Welt 11.02.2026
15:47 Uhr

„Niemand ist abgewiesen worden“ – Sozialsenatorin verteidigt Hilfesystem


Mindestens 13 obdachlose Menschen starben im Januar in Hamburg. Die Stadt will die Todesursachen nach Obduktionen veröffentlichen. Parallel baut sie ihre Angebote aus – von neuen Tagesstätten bis zur erweiterten psychiatrischen Versorgung.

„Niemand ist abgewiesen worden“ – Sozialsenatorin verteidigt Hilfesystem

Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer (SPD) hat erstmals präzisiert, unter welchen Umständen die seit Jahresbeginn gemeldeten Todesfälle unter wohnungslosen Menschen eingetreten sind – und zeigte sich tief betroffen. „Das geht natürlich auch an mir nicht vorbei, und es bestürzt mich sehr“, sagte sie. Zugleich stellte sie klar: „Es entsteht teilweise der Eindruck, dass alle seit Jahresbeginn verstorbenen wohnungslosen Menschen auf der Straße gestorben seien. Das ist nicht richtig.“ Von den dreizehn Todesfällen seien fünf Menschen tatsächlich im öffentlichen Raum aufgefunden worden, die übrigen starben in Krankenhäusern oder in Einrichtungen des Hilfesystems Die Stadt will die Todesursachen künftig regelmäßig gemeinsam mit dem Institut für Rechtsmedizin veröffentlichen. Damit soll nachvollziehbar werden, woran die Menschen gestorben sind und welche Umstände zu den Fällen geführt haben. Hamburg lässt nach Angaben der Senatorin seit Jahren jeden Todesfall im öffentlichen Raum obduzieren, sofern das möglich ist, „weil wir wissen wollen, worin die Todesursachen liegen“. Unabhängig davon sollen künftig auch die unterschiedlichen Fallzahlen vereinheitlicht werden. Polizei, Staatsanwaltschaft und Sozialbehörde erfassen Todesfälle nach verschiedenen Kriterien und mit unterschiedlicher Geschwindigkeit, weshalb öffentlich immer wieder voneinander abweichende Zahlen kursieren. So war bisher sogar von bis zu 18 toten Obdachlosen seit Jahresbeginn die Rede. „Wir kennen 13 Fälle“, machte Schlotzhauer deutlich. Mit der abgestimmten Veröffentlichungspraxis sollen diese Unschärfen künftig vermieden werden. Während extremer Kälteperiode blieb Winternotprogramm ganztägig geöffnet Der sprunghafte Anstieg der Todesfälle zu Jahresbeginn hatte den Eindruck entstehen lassen, viele Menschen seien der Kälte zum Opfer gefallen. Schlotzhauer schilderte deshalb ausführlich, wie die Stadt in den Frosttagen reagiert hat. Während der extremen Kälteperiode Anfang Januar blieb das Winternotprogramm ganztägig geöffnet. Die Unterkünfte in der Châu‑und‑Lân‑Straße, in der Friesenstraße und an anderen Standorten gehören seit November zum regulären Winterangebot. Anders als im Normalbetrieb, in dem Obdachlose die Plätze am Vormittag verlassen müssen, durften sie in der Kältephase tagsüber bleiben. Streetwork-Teams waren stadtweit unterwegs, verteilten Decken und Schlafsäcke und versuchten, auch die Menschen in die Unterkünfte zu bringen, die das Angebot üblicherweise nicht nutzen. Auch das Netzwerk rund um die Bahnhofsmission reagierte schnell: „Es ist den Kolleginnen und Kollegen gelungen, spendenfinanzierte Taxis zu organisieren, sodass Menschen direkt ins Winternotprogramm gefahren werden konnten“, sagte die Senatorin. Die Verkehrsunternehmen verzichteten in dieser Zeit darauf, Obdachlose aus den Bahnhöfen von U- und S-Bahnen zu verweisen. Nach Angaben der Sozialbehörde war das Winternotprogramm trotz der Temperaturen nie vollständig ausgelastet. Das Programm ergänzt die ganzjährigen Notübernachtungsstätten Pik As (bis zu 330 Plätze) und FrauenZimmer (60 Plätze). Seit November stehen zusätzliche 400 Plätze in der Friesenstraße und 300 Plätze in der Châu-und-Lân-Straße Verfügung, betrieben durch das städtische Unternehmen Fördern & Wohnen (F&W). Bei Kirchengemeinden und Hochschulen stehen rund 100 weitere Plätze in Containern bereit. „Es gab in diesem Winter nicht