Wer zur Erkenntnis gelangen will, darf auch vor Unappetitlichem nicht zurückschrecken, denn manchmal ist hier viel Aufschlussreiches verborgen. So sind etwa die Orte, an denen Menschen ihre Exkremente hinterließen (und die gleichzeitig oft als Müllkippen dienten), für Archäologen und Historiker interessant, denn sie geben Einblicke in die Lebenswelten vergangener Jahrhunderte und Jahrtausende. Beispiele gibt es dafür sehr viele, etwa aus dem Jahr 2023, als Forscher Darmerreger unter 2700 Jahre alten Toiletten in Jerusalem fanden und analysierten (verlinkt auf https://www.welt.de/wissenschaft/article245594942/Jerusalem-Durchfall-hatten-die-Menschen-schon-im-alten-Jerusalem-vor-2700-Jahren.html) . Oder aus dem Jahr 2010, als Archäologen zwischen den Überresten mittelalterlicher Fäkalien am Greifswalder Marktplatz einen außergewöhnlichen Fund machten (verlinkt auf https://www.welt.de/wissenschaft/article7393832/Archaeologie-Muenzschatz-in-mittelalterlicher-Latrine-entdeckt.html) : einen Schatz aus Silbermünzen. Vom einfachen Erdloch im Freien über den hölzernen Donnerbalken bis zum hochmodernen Keramikkonstrukt mit Dusch- und Trocknungsfunktion – die Menschheit hat im Lauf der Geschichte viele Lösungen gefunden, um sich Erleichterung zu verschaffen. Eine Notwendigkeit, die alle Menschen verbindet, quer durch Jahrtausende und Kontinente. In den frühen Zeiten der Menschheit war die gängigste Lösung: ein Stock zum Graben, später eine Schaufel – und sonst nichts. Ob auf Wanderzügen, beim Hüten von Tieren oder am Rand kleiner Siedlungen – die Schaufel gehörte im Alltag dazu wie der Wasserkrug oder das Feuerholz. Auch viele Armeen gruben über die Jahrhunderte Latrinen aus, oft mit Spaten und einfachsten Mitteln, schnell und funktional. Speziell die alten Römer zeigten aber, dass man aus der Not auch eine Tugend machen kann: In öffentlichen Latrinen saß man damals, in praktische Togas gehüllt, Schulter an Schulter, ganz ohne Trennwand. Unter den Sitzen plätscherte Wasser, das die Hinterlassenschaften davontrug. Statt Toilettenpapier wurde ein Schwamm am Stiel herumgereicht, „tersorium“ genannt, der mit Essig oder Salzwasser gereinigt wurde. Hygienisch war das im modernen Sinne nicht, vielmehr waren die damaligen Latrinen regelrechte Keimschleudern. Aber gesellig war es dort allemal: Die Orte waren sozusagen das Gegenteil eines „stillen“ Örtchens – hier trafen sich Personen beiderlei Geschlechts und unterschiedlicher Schichten, hatten Gelegenheit zum sozialen Austausch; auch waren die Latrinen Kontaktforen zum Verabreden von (käuflichem) Sex und anderer diskreter Deals. Man machte sein „Geschäft“, in vielerlei Hinsicht. Da sich viele Gerber in römischen Latrinen den Urin holten, um ihn zur Bearbeitung ihrer Tierhäute zu verwenden, beschloss Kaiser Vespasian, auf das menschliche Ausscheidungsprodukt eine Steuer zu erheben. Als dagegen Einwände erhoben wurden, lautete seine berühmte Antwort: „Pecunia non olet – Geld stinkt nicht.“ Im europäischen Mittelalter führte das Geschäft zum Hindernislauf: In den Städten verwendeten viele Menschen Nachttöpfe. Die Straßen hatten offene Abflüsse – Kanäle, die die Straßen entlangführten. Der Inhalt des Töpfchens wurde einfach aus dem Fenster gekippt. Wer unten vorbeilief, riskierte eine unliebsame Dusche. In Burgen oder Klöstern gab es hingegen Klos in Form von speziellen Erkern (sogenannten Aborterkern) in den Außenmauern. Auch hier fiel das Geschäft meist einfach umstandslos von oben in die Burggräben. Ein Meilenstein war dann die Spültoilette: John Harington, Patenkind von Königin Elizabeth I., soll 1596 ein Wasserklosett erfunden haben – doch das Gerät