Die Schrift, die vor etwa 5200 Jahren in Ägypten entwickelt wurde, wird oft mit Notwendigkeiten für kultische Handlungen erklärt. Nicht umsonst wurden ihre Zeichen von den Bewohnern des Nillandes als „göttliche Worte“ bezeichnet, woraus die Griechen „hieroglyphikà grámmata“ (heilige Einkerbungen) machten. Mit dieser religiösen Motivation unterscheiden sich die Hieroglyphen von den (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article241278887/Hieroglyphen-Champollions-Durchbruch-in-der-Entzifferung-der-aegyptischen-Texte.html) Schriftzeichen, die etwa zur selben Zeit in Mesopotamien erfunden wurden. Wie ihre Entwicklungsgeschichte zeigt, wurde die Keilschrift von den Sumerern primär für Handel und Verwaltung entwickelt. Dass auch die Ägypter ein durchaus pragmatisches Verhältnis zu ihrer „Heiligen Schrift“ pflegten, belegt eine ungewöhnliche Inschrift, die dem Archäologen Mustafa Nour El-Din vom Inspektorat Assuan des Ägyptischen Antikenministeriums auf dem Sinai gelang: Vor einem schreitenden Mann in Siegerpose kniet ein Unterworfener mit nach hinten gebundenen Armen und einem Pfeil in der Brust. Hinter ihm ist das ägyptische Boot als Zeichen von Präsenz und Dominanz des Nillandes zu sehen. Die Inschrift über der Szene lautet: „(Gott) Min, Herrscher des Kupfers“. Datiert wird der Fund auf etwa 3000 v. Chr., also in die Zeit vor der Vereinigung von Unter- und Oberägypten, in der die Herrscher der 1. und 2. Dynastien die Grundlagen der ägyptischen Staatlichkeit legten. Für den Ägyptologen Ludwig Morenz (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_David_Morenz) von der Universität Bonn ist der Fund im Wadi Khamila eine Sensation: „5000 Jahre alte Zeugnisse der Ägypter waren dort bislang unbekannt.“ Denn das „Wadi Khamila wurde bislang in der Forschung lediglich im Zusammenhang mit rund 3000 Jahre jüngeren Inschriften der Nabatäer erwähnt“ ( deren Hauptstadt Petra in Jordanien (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article156128703/Archaeologie-Satellitenfotos-zeigen-mysterioese-Bauwerke-in-Petra.html) war). Zusammen mit Nour El-Din hat Morenz in der religionsgeschichtlichen Fachzeitschrift „ Blätter Abrahams (verlinkt auf https://www.freunde-abrahams.de/media/blaetter-abrahams/heft-25-2025/07.BAb.Nour-El-Din_Morenz.pdf) “ eine verblüffende Deutung vorgelegt. Danach steht die Inschrift aus dem Wadi Khamila für „eine ökonomisch motivierte Kolonisierung“ der südlichen Sinai-Halbinsel. Wahrscheinlich wurden die Ägypter von den Bodenschätzen der Region angezogen wie Kupfer und der Edelstein Türkis. Dabei ging der Pharao offenbar nicht zimperlich vor: „Bei dem nun entdeckten Motiv handelt es sich um eine der ältesten bekannten Erschlagungsszenen mit Bildbeischrift“, wird Morenz in einer Mitteilung der Universität (verlinkt auf https://www.uni-bonn.de/de/neues/019-2026) zitiert. Die kniende Figur repräsentiere die lokale Bevölkerung, die den Ägyptern soziokulturell deutlich unterlegen gewesen sei. „Wir wissen, dass diese im späten 4. Jahrtausend für Wirtschaftsexpeditionen in den Südwest-Sinai zogen.“ Ikonografie, Stil und Epigrafik des Fundes, so Morenz, passten in diese Zeit. Ohne religiöse Bezüge ist die Inschrift allerdings nicht. Der Gott Min war „im 4. und frühen 3. Jahrtausend die religiöse Autorität der ägyptischen Expeditionen“, sagt Morenz: „Die Bilder und Inschriften sind in der Regel sehr kurz, aber die religiöse Rechtfertigung für die Kolonisierung spielte eine wichtige Rolle.“ Die Expeditionen erfolgten demnach unter dem Patronat des Min. Der war im altägyptischen Pantheon für Fruchtbarkeit zuständig, die auch ökonomisch verstanden wurde. Denn zu Mins Aufgaben gehörte auch der Schutz der Karawanen. Erstaunlich ist, dass die Expeditionen auf den Sinai bereits vor der Vereinigung Ägyptens einsetzten, die ab 2700 v. Chr. von der 3. Dynastie vollzogen wurde. Damit wird bereits vor der Etablierung des Alten Reiches (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article136060501/Altes-Aegypten-Okkulte-Pharaonin-des-Alten-Reiches-entdeckt.html) ein Netzwerk aus Handelsstraßen greifbar, das über Arabien bis nach Syrien und Mesopotamien reichte und auf dem nicht nur Waren, sondern auch Ideen und Erfindungen wie die Schrift ausgetauscht wurden. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.