Welt 19.01.2026
13:35 Uhr

Nach dem Trainer-Aus rückt Sportvorstand Krösche in den Fokus


Eintracht Frankfurt hofft durch den Trainerwechsel auf eine Trendwende. Allerdings trägt nicht nur der freigestellte Dino Toppmöller Verantwortung für die Krise – einige Gründe liegen auch klar im Einflussbereich von Sportvorstand Markus Krösche. Sein nächster Schuss muss sitzen.

Nach dem Trainer-Aus rückt Sportvorstand Krösche in den Fokus

Wenn eine Mannschaft zwar weiß, was sie zu tun hat, es aber – selbst wenn sie noch einmal explizit daran erinnert wird – trotzdem nicht umsetzt, hat ein Trainer kaum noch Argumente. Dino Toppmöller hatte in der Halbzeitpause des Spiels bei Werder Bremen gewarnt. Die Eintracht solle bei Ballbesitz des Gegners „nicht zu früh rausgehen“, sie solle keine Räume öffnen. Was geschah? Die Spieler taten es trotzdem – und kassierten abermals ein vermeidbares Gegentor. So machten zwei unterschiedliche Spieler – Nathaniel Brown und Ritsu Doan – den exakt gleichen Fehler. Beim 1:1 hatte Brown versucht, das Pressing auszulösen und hatte die Bremer dadurch zu einem Konter eingeladen. Beim 2:3, diesmal in der zweiten Hälfte, war es Doan. Als hätte es die Pausen-Predigt von Toppmöller nie gegeben. Der Rest ist Geschichte. Am Sonntag wurde der Trainer gefeuert. Zum Verhängnis wurde ihm, dass es ihm auch nach der Winterpause nicht gelungen war, die Eintracht defensiv zu stabilisieren: 3:3 gegen Dortmund, 2:3 in Stuttgart, 3:3 in Bremen – aus den 30 Gegentoren in dieser Bundesligasaison wurden 39. Das ist die Zwischenbilanz eines Absteigers. Wettbewerbsübergreifend sind es sogar 56. So konnte es tatsächlich nicht weitergehen. Die Frage ist, ob er ein Trainerwechsel allein ausreichen wird, um die Mannschaft wieder auf Kurs zu bringen? Denn die zunehmende Machtlosigkeit Toppmöllers beim Versuch, die Probleme wieder in den Griff zu bekommen, ist zwar Fakt – aber letztendlich auch nur ein Symptom der Krise. Auffällig ist: Schon seit Monaten, teilweise seit Saisonbeginn befinden sich zu viele Spieler im Formtief. Vor allem: Die Mannschaft stolpert bislang führungslos durch die Saison. Die Spielerpersönlichkeiten, von denen unter normalen Umständen hätte erwartet werden können, dass sie dem Team in schwierigen Phasen Halt geben, sind abgetaucht. Erste Alarmsignale bereits vor Weihnachten Sinnbildlich dafür steht der Kapitän. Robin Koch, der 2024 von Leeds United kam und seitdem einen kometenhaften Aufstieg erlebte, sogar zum Nationalspieler wurde, wirkt aktuell überfordert. Drückt den Abwehrchef die Last der Verantwortung, seit er im vergangenen Sommer auch offiziell die Spielführerbinde von Kevin Trapp übernommen hat? Auch andere frühere Leistungsträger wie Arthur Theate oder Mario Götze haben mit sich selbst zu kämpfen. Dass in Frankfurt grundsätzlich etwas nicht stimmt, hatte Vorstandsprecher Axel Hellmann kurz nach Weihnachten deutlich gemacht. Im Interview mit den vereinseigenen Medien hatte er den Finger auf Wunde gelegt. „Wir müssen schon aufpassen, dass wir uns alle nicht zu wohl fühlen in den fünf aufeinanderfolgenden Europapokalteilnahmen“, hatte er gesagt. Es fehle die „Intensität“. „Wir haben ein bisschen zu viel Wohlfühloase gehabt nach dem dritten Platz in der letzten Saison“, so Hellmann. Die Bilanz von Toppmöller, der