Welt 07.12.2025
07:23 Uhr

„Ödeldödel, kannst Du uns hören?“ – die spektakuläre Flucht der Bethke-Brüder


Zu den eindrucksvollsten Exponaten in der neuen Dauerausstellung im Bonner Haus der Geschichte der Bundesrepublik zählt ein Ultraleichtflieger. 1989 holten damit zwei Brüder den dritten aus Ost-Berlin in die Freiheit.

„Ödeldödel, kannst Du uns hören?“ – die spektakuläre Flucht der Bethke-Brüder

Als Wegweiser in die Freiheit war die Berliner Mauer nie konzipiert, sondern als das genaue Gegenteil: als Sperre, um DDR-Bürger an der Flucht aus dem „real existierenden Sozialismus“ in ein selbstbestimmtes Leben im freien Westen zu hindern. Doch am frühen Morgen des 26. Mai 1989 nutzen die drei Brüder Ingo, Holger und Egbert Bethke den hellbeleuchteten Todesstreifen, um die Route aus dem düster-grauen Ost-Berlin zu ihrem sicheren Landeplatz für ihre beiden Ultraleichtflieger vom Typ „Ultralite Soaring Wizard“ zu finden. Es ist der dritte und letzte Akt einer einzigartigen familiären Fluchtgeschichte, die ab sofort in der komplett neu konzipierten Dauerausstellung im Bonner Haus der Geschichte der Bundesrepublik (verlinkt auf https://www.hdg.de/) zu sehen ist – mit einem der beiden Leichtflugzeuge als Hauptexponat. Die Bethkes sind keine normale Familie, schon gar nicht nach DDR-Maßstäben. Vater Claus, geboren 1931 und von Beruf Offizier der „Volkspolizei“, berichtete 1959 bis 1961 und erneut seit 1971, nun als IM „Hammer“, konspirativ an das Ministerium für Staatssicherheit (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article132502154/Spitzelstaat-DDR-Die-Stasi-hatte-viel-mehr-Informanten-als-bekannt.html) . Beruflich war er Geheimnisträger im Stab des Ministeriums des Inneren, bis er wegen „Verletzung der Kaderprinzipien“ ausscheiden muss. Mutter Marianne, Leiterin der Geschäftsstelle Finanzen im Innenministerium, weiß von der Spitzeltätigkeit ihres Mannes angeblich nichts. Die Eltern gelten als mustergültige Untertanen der SED-Diktatur (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article128563476/SED-Diktatur-DDR-Reichsbahn-beutete-Zwangsarbeiter-aus.html) . Ganz anders die drei Söhne Ingo (geboren 1954), Egbert (1956) und Holger (1959). Nicht nur laut der Akte der Stasi, die unter anderem auf Berichten des Vaters beruht, sind sie aufsässig, unangepasst und eigensinnig – allesamt in der DDR unwillkommene Eigenschaften. Der älteste flüchtet im Mai 1975 über die Elbe in die Bundesrepublik; daraufhin sagen sich die Eltern, so steht es in der Stasi-Akten, von ihrem Sohn „los“. Der Jüngste springt Ende März 1983 frühmorgens vom Dach eines Hauses in Berlin-Treptow – und gleitet an einem sechs Millimeter dünnen, zum Dach des gegenüberliegenden Hauses gespannten Stahlseil hinüber in den West-Bezirk Neukölln, wo ihn sein Bruder Ingo erwartet. In knapp 20 Metern Höhe überwindet er den hier 25 Meter breiten, erleuchteten Todesstreifen, von der Bouchéstraße Nr. 33 zur Nr. 68a und doch in eine andere Welt. Wieder müssen sich die Eltern gegenüber der Stasi erklären, werden degradiert – trotzdem liefert der Vater weiter teilweise sogar handschriftliche Berichte zu seinen Söhnen. Auch der mittlere, Egbert, denkt offenbar ähnlich. Jedenfalls findet ein hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter bei einem Besuch im Mai 1984 an dessen Wohnungstür das Symbol der „Ausreiser-Bewegung“, ein eingekreistes „A“. Trotzdem versucht der MfS-Mann, ein Hauptmann namens Genzel, den dritten Bethke-Bruder als Spitzel anzuwerben. Zweieinhalb Jahre später kommt derselbe Stasi-Offizier zum Ergebnis, von Egbert gingen „keine Gefahren für die staatliche Sicherheit der DDR, insbesondere für die Sicherheit der Staatsgrenze“ aus. Was für ein Irrtum! Zwei Jahre Vorbereitung Denn 1987 stoßen Ingo und Holger, die inzwischen in Köln leben und dort eine Kneipe betreiben, im „Playboy“ auf die Abbildung eines Minihubschraubers. Sofort nehmen sich die beiden