Welt 25.11.2025
03:12 Uhr

Nur noch drei Prozent Rabatt – „Der Black Friday hat ein Glaubwürdigkeitsproblem“


Jeder fünfte Deutsche hält sich für einen Schnäppchen-Jäger. Der Bedarf spielt dabei keine wirklich große Rolle. In den aufregenden Tagen des Black Friday lauern Gefahren und Enttäuschungen. Darüber sprach Louis Klamroth bei „Hart aber fair“.

Nur noch drei Prozent Rabatt – „Der Black Friday hat ein Glaubwürdigkeitsproblem“

Black Friday wird in den USA der Freitag nach Thanksgiving genannt. Der Feiertag fällt stets auf den vierten Donnerstag im November, der Black Friday leitet dann offiziell das Weihnachtsgeschäft ein. Auf den Black Friday folgt die sogenannte Cyber Week. Viele Händler, auch in Deutschland, bieten dann auf den ersten Blick große Rabatte an. Es ist die Zeit der Schnäppchenjäger. Und gerade in Deutschland ist Geiz bekanntlich geil. Louis Klamroth macht das zum Thema seiner Sendung „Hart aber fair“: „Rabattschlacht und Bestellwahn: Was ist der wahre Preis der Schnäppchen?“ Und versucht, mit seinen Gästen dabei in die Tiefe zu gehen, weit über den Black Friday hinaus. Zur Runde gehört Gerrit Heinemann. Er ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und erklärt: „Der letzte Freitag und Samstag im November sind die beiden umsatzstärksten Tage des Jahres. Jeder Händler profitiert davon und macht deswegen beim Black Friday mit.“ Allerdings, schränkt Heinemann auch gleich ein: „Der Black Friday hat ein Glaubwürdigkeitsproblem.“ Weil nicht jede rote Zahl tatsächlich ein großer Rabatt sein muss. Tatjana Halm von der Verbraucherzentrale Bayern gibt ein paar Ratschläge, wie man sicher sein kann, auch wirklich gespart zu haben: Vorab genau überlegen – was brauche ich? Was möchte ich kaufen? Die Preise dafür, wenn möglich, über einen längeren Zeitraum verfolgen, um nicht dem Rotstift blind vertrauen zu müssen. Sie weiß: „Oft wird von einer unverbindlichen Preisempfehlung rabattiert, die normalerweise eh nie vom Händler verlangt wird.“ Die meisten Konsumenten in Deutschland haben dieses Prinzip durchschaut. Sie checken im Vorfeld eines Black Friday die Preise – und werden häufig enttäuscht. Professor Heinemann weiß: „Nur noch 13 Prozent glauben an wirkliche Preisreduzierungen. Die durchschnittlichen Preisreduzierungen sind in den vergangenen drei Jahren tatsächlich von zehn über fünf auf zuletzt nur noch drei Prozent gesunken.“ Erstaunlicherweise wollen dennoch laut einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom Verbraucher in Deutschland in diesem Jahr rund um den Black Friday mehr Geld ausgeben. 61 Prozent der Befragten haben dabei eine klare Vorstellung davon, wie viel sie ausgeben möchten. Mit durchschnittlich 312 Euro sind es etwa elf Prozent mehr als noch 2024. Wer es dabei ruhig haben möchte, der geht einfach bummeln. Die meisten nehmen die Schnäppchen-Jagd nämlich online auf (69 Prozent), 26 Prozent suchen im stationären Handel ihr Glück, und nur vier Prozent wollen in Läden in ihrer Gegend Rabattkönige werden. Und genau das macht es offensichtlich so gefährlich. Denn der Internethandel, sagt Tatjana Halm, die Expertin der Verbraucherzentrale, sei darauf ausgerichtet, das rationale Denken beim Einkaufen auszuschalten. „Impulskäufe werden angesprochen. Wir werden emotional angepackt. Und der Mensch ist nun mal Mensch“, sagt sie. Influencer werden eingesetzt, bei vielen Käufen wird ein zeitlicher Druck ausgeübt. Man spricht von Dark Pattern. Dahinter verbirgt sich ein Design, das darauf ausgelegt ist, den Benutzer zu Handlungen zu verleiten, die dessen Interessen entgegenlaufen. In der Runde sitzt Gero Furchheim, er ist Präsident des Bundesverbandes E-Commerce und Versandhandel, und legt erwartungsgemäß Einspruch ein: „Gerade Online sollte der Verbraucher der Gewinner sein“, sagt er. „Man hat für den Einkauf alle Zeit der Welt und durch bestimmte Portale die besten Vergleichsmöglichkeiten.