Kurz vor sechs Uhr am Dienstagmorgen endet die Ruhe in einer Seitenstraße am Tempelhofer Damm abrupt. Mehrere zivile Fahrzeuge der Berliner Polizei fahren in die Friedrich-Karl-Straße. Vermummte und schwer bewaffnete Beamte eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) springen aus den Wagen, greifen zu Ramme und Waffen und laufen auf ein Mehrfamilienhaus zu. Im Visier der Razzia: ein Berliner Kokstaxi-Ring. Nach WELT-Informationen richtet sich das Verfahren gegen einen 33-Jährigen aus einer bekannten arabischen Großfamilie mit Beziehungen zum berühmt-berüchtigten Graefe-Kiez in Berlin-Kreuzberg (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/plus6a82c3a89c4b683899047854/schuesse-in-kreuzberg-mitglieder-der-grossfamilien-gehen-nur-noch-bewaffnet-vor-die-tuer-wie-ein-berliner-kiez-kippte.html) . Die Ermittler werfen ihm nicht vor, selbst Betäubungsmittel verkauft zu haben. Vielmehr soll er nach Auswertungen von Mobilfunkdaten und weiteren Ermittlungen Fahrzeuge bereitgestellt oder vermittelt haben, die für den Transport von Drogen und beteiligten Personen genutzt wurden. Punkt sechs Uhr verschaffen sich die Polizisten mit einer Ramme Zugang zu einer Wohnung in dem Altbau. Im Treppenhaus hallt es: „Polizei, Polizei, Polizei!“. Der Beschuldigte ist nicht da. Nach den schwer bewaffneten Polizeieinheiten übernehmen Ermittler des Landeskriminalamtes. Mehrere Dutzend Beamte durchsuchen die Wohnung sowie weitere Bereiche des Gebäudes und sichern Beweismittel. Die Berliner Staatsanwaltschaft sagte WELT auf Anfrage, Hintergrund des Einsatzes seien Ermittlungen „wegen des Verdachts des unerlaubten Handeltreibens mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge“. Im Fokus der Ermittler stehen dabei sogenannte „Kokstaxis“. Die Fahrer liefern Kokain ähnlich wie ein Lieferdienst direkt zu ihren Kunden. Bestellt wird häufig über Messenger-Dienste, soziale Netzwerke oder eigens eingerichtete Bestellnummern. Die Übergabe erfolgt oft binnen weniger Minuten auf Parkplätzen, vor Wohnhäusern oder an U-Bahn-Stationen. Die Berliner Polizei beobachtet seit Jahren eine zunehmende Professionalisierung dieser Banden. Bereits in der Vergangenheit gingen Ermittler mit Großrazzien gegen Netzwerke vor, die Kokstaxi-Fahrer mit Drogen beliefert haben sollen. Nach Angaben der Gewerkschaft der Polizei werden dabei immer wieder auch Mietwagen und Carsharing-Fahrzeuge genutzt, um Transporte und Lieferungen durchzuführen. Mit der wachsenden Verbreitung der Kokstaxis nimmt nach Erkenntnissen der Ermittler auch die Gewalt im Drogenmilieu zu. Rivalisierende Gruppen kämpfen um Verkaufsgebiete, Kunden und Lieferketten. Erst kürzlich hatte WELT AM SONNTAG exklusiv über Erkenntnisse von Ermittlern berichtet (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/plus6aace6d37a2a14cb01bece7e/organisierte-kriminalitaet-warum-die-gen-z-mafia-ein-sicherheitsproblem-fuer-deutschland-ist.html) , wonach eine Mafia-Gruppierung gezielt Kokstaxis und Bunkerwohnungen einer verfeindeten Bande überfällt. Das Bundeskriminalamt warnt in seinem aktuellen Lagebild Organisierte Kriminalität (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/plus6aa8156977bd109fcdd01137/vertrauliches-bka-lagebild-die-neue-organisierte-kriminalitaet-ueberzieht-deutschland-ungehemmt.html) vor einer steigenden Gewaltbereitschaft innerhalb krimineller Netzwerke. Immer häufiger würden Schusswaffen, Einschüchterungen und gezielte Überfälle eingesetzt, um Machtansprüche durchzusetzen oder Konkurrenten auszuschalten. Die Zahl solcher Fälle ist zuletzt deutlich gestiegen. Im Jahr 2024 registrierte die Berliner Polizei 960 Fälle von unerlaubtem Handel mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge. Das waren 214 Fälle, also 28,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Beim Handel mit Kokain oder Crack in nicht geringer Menge stieg die Zahl um knapp 20 Prozent auf 237 Fälle. Die heutigen Durchsuchungen gehen nach WELT-Informationen auf die Auswertung verschlüsselter Kommunikationsdaten zurück. Diese sollen die Ermittler auf die Spur des Beschuldigten gebracht haben. Wir sind das WELT-Investigativteam: Sie haben Hinweise für uns? Dann melden Sie sich gerne, auch vertraulich – per E-Mail (verlinkt auf mailto:investigativ@welt.de) oder über den verschlüsselten Messenger Threema (8SNK792J).