Welt 19.11.2025
08:14 Uhr

„Nicht vor dem 18. November öffnen“ – Die letzten Abschiedsbriefe der Kessler-Zwillinge


Die Kessler-Zwillinge nutzten die Dienste der Gesellschaft für Humanes Sterben, wie diese nun bestätigte. Derweil werden die letzten Verfügungen der 89-Jährigen publik. Und ein Mitglied des Ethikrats warnt davor, „assistierte Suizide“ zu einer„Handlungsoption“ aufzuwerten.

„Nicht vor dem 18. November öffnen“ – Die letzten Abschiedsbriefe der Kessler-Zwillinge

Sie hatten ihre letzten Tage genau geplant: Die als Kessler-Zwillinge international bekannten Sängerinnen und Tänzerinnen Ellen und Alice Kessler starben am 17. November, dabei nutzten sie die Hilfe einer Sterbehilfeorganisation. Mit ihrer Entscheidung ging das Schwesternpaar, das 89 Jahre alt wurde, offenbar transparent um. Wie die Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben in Berlin (DGHS) gegenüber der „Berliner Zeitung“ erklärte (verlinkt auf https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/debatte/kessler-zwillinge-alice-und-ellen-baten-in-berlin-um-hilfe-fuer-den-assistierten-suizid-li.10006272) , hätten die beiden Schwestern es der DGHS ausdrücklich erlaubt, über den assistierten Suizid der beiden Künstlerinnen auch öffentlich zu sprechen. Demnach hätten die beiden Wahl-Münchnerinnen ihren Entschluss schon Ende des vergangenen Jahres getroffen. Damals seien beide Mitglieder der DGHS geworden, eine der Voraussetzungen für eine Sterbebegleitung. „Alice und Ellen Kessler haben uns explizit die Erlaubnis gegeben, dass wir darüber sprechen dürfen, sonst würden wir das nicht tun. Normalerweise äußern wir uns nicht zur Identität der Menschen, die bei uns Hilfe suchen“, so Sprecherin Wega Wetzel weiter. Wie sie weiter ausführte, hätten die Schwestern ihr Todesdatum selbst gewählt, dabei seien sie – wie es in diesen Fällen vorgeschrieben ist – von einem Arzt und einem Juristen begleitet worden. Eine letzte Briefsendung von den Kesslers für Carolin Reiber Mehrere Medien, darunter die „Bild“ (verlinkt auf https://www.bild.de/unterhaltung/stars-und-leute/kessler-zwillinge-vor-ihrem-tod-verschickten-sie-noch-ein-paket-691c3dac44ecdb8c5971999c) - und die Münchener „Abendzeitung“ (AZ), sprachen derweil mit Freunden und Bekannten der beiden erfolgreichen Tänzerinnen und Sängerinnen. Einige von ihnen bekamen offenbar noch eine Art letzten Abschiedsgruß zugesandt. Unter ihnen: die ehemalige TV-Moderatorin Carolin Reiber. Sie habe, so Reiber zur „Bild“, bereits am 15. November ein Päckchen von den Schwestern erhalten, mit dem Vermerk: „Nicht vor dem 18. November öffnen“. Das Geschwisterpaar war am 17. November aus dem Leben geschieden. Der Inhalt der Sendung enthielt demnach Schmuckstücke. „Sie haben mir wunderschöne Schmuckstücke geschickt, die ich immer an ihnen bewundert hatte, teils mit Jadesteinen“, sagte Reiber, die kürzlich ihren 85. Geburtstag feierte, der „AZ“. „Die haben sie mir wohl vererbt.“ Die „Abendzeitung“ berichtete zudem (verlinkt auf https://www.abendzeitung-muenchen.de/promis/moderatorin-carolin-reiber-erhaelt-paket-der-kessler-zwillinge-89-erst-am-18-november-oeffnen-art-1093690) , dass auch sie Post von den Kesslers bekommen habe: eine Kündigung des Zeitungsabonnements. Auf dem mit Computer geschriebenen Brief, der laut AZ am 17. November im Verlag einging, war offenbar zunächst der 30. November als Kündigungstermin genannt. Das Datum sei dann nachträglich von Alice Kessler handschriftlich auf den 17.11. korrigiert worden. Ethiker warnt vor „Normalisierung“ von assistiertem Suizid Der Theologe und Ethiker Jochen Sautermeister warnt derweil davor, die Berichterstattung über frei gewählte Suizide wie den der Kessler-Zwillinge zu normalisieren. Es sei bedenklich, weil so der assistierte Suizid als eine Handlungsoption neben anderen dargestellt werde, sagte Sautermeister, der auch Mitglied im Deutschen Ethikrat ist, der Katholischen Nachrichten-Agentur in Bonn. „Die meisten Suizidwünsche werden im Kontext depressiver und anderer psychischer Erkrankungen und in Krisensituationen geäußert“, sagte Sautermeister. Ohne sich direkt zum Tod der Kessler-Schwestern äußern zu wollen, betonte er, dass auch bei schwerst- und sterbenskranken Menschen nur in den wenigsten Fällen tatsächlich ein stabiler, selbstbestimmter Suizidwunsch vorliege. Sautermeister warnte zudem grundsätzlich davor, „dass der assistierte Suizid angesichts der massiven Herausforderungen im Gesundheits- und Pflegesystem an Bedeutung gewinnt“. Vielmehr müssten betroffene Gruppen vor jeglichem sozialen Druck geschützt werden, vorzeitig aus dem Leben scheiden zu wollen. Haben Sie suizidale Gedanken oder sorgen sich um einen Angehörigen oder Bekannten? Hilfe bietet die Telefonseelsorge mit anonymer Beratung unter 0800/1110111 (evangelisch) und 0800/1110222 (katholisch). Wissen, Selbsttests und Adressen finden Sie hier oder hier. Auch eine Beratung über das Internet ist möglich unter http://www.telefonseelsorge.de. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.