“ Dazu muss man wissen: Furchheimer arbeitet für den Otto-Versand, nach Amazon und Ebay den drittgrößten Online-Händler Deutschlands. Klamroth fordert die Runde heraus. Er fragt: „Wie viele Kilo Klamotten kaufen EU-Bürger im Schnitt?“ Es sind 12 Kilogramm, aufgeteilt in vier Kilo Schuhe und acht Kilo Kleidung. Laut Greenpeace überschreitet ein Drittel eine hohe Belastung durch Chemikalien. Gerade in diesen Schnäppchen-Tagen sei es besonders wichtig, giftigen Schrott aus Asien von qualitativ hochwertiger Ware zu unterscheiden, donnert es aus der Runde. 400.000 Pakete von Temu und Shein kommen täglich aus China nach Deutschland (Stand 2024). Wer auf in den sozialen Netzwerken unterwegs ist, kommt an Werbung von Temu und Shein gar nicht vorbei. Glücksrad und Rabattaktionen sorgen für enorm günstige Preise. Sie sind auch deshalb möglich, weil die Onlineplattformen direkt zu den chinesischen Herstellern verlinken. Die Ware kommt von dort wiederum direkt zum Kunden – in Deutschland ist weder ein Zwischenhändler noch ein Lager nötig. „Nachhaltigkeit und Umweltschutz sind wichtige Themen“ Die EU will Billigpäckchen aus dem Ausland (unter 150 Euro Warenwert) deshalb nun zusätzlich verzollen und Qualitätsproben nehmen, um gefährliche (also auch gifte) Produkte aus dem Verkehr ziehen zu können. Denn eines ist natürlich paradox: „Wenn man den Kunden fragt, dann sind Nachhaltigkeit und Umweltschutz wichtige Themen“, sagt Gerrit Heinemann. „Und wenn man genauer hinschaut, wird bei Temu oder Shein gekauft.“ Was auch daran liegt, dass die Chinesen on demand (auf Anfrage) produzieren. Bis zu 10.000 Produkte werden am Tag gezeigt, die noch gar nicht produziert sind. Hat der Kunde daran aber Interesse, wird das entsprechende Produkt blitzschnell hergestellt. „Ein völlig neues, revolutionäres Geschäftsmodell“, schwärmt Heinemann. „Bei uns bestellt ein Modehändler 60 Wochen im Voraus seine Ware für eine Saison, die er noch gar nicht kennt. Er wettet auf einen Trend, den es noch nicht gibt.“ Das bringt Online-Händler Gero Furchheim auf die Palme: „Was da passiert mit diesen massenhaft illegalen, nicht verkehrssicheren Produkten, das ist ein Schlag ins Gesicht der Händler, die sich an Regeln halten und die Verantwortung für ihre Lieferkette übernehmen. Wir haben ein Umsetzungsdefizit bestehender Regeln.“ Reparieren lässt sich das durch mehr Transparenz, findet Tatjana Halm. „Der Verbraucher muss top informiert sein.“ Die meisten Verbraucher schätzen ihr eigenes Kaufverhalten übrigens als kontrolliert ein: 45 Prozent wollen sich am Black Friday Dinge gönnen, die sie sich schon länger wünschen. Rabatte kommen als Impuls da gerade recht. Ebenso viele wollen gezielt Dinge des täglichen Bedarfs kaufen oder größere Anschaffungen und dafür die günstigeren Preise nutzen. Nur 22 Prozent bezeichnen sich als klassische Schnäppchenjäger, bei denen der tatsächliche Bedarf in den Hintergrund rückt. Eines darf man in diesen Tagen allen: Ihnen Glück und ein gutes Händchen beim Einkauf wünschen.