vor, den dritten Bruder mit so einem Flieger über die Mauer holen. Der Plan ist schlicht: im Westen starten, im Osten landen, Egbert einsteigen lassen und wieder abheben, zurück in die Freiheit. Jedoch erweist es sich als unmöglich, zwei der Mikrohelikopter zu beschaffen – noch funktioniert der Entwurf gar nicht. Was es aber zu kaufen gibt, sind Ultraleichtflieger. Die dürfen zwar in West-Berlin nicht benutzt werden, sind streng verboten. Aber solche Regeln schrecken Ingo und Holger Bethke nicht. Sie verkaufen ihre Kneipe und investieren das Geld in zwei Maschinen; jede kostet fast 24.000 Mark. Die Zweisitzer sind sechs Meter lang und haben eine Spannweite von zehn Metern. Der Ältere nimmt (teure) Flugstunden, dann üben beide im von Köln aus schnell erreichbaren Belgien ohne Genehmigung weiter. Für 3000 Mark wechseln sie den Motor des einen Fliegers gegen ein Modell aus, dessen höhere Leistung die Startbahn um 30 Meter verkürzt. Außerdem unterrichten sie über Kuriere ihren Bruder. Doch Egbert verplappert sich; jedenfalls informiert die Stasi-Abteilung VII/1 am 27. April 1988 die Kreisdienststelle Treptow mit der „Operativinformation 56/88“, dass der letzte der drei Brüder einige Wochen zuvor „die Absicht äußerte, innerhalb einer kurzen Frist einen Antrag auf Übersiedlung“ in den Westen zu stellen. „Weiter brachte B. zum Ausdruck, dass er bei Nichtgenehmigung seines Antrages andere Möglichkeiten wahrnehmen wird, um die DDR auf ungesetzlichem Wege zu verlassen.“ Details verrät die einschlägige Stasiakte nicht, denn wegen Datenschutzes ist aus diesem Band nur genau diese eine Seite freigegeben. Ein Jahr später sind die Vorbereitungen abgeschlossen. Als „Sportgeräte“ werden die beiden Maschinen demontiert in einem verplombten Laster im Frühjahr 1989 über die Transitautobahn nach West-Berlin gebracht. Nur hier ist die Flucht durch die Luft möglich, denn in der geteilten Stadt liegen an einigen wenigen Stellen nur wenige hundert Meter zwischen dem Todesstreifen und einer für die Landung geeigneten Wiese in Ost-Berlin, die Egbert unkontrolliert erreichen kann. An der innerdeutschen Grenze dagegen gibt es auf DDR-Seite fast überall fünf Kilometer Sperrgebiet. Für einen Ultraleichtflieger mit einer Reisegeschwindigkeit von 70 Kilometern pro Stunde wären das für den Hin- und Rückflug zuzüglich Landung und Start mindestens 15 Minuten über DDR-Territorium, in denen die Grenzer einen Hubschrauber alarmieren oder sich auf die unbekannten Flugobjekte einschießen könnten. Am Rande der Berliner Innenstadt scheint diese Gefahr deutlich kleiner zu sein, denn wegen des Viermächtestatus‘ haben die DDR-Grenztruppen hier an der Mauer auch nie Selbstschussanlagen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article153832523/DDR-Grenze-So-moerderisch-waren-die-Selbstschussanlagen.html) installiert oder Minenfelder verlegt. Um die DDR-Grenzer zu verwirren, malen die beiden Brüder Sowjetsterne auf die tarnfarbenen Flieger; außerdem ziehen sie militärisch aussehende Kleidung an und setzen Helme auf, in denen Mikrofone für den Funkverkehr installiert sind. Nun braucht es nur noch geeignetes Wetter und etwas Glück. Doch der erste Anlauf geht schief: Am 11. Mai 1989 ertappt West-Berliner Polizei die Bethkes am vorgesehenen Startplatz in der Hasenheide in Neukölln beim Zusammenbau der Flugzeuge. Sie brauchen einen anderen Startplatz, der nicht einfach von zufälligen Passanten betreten werden kann. Den Landeplatz in Ost-Berlin haben sie bereits ausgesucht: die Wiese nordwestlich des Sowjetischen Ehrenmals in Treptow, einer stalinistischen Hässlichkeit, die allerdings mit ihrer etwa 30 Meter in die Höhe ragenden Soldatenfigur einen guten Fixpunkt für die Navigation bietet. Ingo und Holger finden den Sportplatz Britzer Mühle, sechs Kilometer vom Treptower Park entfernt, der eingezäunt ist. In der Nacht vom 25. auf den 26. Mai sind die Wetterbedingungen ideal. An diesem Freitagmorgen geht die Sonne über Berlin um 4.56 Uhr auf. Eine knappe halbe Stunde vorher ist es bereits so hell, dass die Landung in Treptow gelingen kann – und noch dunkel genug, damit sich die Maschinen in ihrer Flughöhe von rund hundert Metern nicht zu deutlich vor dem Himmel abzeichnen. Der zweite Anlauf kann beginnen. Um die Aktion zu dokumentieren, ist an Holgers Flieger eine Videokamera installiert. 