Welt 04.12.2025
17:17 Uhr

Nicht mehr lange, dann kommt „Prange“


Die Barmbeker Backsteinbaukomödie „Prange – man ist ja Nachbar“ ist eine komische und einfühlsame Milieustudie. Sie erzählt, wie Ralf Prange in seinem Alter doch noch der Frau seines restlichen Lebens begegnet oder zumindest seiner großen Liebe, als eines Tages die Paketbotin vor der Tür steht.

Nicht mehr lange, dann kommt „Prange“

Ralf Prange, 55, lebt schon immer in einem Rotklinkerbau in Barmbek. Als Frührentner ist er praktisch den ganzen Tag zu Hause und hat nicht viel um die Ohren. Zwar liebt er die Ordnung und meckert gern mal rum, wenn einer der beiden jungen Männer, die weiter oben wohnen, sein Fahrrad im Hausflur abstellt, schließlich ist das eine Gemeinschafts-Fläche, aber er ist auch ein sehr nützlicher Nachbar. Prange nimmt immer die Pakete für alle Nachbarn an und ist auch sonst hilfsbereit. Die Nachbarn wissen diesen Service zu schätzen – selbst wenn er darauf besteht, dass der Abholschein vorgezeigt wird, obwohl sie persönlich bekannt sind, zur „eigenen Absicherung“. Kurzum, Prange, ehemaliger Angestellter einer Wurstwarenfabrik, der seit den 1990ern erfolgreich in Windkraft investiert hat, daher finanziell unabhängig, ist mal ein eher merkwürdiger, mal ein eher anstrengender, aber oft auch ein liebenswerter Kauz. Sein Haustier ist ein Papagei, der lauter unanständige Wörter wie etwa „Pimmel“ beherrscht, was auch nicht in jeder Situation passend ist. Liebe auf die erste Paketannahme Bjarne Mädel spielt diesen Ralf Prange im NDR-Fernsehfilm „Prange – man ist ja Nachbar“ von Andy Altenburg („Frühstück bei Stefanie“), als sei er ihm auf den Leib geschrieben. Was das Drehbuch angeht, stimmt das auch. Schließlich hat Altenburg es nach seinem gleichnamigen Roman selbst verfasst. Der erzählt, wie Ralf Prange in seinem Alter doch noch der Frau seines restlichen Lebens begegnet oder zumindest seiner großen Liebe, als eines Tages die Paketbotin Dörte Krampitz (Katharina Marie Schubert) zum ersten Mal vor seiner Tür steht. Verfilmt wurde die melancholische Barmbeker Backsteinbaukomödie, die Nachbarschaftsmelancholödie, von Regisseur Lars Jessen mit einem fantastischen Ensemble in einer Dreizimmerwohnung in Barmbek, im Treppenhaus und vor der Wohnungstür sowie in einem Baumarkt. Weiter als der waren die meisten Bewohner des Hauses vermutlich nie weg. Die Konstellation der Hausgemeinschaft ist so konflikt- wie gemeinschaftsfähig. Prange gegenüber wohnt ein weiterer Frührentner, die Situation erinnert stark an das Tatort-Paar Kommissar Thiel und Gerichtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne. Olli Dittrich („Dittsche“) verkörpert Horst Rohde, der sich gern über Prange mokiert, sich mit ihm kabbelt und dann doch wieder verträgt, kongenial. Das gipfelt im gemeinsamen Auftritt als Nikolaus (Prange) und Knecht Ruprecht (Dittrich), auf den die beiden sich bei einem Prosecco im Auto vorbereiten, wobei sie einer Polizeistreife in die Hände fallen. Der Humor des Films ist norddeutsch-staubtrocken, „aus Gründen“, wie Prange oder Rohde es begründen würden. Beide sprechen ein sehr schönes Barmbeksch, Dittrich mit einem leichten Langenhorner Einschlag. Eine gewisse kommunikative Ungelenkigkeit Aber der Film ist nicht nur ein stadtteiltypisches Milieugemälde, erzählt wird auch eine der größten Liebesgeschichten aller Zeiten, bei der nicht am Ende beide tot sind. Dörte kommt nämlich vom Lande und ist ebenso wortkarg wie Prange, den sie irgendwie gut findet. Sie ist früher mal auf einen Schnacker reingefallen, hat den sitzenlassen und wohnt nun auch in Stadt. Katharina Marie Schubert ist als Dörte einfach umwerfend direkt und zielstrebig. Wie Prange hat auch sie die Leerstelle in ihrem Leben erst realisiert, als sie einander im Erdgeschoss bei der Paketübergabe vor der Wohnungstür rechts (vom Hauseingang aus) begegneten. Wie die beiden trotz eher problematischer Ausgangsbedingungen, einer gewissen kommunikativen Ungelenkigkeit und des belastenden Ausgangs eines ersten und zweiten Dates zueinanderfinden, erzählt Jessen einfühlsam und stringent. Konsequent steht er hinter seinen Figuren, wenn Altenburg aus dem wahren Leben erzählt, wie nur wenige es können. Entfernt erinnert „Prange“ an Filme des österreichischen Autors, Schauspielers und Regisseurs Josef Hader. Jessen steht ein großartiges Ensemble toller Theater- und Filmschauspieler zur Seite. Angelika Richter spielt die neu ins Haus gezogene, alleinerziehende Mutter, die ihren Sohn Malik, genannt Butschi, gegen jedermann verteidigt und Probleme einfach mal leugnet, obwohl sie ein schlechtes Gewissen hat, dass sie nicht genug Zeit für den Kleinen hat. Darseller Samy Ghariani zeigt Malik stark in all seiner Verlorenheit, fühlt sich nur bei Prange irgendwie aufgefangen, weshalb er oft bei ihm rumlungert, Videospiele spielt und ihm Gesellschaft leistet – gemeinsam mit dem Paketboten Micki (gespielt von Bozidar Kocevski) – von einem anderen Lieferservice als Dörte, den Prange schon länger kennt und gelegentlich auf ein Bier einlädt. Des Weiteren glänzen in diesem Film: Gabriela Maria Schmeide als Pranges Schwester Silke sowie Linn Reusse (als Kathrin), Maximilian Scheidt (als Moritz), Jan Georg Schütte (als Benji), Michael Diercks (als Niklas) und viele weitere. Podcast „Barmbek Bump – Prange vs. Rohde“ Der Film ist geeignet, die hektische Vorweihnachtszeit in eine besinnliche zu wandeln und daher strikt zu empfehlen. Nebenwirkungen wie Empathie und Freude sind häufig, wie die Reaktionen des Kinopublikums bei einer Preview im UCI Kino an der Mundsburg bewiesen. Zusätzlich zum Film gibt es für Fans den Podcast „Bambek Bump – Prange vs. Rohde“ in der ARD Audiothek über Wrestling, der laut Autor Altenburg „eigentlich ein Hörspiel ist, aber heute sagt man Podcast“. Sendetermine: „Prange – man ist ja Nachbar“, ab 6. Dezember in der ARD Mediathek, TV-Premiere: 10. Dezember in Das Erste, 2015 Uhr