die Eintracht in seiner ersten Saison in die Europa League und sie im vergangenen Sommer in die Champions League geführt hatte, bezeichnete er dennoch als „absolute Erfolgsbilanz“. Gute Transfers weckten Begehrlichkeiten Jedoch spätestens da war klar, dass es nicht nur um den Trainer geht. Für Toppmöller waren die Aussagen von Hellmann brisant, obwohl er gelobt worden war. Denn sie erhöhten vor allem den Druck auf einen Mann, der bis dahin in Frankfurt als völlig unumstritten galt: Markus Krösche. Schließlich ist nur in seltenen Fällen ein Trainer allein für eine Fehlentwicklung verantwortlich. Der Sportvorstand dürfte sich also bewusst gewesen sein, dass es auch um seine Rolle gehen dürfte, wenn sich nicht schnell etwas grundlegend bessern sollte. „Wenn du einen Trainer entlassen musst, hat jeder seinen Anteil. Die Spieler, der Staff und auch ich. Da mache ich mich nicht frei“, sagte der 45-Jährige auf einer Pressekonferenz am Montag. Eine einzige Person sei weder allein für den Erfolg noch für den Misserfolg von Eintracht Frankfurt verantwortlich. „Dino hat herausragende Arbeit in den vergangenen zweieinhalb Jahren geleistet“, bedankte sich Krösche noch einmal explizit bei Toppmöller. Krösche ist mittlerweile seit Sommer 2021 bei der Eintracht. Es waren vier gute Jahre, in denen er viele gute Entscheidungen getroffen hat. 2022 wurde unter Oliver Glasner, den Krösche geholt hatte, die Europa League gewonnen. Die Eintracht entwickelte sich zu einem Dauergast auf der internationalen Bühne – vor allem dank einer guten Transferpolitik, die dem Klub gute Einnahmen bescherte und Krösche den Beinnahmen eines „Moneymakers“ einbrachte: Offensivtalente wie Randal Kolo Muani, Omar Marmoush und Hugo Ekitiké wurden geholt, zu Stars entwickelt und mit hohem Gewinn verkauft. In Krösches Zeit wurden 154,49 Millionen Euro Transferüberschuss erwirtschaftet. Dies machte den 45-Jährigen sogar für die besten Adressen im deutschen Fußball interessant: Er wurde sowohl bei Borussia Dortmund als auch beim FC Bayern gehandelt. Doch ausrechnet im vergangenen Sommer, nachdem sich die Eintracht erstmals über die Bundesliga für die Königsklasse qualifiziert hatte, ging etwas schief. Mit Jonny Burkhard kam nur ein neuer Stürmer, es gelang die Problemfelder im Mittelfeld und der Abwehr zu bearbeiten. Im Winter wurde nachgebessert: Da Burkhardt verletzungsbedingt fehlt, kamen weitere Stürmer – doch der dringend benötigte zentrale Mittelfeldspieler nicht. Toppmöller musste, auch wegen der vielen Ausfälle, weiter improvisieren. Er versuchte viel, verzettelte sich teilweise aber auch mit personellen und taktischen Wechseln. Mit dem Trainerwechsel wurde vermeintlich die Reißleine gezogen. Es soll einen totalen Neuanfang geben. Am Montag gab die Eintracht bekannt, dass auch die Assistenztrainer Stefan Buck, Nélson Morgado und Xaver Zembrod gehen. Bei Qarabag Agdam in Aserbaidschan, wo die Eintracht am Mittwoch in der Champions League antreten muss, werden U21-Coach Dennis Schmitt und U19-Trainer Alex Meier die Mannschaft interimsweise betreuen. Wer neuer Chefcoach wird, ist offen. Krösche weiß, dass die Nachfolgeregelung für Toppmöller sitzen muss. Denn spätestens seit Sonntag ist auch er in Fokus gerückt – erstmals in seiner Frankfurter Zeit auf unangenehme Weise.