15 Minuten Ernstfall Um 4.22 Uhr heben die beiden ab, Ingo zuerst und wenige Sekunden später folgt Holger. Bald beginnt der ältere Bruder zu funken: „Ödeldödel, kannst Du uns hören?“ Nach etwa drei Minuten antwortet Egbert: „Ingo, kannst Du mich verstehen? Ingo?“ Noch sind die Flieger über West-Berlin. Nun beginnt der Ernstfall: „Alles klar, wir sind unterwegs.“ Es ist kurz vor 4.26 Uhr. Anderthalb Minuten später, laut der Zeiteinblendung der Videokamera um 4.28.15 Uhr, setzt Ingo zur Landung auf der Wiese an – und entdeckt einen Zirkus, der im Treptower Park gastiert. Das Zelt und die Wagen stehen dort, wo er eigentlich landen will; es gelingt trotzdem. Eine gute Minute befindet sich der Ultraleichtflieger auf Ost-Berliner Boden, dann hebt er nun mit Ingo und Egbert Bethke in den Schalensitzen wieder ab. Es ist 4.29.50 Uhr. Am Boden ist die Aktion noch niemandem aufgefallen. Das ändert sich jetzt, kurz vor 4.31 Uhr: Gleich fünf Grenzposten von der 3. Kompanie des Grenzregiments 33 hören Motorengeräusche in der Luft. Der Grenzabschnitt trägt den Decknamen „Sorgenfrei“. Die fünf Männer, zwei Gefreite und drei einfache Soldaten, also Wehrdienstleistende, melden den Vorfall mit minimal abweichenden Zeiten – und alle haben den Eindruck, die unbekannten Flugobjekte würden nach Ost-Berlin fliegen. Tatsächlich jedoch verfolgen die drei Bethkes einen anderen Plan: Sie wollen den hell erleuchteten Todesstreifen als Wegweiser zum Reichstag nutzen, der direkt an der Mauer auf West-Berliner Gebiet liegt. Davor befindet sich der Platz der Republik, eine große Wiese, auf der eine sichere Landung möglich ist. Außerdem gibt ihnen dieser Kurs die Möglichkeit, jederzeit in den West-Berliner Luftraum auszuweichen, falls Grenzer auf sie feuern sollten. Doch bei der Geschwindigkeit von etwa 70 Kilometern, einer Flughöhe von rund hundert Metern und in der noch vorherrschenden Dämmerung sind sie kaum auszumachende Ziele; mit Kalaschnikow-Sturmgewehren auf hunderte Meter Entfernung bewegliche Objekte zu treffen, erfordert bessere Schießkünste, als die fünf jungen Grenzer sie haben. Um 4.34.41 Uhr (laut Zeiteinblendung im Video) überfliegen die Brüder das Hochhaus des Axel Springer Verlages, wenige Sekunden später den Martin-Gropius-Bau. Dann schwenken sie nach Norden, passieren das Brandenburger Tor, machen über dem Spreebogen eine Kehre und setzen um 4.37 Uhr nacheinander sicher vor dem Reichstagsgebäude auf. Die spektakuläre Flucht ist gelungen: Die Drei fallen einander in die Arme. Dann montieren sie schnell ihre Videokamera ab und gehen in eine Kneipe; die Flieger bleiben stehen. Mehr als 35 Jahre später wird eines der beiden Ultraleichtflugzeuge zum Exponat im Haus der Geschichte in Bonn: Zum ersten Mal seit der Eröffnung 1994 bekommt dieses Museum eine komplett neu konzipierte Dauerausstellung. Ab dem 9. Dezember 2025 können Besucher zentrale Entwicklungen seit 1945 neu entdecken – aus alltagsnaher, persönlicher und interaktiver Perspektive. In vier Kapiteln behandelt die vom Team um Präsident Harald Biermann konzipierte Schau die unmittelbare Nachkriegszeit, die 40 Jahre der deutschen Teilung, die Wiedervereinigung sowie das vereinte Deutschland seit 1990. Rund 3850 Exponate machen komplexe historische Prozesse greifbar – unabhängig vom Vorwissen. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Hauptthemen zählen neben dem NS-Regime und der Bundesrepublik auch die DDR. Besonders mit Flucht, Fluchthilfe sowie der Stasi hat er sich intensiv befasst.