte ich sagen: ICE raus“ Latin-Superstar Bad Bunny nutzte seine Dankesrede für eine klare Botschaft, nachdem er den Grammy für das beste Música-Urbana-Album für „Debí Tirar Más Fotos“ gewonnen hatte. „Bevor ich Gott danke, möchte ich sagen: ICE (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/ausland/article697e7bd6f0e62064809e095d/von-ice-in-gewahrsam-genommen-viele-fremde-haben-fuer-dich-gebetet-fuenfjaehriger-wieder-zu-hause-in-minnesota.html) raus“, sagte er zu Beginn seiner Rede auf Englisch, begleitet von großem Applaus. „Wir sind keine Wilden, wir sind keine Tiere, wir sind keine Außerirdischen. Wir sind Menschen und wir sind Amerikaner.“ Der Sänger trat während seiner Welttournee in keiner US-amerikanischen Stadt auf, soll nun aber bei der Halbzeitshow des Super Bowl singen. Die Trump-Regierung drohte, ICE-Beamte bei dem Auftritt einzusetzen. Bad Bunny ist bei der diesjährigen Grammy-Verleihung für das „Album des Jahres“ ausgezeichnet worden. Es ist das erste Mal in der Geschichte der Grammys, dass ein rein spanischsprachiges Album in dieser Kategorie ausgezeichnet wurde. Moderator Noah hatte Bad Bunny in seinem Eröffnungsmonolog gefragt, ob er bei ihm in seiner Heimat Puerto Rico wohnen könne, falls es in den USA zu schlimm würde. „Trevor, ich habe Neuigkeiten für dich“, sagte Bad Bunny. „Puerto Rico ist ein Teil Amerikas.“ Olivia Dean wurde bei den Grammys als beste Newcomerin ausgezeichnet. Auch die britische Soulsängerin zeigte sich in ihrer Dankesrede politisch. „Ich hätte mir nie wirklich vorgestellt, dass ich einmal hier oben stehen würde“, sagte die Sängerin („Man I need“), während sie sich bei der Entgegennahme ihres ersten Grammys die Tränen wegwischte. „Ich stehe hier als Enkelin einer Einwanderin. Ohne sie wäre ich nicht hier ... Ich bin ein Produkt von Mut, und ich finde, diese Menschen verdienen es, gefeiert zu werden.“ Sängerin Billie Eilish ist bei der diesjährigen Grammy-Verleihung für den „Song des Jahres“ ausgezeichnet worden. Sie erhielt den Musikpreis für „Wildflower“. In ihrer Dankesrede sprach sich Eilish ebenfalls gegen die Abschiebepolitik der US-Regierung aus. „Niemand ist illegal auf gestohlenem Land“, sagte sie. „Fuck ICE“, also „scheiß auf ICE“ – dies sei alles, was sie zu sagen habe. Nachdem ein Grenzschutzbeamter in der vergangenen Woche den 37-jährigen Krankenpfleger Alex Pretti erschossen hat und Bundesbeamte den fünfjährigen Liam Conejo Ramos festgenommen haben, ist die öffentliche Gegenreaktion gewachsen. In Los Angeles verschärfte auch die jüngste Festnahme des CNN-Journalisten Don Lemon (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/ausland/article697cf985a58e5b705ac2d55f/us-regierung-laesst-cnn-journalisten-festnehmen-und-spottet-auf-x-ueber-ihn.html) den Aufschrei zusätzlich. Don Lemon posierte auf dem roten Teppich mit seinem Ehemann Tim Malone und der Sängerin Brandi Carlile, die ihn auf die Wange küsste. Lemon war ursprünglich in der Stadt, um über die Grammys zu berichten. Am Donnerstagabend wurde er jedoch festgenommen – wegen Bürgerrechtsverletzungen, die im Zusammenhang mit seiner Berichterstattung über einen Anti-ICE-Protest in einer Kirche in Minnesota standen. Er wurde am Freitag wieder aus der Haft entlassen. In den sozialen Medien schrieb Lemon, dass sein Handeln durch den ersten Verfassungszusatz geschützt sei und dass er „nicht zum Schweigen gebracht“ werde. „Ich freue mich auf meinen Tag vor Gericht“, schrieb der Journalist.