blieb zunächst ein Kuriosum. Erst mit der Industrialisierung und dem Bau moderner Kanalisationen im 19. Jahrhundert trat das „Water Closet“ seinen Siegeszug an. Damit wurde die Toilette samt Siphon zur Geruchsvermeidung nicht nur bequemer, sondern auch ein wichtiger Verbündeter der öffentlichen Gesundheit. Im viktorianischen Zeitalter des späten 19. Jahrhunderts war das Badezimmer dann schick, zumindest bei den Reichen: Hübsch verzierte Porzellanschüsseln zeigten Geschmack und Fortschritt. Wer etwas auf sich hielt, ließ sich ein besonders elegantes Modell einbauen – das stille Örtchen wurde repräsentativ. Von royalen Herrschern wie Louis XIV. („Sonnenkönig“ Frankreichs von 1643 bis 1715) ist überliefert, dass sie hochrangige Untergebene empfingen, während sie ihr großes Geschäft verrichteten, was die Anwesenden als Ehre empfanden, die ihre Wichtigkeit und intime Nähe zum Monarchen unterstrich. Jahrhunderte später hielt Lyndon B. Johnson, US-Präsident von 1963 bis 1969 und ein Mann mit rustikalen Manieren, bisweilen Meetings mit seinen Mitarbeitern ab, während er auf der Toilette defäkierte. Das galt als eines seiner Mittel, Machtverhältnisse zu demonstrieren und für zügige Ergebnisse zu sorgen. Heute ist die Toilette in manchen Teilen der Welt längst Hightech. Vor allem in Japan: beheizte Sitze, Düsen für die perfekte Reinigung, ein sanfter Luftstrom zum Trocknen, automatische Deckel, die sich selbstständig öffnen und schließen, und musikalische Untermalung sind vielfach anzutreffen. Komposttoiletten und Modelle mit Wasser-Recycling gelten als Zukunftslösungen für eine wachsende Weltbevölkerung. Doch während ultramoderne Toiletten mit Sitzheizung, integrierter Bidet-Funktion und Geruchsabsaugung in reicheren Nationen immer populärer werden, ist die Wirklichkeit anderswo dramatisch: Was für viele selbstverständlich ist, bleibt für Milliarden Menschen bis heute unerreichbar. „Wir brauchen Toiletten für alle, überall“, schreiben die Vereinten Nationen. „Egal, wie sich die Welt verändert, manche Dinge bleiben unverändert – unser Bedürfnis nach Toiletten gehört dazu.“ Rund 3,4 Milliarden Menschen haben noch heute weltweit keinen Zugang zu sogenannten „safely managed sanitation services“ – also Toiletten, die nicht mit anderen Haushalten geteilt werden und deren Abwasser sicher entsorgt wird, sodass Gesundheit, Würde und Sicherheit gewährleistet sind. 354 Millionen Menschen müssen ihr Geschäft laut Weltgesundheitsorganisation WHO noch immer im Freien verrichten. Unsichere Sanitär- und Hygienesituationen sind mitverantwortlich für Krankheiten wie Durchfall, Cholera und Typhus, besonders bei Kindern. So sterben laut aktuellen Zahlen der WHO täglich rund 1000 Kinder unter fünf Jahren an Krankheiten, die auf eine unzureichende Sanitärversorgung, unsicheres Wasser und mangelnde Hygiene zurückgehen. Bei der derzeitigen Fortschrittsrate werden laut UN im Jahr 2030 immer noch drei Milliarden Menschen ohne sichere Toiletten leben. Zahlen klingen immer trocken – doch ihre Folgen sind es nicht: Wenn kein sicherer Ort zum Verrichten der Notdurft vorhanden ist, steigt nicht nur das Risiko für Erkrankungen. Es hat auch etwas mit Menschenwürde zu tun. Von der Schaufel bis zum Spülknopf: Die Toilette ist ein Spiegel der Zivilisation. Sie erzählt eine Geschichte von Hygiene, Kultur, Erfindergeist und Fortschritt – und einer Menschheit, in der Luxus und Armut nebeneinander existieren. Zu den Themenschwerpunkten von Martin Klemrath (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/martin-klemrath/) bei WELTGeschichte zählen Technikgeschichte, Zeitgeschichte, Kulturgeschichte und die Geschichte der USA.