Welt 20.11.2025
12:37 Uhr

Nach Empörung über „Polyhochzeit“ – Bischof Stäblein kritisiert „Wutgesellschaft“


Eine Pfarrerin segnete in Berlin im Rahmen einer „Pop-up-Trauung“ vier Männer – und es entbrannte heftiger Gegenwind. Landesbischof Stäblein kritisiert die zunehmende „Empörungs- und Wutgesellschaft“, die nun auch die Kirche erreiche.

Nach Empörung über „Polyhochzeit“ – Bischof Stäblein kritisiert „Wutgesellschaft“

Der evangelische Bischof Christian Stäblein hat zunehmende extreme Polarisierungen in der Gesellschaft kritisiert. Es habe sich an vielen Stellen eine „Empörungs- und Wutgesellschaft“ entwickelt, die der Demokratie schade, sagte Stäblein am Donnerstag in Berlin in seinem Bischofswort vor der Synode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Empörung sei „fast schon die regelhafte Rezeption von Ereignissen jedweder Art geworden“. Diese Empörungsgesellschaft habe auch die Kirche erreicht. Stäblein betonte, normale Polarisierung sei unproblematisch, denn sie diene der Sortierung und Etablierung sowie dem Diskurs von unterscheidbaren Positionen. Das Problem sei die zum Zweck der Demokratieschädigung betriebene Instrumentalisierung der Polarisierung. Dem müsse auch mit öffentlicher Seelsorge der Kirche begegnet werden. Dies bedeute unter anderem, Räume zu bieten, um Empörung zu äußern und darüber zu sprechen. Segen ist keine Trauung Mit Blick auf die Aufregung um einen Segen für vier Männer, die sich in einer polyamoren Beziehung befinden, betonte Stäblein erneut, die Segenshandlung sei weder eine Hochzeit noch eine Trauung gewesen. Ein Segen sei Bitte und Zuspruch von Gottes Begleitung für Wege im Leben, „gemeinsame, schwere, leichte oder lange“. Trauungen für Gruppen oder Verbindungen von mehr als zwei Menschen gebe es in der Kirche nicht. Dem nach dem Segen für die vier Männer losgebrochenen Hass müsse entschieden widersprochen werden. Auch Queerfeindlichkeit dürfe nicht hingenommen werden. Die Berliner Pfarrerin Lena Müller hatte vor einigen Wochen vier Männern im Rahmen einer „Polyhochzeit“ ihren Segen gegeben (verlinkt auf https://www.welt.de/vermischtes/article690e13260580923d0998aa58/kirche-distanziert-sich-polyhochzeit-in-berlin-pastorin-segnet-vier-maenner.html) . Die Beziehung der vier Männer wurde nicht ins Kirchenbuch eingetragen, weil dazu vorher eine standesamtliche Trauung hätte stattfinden müssen – die in dieser Konstellation nicht möglich ist. Polygamie ist in Deutschland strafbar. „Aber ich bin auf jeden Fall davon überzeugt, dass sie vor Gott wirklich geheiratet haben“, sagte Müller. „Sie haben auch eine schöne Urkunde bekommen. Und sie haben sich einen Trauspruch aus der Bibel ausgesucht, aus dem 1. Korintherbrief: ,Die Liebe hört nie auf.‘“ Anschließend gab es massive Kritik. Die Evangelische Kirche nahm die Pfarrerin öffentlich vor Anfeindungen in den sozialen Medien in Schutz.