Im Herbst 1918 veränderte sich die Landkarte Ostmitteleuropas tiefgreifend: Innerhalb weniger Monate entstanden aus den zerbrechenden Kaiserreichen Russland, Österreich-Ungarn und Deutschland neue Staaten: die Tschechoslowakei, Polen und Ungarn. Zuvor schon hatten sich die baltischen Staaten, die Ukraine und die Weißrussische Volksrepublik für unabhängig erklärt. Was passierte da in diesem Jahr 1918 – im Osten Europas? Der Publizist und Historiker Kersten Knipp (verlinkt auf https://www.freischreiber.de/profiles/kersten-knipp/) hat darüber das Buch „Im Taumel. 1918 – Ein europäisches Schicksalsjahr“ (verlinkt auf https://www.wbg-wissenverbindet.de/11716/im-taumel) veröffentlicht. Hauptberuflich arbeitet der sprachbegabte Publizist, der neben Englisch und Französisch auch Spanisch, Italienisch, Portugiesisch und Arabisch beherrscht, bei der Deutschen Welle in Köln (verlinkt auf https://www.dw.com/de/themen/s-9077) . WELT: Vermutlich nie wurden in so kurzer Zeit so viele neue Staaten gegründet wie in den wenigen Monaten zwischen Frühjahr und Herbst 1918. Warum? Kersten Knipp: Weil es eine einmalige Gelegenheit war. Denken Sie etwa an unsere beiden östlichen Nachbarn, Polen und Tschechien: Polen war Ende des 18. Jahrhunderts von der politischen Landkarte verschwunden (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/video171998124/Die-drei-Teilungen-Polens-1772-1795.html) – zerrieben zwischen den benachbarten Imperien. Ähnlich das heutige Tschechien inklusive der Slowakei: Die Region wurde von Wien aus regiert. Im 19. Jahrhundert reifte der Gedanke an Unabhängigkeit. Als das Habsburgerreich, das Zarenreich, das Osmanische Reich und das deutsche Kaiserreich dann zerbrachen, war es endlich möglich, auf deren Trümmern die ersehnten Nationalstaaten zu errichten. WELT: Eine zentrale Formel dieses Jahres war die „ Selbstbestimmung der Völker (verlinkt auf https://www.dgvn.de/fileadmin/publications/PDFs/Zeitschrift_VN/VN_1982/Heft_2_1982/03_Beitrag_Espiell_VN_2-82.pdf) “, die US-Präsident Woodrow Wilson (verlinkt auf https://www.welt.de/print/die_welt/literatur/article133643665/Ein-Monster-namens-Woodrow-Wilson.html) forderte. Das stieß auf große Resonanz. Knipp: Ja – zumindest bei den Bürgern jener Regionen, die bislang zu den Großreichen gehörten. Für sie war Wilsons Wort eine Offenbarung – zudem eine, die rasch auf Erden kam. Denn Wilson, als Präsident der Weltmacht Nummer eins, als die die USA sich damals erstmals präsentierten, führte die Pariser Friedenskonferenz recht robust im Geiste dieser Formel. So gründeten gerade im Osten Europas alle Hoffnungen auf ihm. Doch was heißt, was ist ein „Volk“? Wer gehört dazu, wer nicht? Diese eindeutig nicht zu beantwortende Frage führte zu neuen Friktionen in der Region. WELT: Sie schreiben, weder das neu gegründete Polen noch seine Nachbarstaaten seien kompromissbereit gewesen. Tatsächlich endete im Osten der Erste Weltkrieg (verlinkt auf https://www.wbg-wissenverbindet.de/14710/der-vergessene-weltkrieg) ja gerade nicht im November 1918, sondern es wurde weiter gekämpft ... Knipp: ... ja. Die Beherrschten von gestern sind am Folgetag nicht unbedingt die Vorkämpfer eines universalen, für alle gültigen Freiheitsgedankens. Sie interessierten sich für ihre je eigene Freiheit – keineswegs aber für die der anderen. So waren die Kämpfe nach dem