Ein Tötungsdelikt in Ingolstadt hat am Wochenende bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt – nicht nur wegen der Brutalität der Tat selbst, sondern auch, weil die Polizei die Nationalität des Täters veröffentlichte. Daran stört sich die Integrationsbeauftragte der Stadt. Anlass für die Berichterstattung war, dass ein Mann auf der Straße mit einem Küchenmesser auf seine Ex-Partnerin eingestochen und schwer verletzt hatte. Die 45-Jährige kam am Freitag mit lebensgefährlichen Verletzungen ins Krankenhaus, wo sie kurz darauf starb. Die beiden Söhne hatten noch versucht, ihre Mutter zu retten, indem sie auf den Mann einschlugen – vergeblich. Erst im Oktober war der Verdächtige rechtskräftig zu einem Jahr Bewährungsstrafe verurteilt worden, weil er gegen ein Kontaktverbot verstoßen hatte. Das Polizeipräsidium Oberbayern Nord verschickte daraufhin am Samstagmorgen um 8.50 Uhr eine erste Mitteilung (verlinkt auf https://www.polizei.bayern.de/aktuelles/pressemitteilungen/095300/index.html) . Darin wurde der Verdacht gegen einen „49-jährigen Türken“ erwähnt, der seine Ex-Frau angegriffen habe, wie die Ingolstädter Zeitung „Donaukurier“ berichtet. Zahlreiche Medien übernahmen diese Angabe, auch WELT. Gegen den Verdächtigen wurde inzwischen Haftbefehl erlassen, er befindet sich jedoch noch im Krankenhaus. Kurz nach Veröffentlichung der Erstmeldung meldete sich allerdings Ingolstadts Integrationsbeauftragte Ingrid Gumplinger bei der Redaktion des „Donaukuriers“, berichtet die Redaktion nun (verlinkt auf https://www.donaukurier.de/lokales/ingolstadt/reaktionen-auf-bluttat-in-ingolstadt-tuerke-in-polizeibericht-fuehrt-zu-kritik-20103127) . Die Bezeichnung des Verdächtigen als „Türke“ habe in der türkischstämmigen Community der Stadt erhebliche Irritationen ausgelöst, sagte sie. Viele fühlten sich pauschal stigmatisiert. Zusammen mit der Gleichstellungsbeauftragten Barbara Deimel veröffentlichte Gumplinger noch am selben Tag eine Stellungnahme im Namen der Stadt. In dieser erklären beide, dass Gewalt gegen Frauen ein gesamtgesellschaftliches Problem sei – unabhängig von Herkunft oder Kultur. „Die Herkunft eines Täters darf nicht dazu führen, ganze Gruppen zu stigmatisieren oder Misstrauen zwischen den Communitys zu schüren“, heißt es in der Erklärung, aus der der „Donaukurier“ zitiert. Die Autorinnen sprechen von einem Femizid und verweisen auf die Notwendigkeit intensiver Präventionsarbeit. Der Fall hat auch eine medienethische Dimension. Der Pressekodex mahnt in Richtlinie 12.1, Nationalitäten nur dann zu nennen, wenn ein „begründetes öffentliches Interesse“ besteht und keine diskriminierenden Zuschreibungen entstehen. Bei schweren Straftaten kann die Biografie eines Verdächtigen dafür relevant sein. Die Mitteilung der Polizei stützte sich jedoch auf eine Vorgabe des Bayerischen Innenministeriums: Bei Straftaten wird die Nationalität von der Polizei grundsätzlich genannt. Im Oktober erst hatte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) dies damit begründet (verlinkt auf https://www.br.de/nachrichten/bayern/nationalitaeten-nennung-polizei-transparent-oder-riskant,UyN55sE) , dass es häufig „Diskussion über die Nationalität von Tatverdächtigen in den sozialen Medien“ gebe, verbunden mit dem Vorwurf, dass die Nationalität „verheimlicht werde“. Die Nennung der Nationalität gehöre aus seiner Sicht jedoch zu einer „ehrlichen Information der Öffentlichkeit“. Im aktuellen Fall soll auch das Opfer einen türkischen Migrationshintergrund haben, allerdings die deutsche Staatsangehörigkeit besessen haben.