Welt 02.02.2026
07:35 Uhr

Mit dieser geheimnisvollen Waffe bekämpften die Römer Reiterkrieger


Auf dem Schlachtfeld verließ sich Rom nicht nur auf seine Legionäre, sondern setzte auf technische Innovationen. Der Einsatz der „Arcuballista“ war leicht zu erlernen und höchst wirkungsvoll, wie Experimente mit modernen Nachbauten zeigen.

Mit dieser geheimnisvollen Waffe bekämpften die Römer Reiterkrieger

Die Waffe, mit der Rom sein Imperium schuf, waren die Legionen. Wie die Hopliten-Phalanx (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article168559705/Perserkriege-Wie-die-Griechen-die-persische-Weltmacht-demuetigten.html) der griechischen Stadtstaaten und die Sarissen-Phalanx (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article181899244/Makedonische-Heeresreform-So-entstand-die-beste-Kriegsmaschine-Griechenlands.html) der hellenistischen Könige handelte es sich um Formationen schwer bewaffneter Infanteristen, deren Taktik im Gegensatz (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article163046904/Krieg-in-der-Antike-Eine-Waffe-war-das-Erfolgsgeheimnis-der-Legionen-Roms.html) zu ihren griechischen Vorgängern jedoch so flexibel war, dass sie über Jahrhunderte hinweg die Schlachtfelder rund ums Mittelmeer beherrschten. Flankierende Waffengattungen wie Reiter, Bogenschützen oder Leichtbewaffnete wurden bei Völkern rekrutiert, die sich auf diese Waffentechniken spezialisiert hatten. Aber die Römer beließen es nicht dabei. „Die Liebe zu ihren eigenen überlieferten Einrichtungen hinderte sie nicht, von überallher Brauchbares aufzunehmen und bei sich einzubürgern“, konstatierte der römische General und Historiker Arrian im 2. Jahrhundert n. Chr. in seinem „Reitertraktat“. In dieser Darstellung römischer Kavallerie-Manöver lieferte er auch ein bemerkenswertes Beispiel, indem er eine Maschine beschrieb, mit der vom Pferd aus Pfeile verschossen werden konnten. Wahrscheinlich handelt es sich eine Waffe, der der römische Militärschriftsteller Flavius Vegetius 250 Jahre später einen Namen gab: Arcuballista (lat. arcus = Bogen, ballista = Schleuder). Da er im Übrigen auf eine Beschreibung verzichtete, liegt die Vermutung nahe, dass die Funktionsweise der „Bogenschleuder“ seiner spätantiken Leserschaft bekannt war, sie also damals zur üblichen Ausrüstung römischer Truppen gehörte. Umso erstaunlicher ist es daher, dass nur wenige bildliche Darstellungen der Waffe (verlinkt auf https://www.tastesofhistory.co.uk/post/arcuballista-a-late-roman-crossbow) auf uns gekommen sind. Gleichwohl hat ein Team an der Universität Erlangen den Versuch unternommen, die geheimnisvolle Fernwaffe nachzubauen. Christof Schindler und Wolfgang Wilsch sind Projektmitarbeiter der Professur für Alte Geschichte (verlinkt auf https://www.geschichte.phil.fau.de/professur-fuer-alte-geschichte/personen-und-kontakte/) , deren Inhaber Boris Dreyer Erlangen zu einem Forschungszentrum für antike Technik gemacht hat. Schiffe, Boote, Geschütze und Fahrzeuge (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article176566870/Antiker-Schiffbau-Die-schwimmenden-Superwaffen-der-Legionen.html) werden von Wissenschaftlern und Studenten nach antiken Vorlagen rekonstruiert und im Experiment erprobt. Bis in kleinste Details haben Schindler und Wilsch in Zusammenarbeit mit Sportschützen und Militärwissenschaftlern an Nachbauten der Arcuballistae getüftelt und ihre Ergebnisse in einer bislang unveröffentlichten Studie zusammengefasst. Dass die römische Armee über eine leistungsfähige Artillerie verfügte, wird nicht nur in schriftlichen Quellen bezeugt, sondern auch durch die zahlreichen Funde deutlich, die ab 2008 am Harzhorn (Landkreis Northeim) (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article217948962/Germanen-Ein-Drittel-der-Krieger-ueberlebte-die-Niederlage-nicht.html) in Niedersachsen gemacht wurden. Dort versuchten Germanen 235/36, dem Kaiser Maximinus Thrax den Weg zu verlegen, wurden jedoch von den Legionen zurückgeschlagen. Maßgeblich daran beteiligt waren orientalische Bogenschützen, die als Spezialisten angeworben wurden, sowie Torsionsgeschütze, die aus dem Arsenal der Legionen stammten. Ihre enorme Durchschlagskraft gewannen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article195685357/Roms-Artillerie-war-eine-furchterregende-Waffe.html) diese Fernwaffen aus der Energie, die durch die Spannung gedrehter Seilbündel entsteht, die als Sehne dienten. Ob die römischen Heere der Spätantike (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article194109707/Justinian-I-Mit-dieser-Armee-gelang-die-Rueckeroberung-Roms.html) , die