November 1918 ganz wesentlich von dem Wunsch befeuert, das je eigene Staatsgebiet maximal auszudehnen, durchaus auf Kosten der Nachbarn. Das hatte dramatische Folgen: Bevölkerungsaustausch oder Abstimmungen zur künftigen Staatsangehörigkeit. Auch das Problem der Minderheiten erhielt neue Virulenz. WELT: Überrascht hat mich Ihre Feststellung, Polen sei ein Projekt der intellektuellen Eliten gewesen – die Masse der Bevölkerung sei zunächst gar nicht auf die Idee gekommen, in nationalen Maßstäben zu denken. Knipp: Die europäischen Nationalstaaten sind durchweg ein Elitenprojekt. Der durchschnittliche Bürger verortete sich regional – in der eigenen Stadt, im eigenen Landkreis. Er wurde erst aktiv, nachdem die politischen Eliten – übrigens zusammen mit kulturellen Eliten – die Idee nationaler Identität populär gemacht haben. Die Hütte des Bauern, in der polnischen Literatur im 19. Jahrhundert vielfach besungen, mochte in der Lyrik als Urgrund nationaler Identität glänzen. Doch die realen Hütten waren alles andere als Keimzellen des Patriotismus. Der wurde in den Städten gezüchtet. WELT: Was bedeutet, gemessen an den Ereignissen 1918, überhaupt so etwas wie „nationale Identität“? Knipp: Nationale Identität ist immer ein Konstrukt. Es kann auf mehr oder minder einsichtigen Kriterien beruhen, etwa einer gemeinsamen Sprache. Kluge Politik lässt sich von möglichst weiten Definitionen leiten. In aufgepeitschten Zeiten wie nach dem Ersten Weltkrieg können aber andere Motive hervortreten – Hass etwa. Was da alles zusammenfinden kann, illustriert ein Plakat, das damals Demonstranten in Wien in die Höhe hielten: „Weg mit den Lebensmittelkontrollämtern, weg mit den Juden. Gebt uns zu essen! Wir wollen Kartoffeln!“ Not und Ideologie gehen eine skurrile Bindung ein. WELT: Welche Rolle spielten Landkarten bei der Neuordnung Europas 1918/19? Knipp: Karten waren vor allem strategische Instrumente. Karten können die Realitäten vor Ort zwar abbilden; sie müssen es aber nicht: Sie können diese Realitäten – etwa ethnische, sprachliche, kulturelle Realitäten – auch bloß fingieren. Oft suggerierten die nach Paris abkommandierten Kartografen angebliche Evidenzen, mit der die Diplomaten ihre jeweiligen Verhandlungspartner dann zu überzeugen – oder eben: zu überreden – versuchten. „Eine manipulierte Karte war der Rettungsring für manches strauchelnde Argument“, erinnerte sich Isaiah Bowman, der Chefkartograf der US-amerikanischen Delegation. WELT: Kann es so etwas wie ein europäisches Bewusstsein für 1918/19 überhaupt geben? Knipp: Ein Bewusstsein ja, aber nicht unbedingt ein einheitliches. Die heutigen Nationen haben den Krieg und die darauf folgende Neuordnung Europas ja sehr unterschiedlich erlebt. Die Deutschen erlebten es zunächst als bittere Niederlage. Heute sehen wir es vor allem als Beginn des Marsches in die NS-Diktatur. Franzosen und Briten sahen sich als Sieger – ohne darüber, wie die Deutschen, den hohen Blutzoll zu vergessen. Polen und Tschechen hingegen sehen den Krieg als Beginn ihrer Unabhängigkeit. Allen gemeinsam ist hoffentlich der Wille, es nie wieder zu einem Krieg kommen zu lassen. Kersten Knipp: „Im Taumel. 1918 – Ein europäisches Schicksalsjahr“ (Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 2018. 422 S., 29,95 Euro). Dieser Text wurde erstmals veröffentlicht im November 2018.