einen Moment, wo diese Plätze voll belegt waren“, sagte Schlotzhauer. „Niemand ist abgewiesen worden – weder nachts im Winternotprogramm noch tagsüber in den Tagesaufenthaltsstätten“, ergänzte sie. Viele obdachlose Menschen nutzten das Angebot dennoch nicht dauerhaft, etwa wegen Suchterkrankungen, psychischer Belastungen oder negativer Erfahrungen. Die Angaben hierzu stammen aus der Hamburger Gesundheitsbefragung obdachloser Menschen, die 2024 im Rahmen der bundesweiten Wohnungslosenberichterstattung erhoben und Ende 2025 veröffentlicht wurde. In der Erhebung gaben 41 Prozent der Befragten psychische oder Suchterkrankungen an – ein Wert, der die hohe gesundheitliche und psychische Belastung in dieser Gruppe verdeutlicht. Diese Belastung erklärt auch, weshalb viele Betroffene Hilfsangebote nur unregelmäßig nutzen: Im Winternotprogramm herrscht ein striktes Alkohol- und Drogenkonsumverbot. Gleichzeitig zeigen die Zahlen, weshalb die Stadt Angebote vorhält, die außerhalb der eigentlichen Schlafplätze des Winternotprogramms ansetzen. Dazu gehört etwa die Wärmestube. Dabei handelt es sich um einen geschützten Aufenthaltsraum für obdachlose Menschen, der parallel zum Winternotprogramm betrieben wird. Anders als die Schlafplätze in der Friesenstraße oder der Châu‑und‑Lân‑Straße bietet sie keine regulären Übernachtungsmöglichkeiten, sondern einen warmen Ort, an dem Menschen sich aufhalten, aufwärmen und zur Ruhe kommen können; wenn genug Platz vorhanden ist, dürften dort auch Isomatten ausgelegt werden, hieß es am Dienstag aus der Sozialbehörde. Wärmestube als „freiwilliger Überlauf“ Die Wärmestube wird vor allem von Personen genutzt, die nicht dauerhaft im Winternotprogramm bleiben können, etwa weil sie sich nicht an die dortigen Regeln halten oder weil sie nicht als obdachlos gelten. Die Behörde beschreibt die Wärmestube als „freiwilligen Überlauf“ – damit in diesen Fällen trotzdem niemand in der Kälte stehen bleibt. „Jeder Mensch wird zunächst aufgenommen“, sagte ein Behördenvertreter über die Schlafstätten im Winternotprogramm. Um längerfristig einen Schlafplatz zu erhalten, muss aber klar sein, dass der Mensch sich wirklich nicht anders helfen kann. Das Programm soll etwa nicht als kostenlose Schlaf- und Versorgungsstätte für Wanderarbeiter missbraucht werden. Ein weiterer Faktor ist laut Schlotzhauer, dass die Stadt das Winternotprogramm aktiv nutzt, um Obdachlose von der Straße in eine dauerhafte Perspektive zu begleiten. Dafür müsse sich niemand im Winternotprogramm ausweisen, wenn er das nicht wolle. „Es braucht nicht einen Namen, aber es braucht eine Beratung“, so die Senatorin. Wer sich dem komplett verweigere, könne auch ein Fall für die Wärmestube werden. Allerdings nur, wenn Obdachlosig- und Hilfebedürftigkeit nicht evident sein. Für die kommenden Wochen kündigt die Behörde weitere Schritte an, um die Situation für Betroffene zu verbessern, beziehungsweise die Hilfsangebote noch näher an den Bedarfen der meisten Obdachlosen zu orientieren. Anfang März soll eine neue Tagesaufenthaltsstätte in der Stresemannstraße öffnen. Ende März wird der Umbau des Pik AS, Hamburgs ältestem Obdachlosenheim abgeschlossen sein. Auch die Straßensozialarbeit wird neu organisiert. Parallel baut die Stadt die psychiatrische Versorgung aus: Nach dem Start einer spezialisierten Frauen-Unterkunft in der Notkestraße soll ein vergleichbares Angebot für Männer folgen. Zudem nimmt im Frühjahr die forensische Institutsambulanz in der Repsoldstraße ihren Betrieb auf. Dort wird es vor allem um Fragen von Sucht und Psychosen gehen. Auch bei der Wohnraumvermittlung sieht die Behörde Fortschritte. 2024 wechselten mehr als 5500 Menschen aus öffentlich‑rechtlicher Unterbringung in reguläre Mietverhältnisse. Seit 2017 sind über tausend Wohnungen bei Fördern und Wohnen entstanden.