sich in großen Teilen aus Barbaren rekrutierten, noch derart komplexe Waffensysteme einsetzten, ist unklar. Die Konstruktion der Arcuballistae zeigt aber, „dass nicht unbedingt von einer Abnahme des Niveaus und Durchschlagskraft der römischen Einheiten“ ausgegangen werden sollte, schreiben Schindler und Wilsch. Aussehen, Funktion und Einsatztaktik der „Bogenschleuder“ erinnern an die Armbrüste des Mittelalters (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article201040536/Armbrust-Diese-Waffe-fuerchteten-Ritter-wie-die-Pest.html) . Ältere Versuche gingen von einem Vollholzbogen (verlinkt auf https://www.tastesofhistory.co.uk/post/arcuballista-a-late-roman-crossbow) aus, der an der Spitze eines Holzkantholzes eingefügt ist. Darüber liegt die nach dem Torsionsprinzip gedrehte Sehne, die durch eine Nuss aus Horn oder Metall freigegeben wird und das Projektil beschleunigt. Diese Rekonstruktion zeigte im Experiment jedoch erhebliche Mängel. Weil die Sehne über das Kantholz schabte, verlor der Pfeil an Treffgenauigkeit und Durchschlagskraft. Auch führte die Reibungsbelastung zu Schäden an den Sehnen. Das Gewicht des kompakten Kantholzes, selbst wenn es aus Weichholz gefertigt ist, belastete zudem den Anwender. Unwahrscheinlich, dass römische Techniker es dabei belassen haben, widerspricht ein derartiger Aufbau doch „der Entwicklung und Logik einer Armbrust, da es bei dieser eigentlich darum geht, den Einsatz für den Schützen möglichst leicht zu machen“, argumentieren die Autoren. Also nahmen sie sich ein Detail aus einer antiken Bilddarstellung zum Vorbild und ließen die Sehne nicht über dem Kantholz laufen, sondern in ihm. Die Sehne verläuft damit viel näher an der durch den Bogen vorgegebenen Ebene, Reibung und Gewicht nehmen deutlich ab. „So kann die Waffe auch flexibel vom Pferd, zu Fuß und hinter Festungswerken geladen und abgeschossen werden.“ Da der knapp 70 Zentimeter lange Pfeil innerhalb des etwa 3,2 Kilogramm schweren Corpus liegt, wird zudem ein vorzeitiges Abfallen im Kampfgetümmel verhindert. Die Leistungen, die Schindler und Wilsch mit diesem Nachbau erzielten, sind beeindruckend. Das Zuggewicht von 25 Kilogramm entsprach in etwa dem eines klassischen Bogens. Damit konnten im Idealfall Projektile bis zu 260 Metern abgeschossen werden. Ungeübten Schützen gelangen die fünf notwendigen Handgriffe – Anspannen, Einlegen des Pfeils, Entsichern, Zielen, Schuss – innerhalb von 22 Sekunden. Daraus schließen die Forscher, dass trainierte Soldaten mindestens vier Schuss pro Minute abgeben konnten. Das machte die Arcuballista zu einer „leicht handhabbaren, in verschiedenen Situationen flexibel einsetzbaren Waffe“, folgern die Wissenschaftler. Wie Vegetius anmerkt, wurden derartige Fernwaffen „von sachkundigen und erfahrenen Männern“ gegen Belagerer von Städten und Burgen eingesetzt. Denn im Schutz einer Mauer wurde ein ungefährdeter Ladevorgang möglich. Der Einsatz in der Kavallerie, auf den schon Arrian hinwies, dürfte in der Spätantike noch an Bedeutung gewonnen haben. Denn im Kampf gegen nomadisierende Kriegergruppen setzten die römischen Heere zunehmend auf die Reiterei. Die Gewandtheit, mit der Hunnen, Parther oder Perser ihre Bögen zu bedienen wussten (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article243524775/Parther-Sieg-bei-Carrhae-Vor-diesem-Bogen-fuerchteten-sich-Roms-Legionaere.html) , erreichten die Römer nie. Aber mit technischen Innovationen – man denke auch an die Übernahme der schwer gepanzerten Kataphraktenreiterei (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article165971568/Mittelalter-Wie-der-Panzerreiter-nach-Europa-kam.html) – konnten sie zumindest ähnlich leistungsfähige Waffen zum Einsatz bringen. Die Arcuballistae boten darüber hinaus gegenüber dem Bogen den Vorteil, dass ihre Bedienung leicht zu erlernen war, während dieser beständiges Training seit der Jugend erforderte. Eine historische Parallele findet sich übrigens in der Frühen Neuzeit bei den Bogenschützen der osmanischen Armee, die permanente Übung zu einer Elitetruppe machte. Nachdem diese in der S eeschlacht von Lepanto 1571 gegen die Heilige Liga (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article162116593/Schlacht-gegen-Heilige-Liga-So-verloren-die-Tuerken-ihre-Elite-Schuetzen.html) vernichtet worden war, verzichtete die Pforte auf eine Neuaufstellung. Musketier-Schützen waren wesentlich schneller auszubilden und leichter zu ersetzen. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.