Lange galt unter Althistorikern die Faustregel, dass Siegesmeldungen römischer Kaiser in Germanien umso weniger ernst genommen werden müssten, je jüngeren Datums sie sind. Das wurde zum einen mit der Dürftigkeit der Überlieferung erklärt, zum anderen mit der geringen Wahrscheinlichkeit, dass römische Truppen in der schweren Reichskrise des 3. Jahrhunderts n. Chr. und auch später noch zu großräumigen Operationen in Germania magna in der Lage gewesen sein sollen. Erst die Entdeckung eines antiken Schlachtfeldes am Harzhorn (Landkreis Northeim) in Niedersachsen im Jahr 2008 belehrte die Forschung eines Besseren. Denn die dort gemachten Funde lassen den Schluss zu, dass weit von der Reichsgrenze entfernt germanische Krieger ein großes kaiserliches Heer überfielen und dabei eine schwere Niederlage hinnehmen mussten. Datiert wird die Schlacht in die Jahre 235/6, in denen der Kaiser Maximinus Thrax (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article137588856/Funde-am-Harzhorn-Wo-die-Legionen-die-Germanen-besiegten.html) (reg. 235–238) einen groß angelegten Feldzug durch Germanien unternommen haben soll. Wider Erwarten erweist sich damit der Bericht des Historikers Herodian als zutreffend, der bislang als wenig vertrauenerweckend galt. Umso spektakulärer dürfen daher die Neufunde gelten, die das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt jetzt bekannt gibt (verlinkt auf https://www.lda-lsa.de/presse-und-oeffentlichkeitsarbeit/presseinformationen/15126-sachsen-anhalt-marschlager) : Danach wurden in dem Bundesland gleich mehrere römische Marschlager entdeckt, die ins frühe 3. Jahrhundert n. Chr. datiert werden. Wie die Behörde berichtet, seien bereits 2020 einem ehrenamtlichen beauftragten Bodendenkmalpfleger auf einem Satellitenbild die Umrisse eines typischen Marschlagers bei Aken (Landkreis Anhalt-Bitterfeld) aufgefallen, wie sie von den Legionen nach einem Tagesmarsch über etwa 20 Kilometer angelegt wurden. Diese provisorischen Forts folgten einem standardisierten Bauplan mit rechtwinkliger Umwehrung und gerundeten Ecken samt vorgelagertem V-Graben, rechtwinklig angelegten Hauptstraßen, dem Stabsgebäude ( principia ) in der Mitte und dem titulum , einem den Tordurchlässen vorgelagerten Grabensegment im Wall. Ebenfalls auf Luftaufnahmen wurden 2023 bei Trabitz (Salzlandkreis) und 2024 unweit der ersten Fundstelle bei Aken sowie in Deersheim (Landkreis Harz) charakteristische Strukturen im Boden ausgemacht. Großflächige geophysikalische Messung, systematische Begehungen und anschließende Ausgrabungen in den Jahren 2024 und 2025 bestätigten die Annahme, dass hier römische Truppen für einen oder mehrere Tage gelagert haben. Metallprospektionen förderten bislang mehr als 1500 Einzelfunde ans Licht, darunter die typischen Nägel römischer Armeestiefel, Geschütz-Bolzen sowie mehrere Fibelfragmente und Münzen. Mit den Grabungen konnten in allen vier Orten stellenweise die charakteristische V-Form der römischen Spitzgräben bis in einer Tiefe von 1,7 Metern nachgewiesen werden. Die jüngste Münze, die bislang geborgen wurde, stammt aus der Regierungszeit Caracallas (reg. 211–217). Auch diesem Kaiser aus der Dynastie der Severer schreiben wenige Quellen einen erfolgreichen Feldzug gegen die Alamannen zu, die damit erstmals erwähnt werden und die in einer Schlacht am Main geschlagen worden sein sollen. Auch berichtet der Senator Cassius Dio, es sei zu erbitterten Kämpfen gegen die Cennen gekommen, die „mit den Zähnen Pfeile aus dem Fleisch zogen, um nicht ihre Hände beim Niedermetzeln zu behindern“. Ihre Frauen hätten dem Tod den Vorzug vor der Sklaverei gegeben. Die Anmerkung Dios, dass die Feinde sich ihren Sieg mit kaiserlichem Geld abkaufen ließen, wurde denn auch als Indiz gesehen, dass Caracallas Sieg mehr mit Propaganda als mit der Realität zu tun hatte. Sollten die geplanten weiteren Forschungen die Datierung der römischen Lager bestätigen, „bedürften die Vorstellungen der Historiker, die die Germanenkriege des Caracalla nur im unmittelbaren Vorfeld des Limes verorten, einer Revision“, folgern die Wissenschaftler vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie. Damit würde auch ein anderer sensationeller Fund auf den Prüfstand geraten, der ab 2009 bei Hachelbich (Kyffhäuserkreis) (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article127830936/Antikes-Germanien-Roms-Legionen-fuehrten-auch-in-Thueringen-Krieg.html) in Thüringen gemacht wurde. Auch dort wurden Spuren eines römischen Marschlagers entdeckt, das allerdings nicht mit dem Feldzug Caracallas, sondern mit den Operationen des Maximinus Thrax in Verbindung gebracht wird. Nachdem mit Alexander Severus (reg. 222–235) der letzte Severer von aufgebrachten Soldaten getötet worden war, hatte Maximinus das bei Mogontiacum (Mainz) versammelte Heer offenbar tief nach Germanien geführt, den Harz in weitem Bogen umrundet und befand sich bereits auf dem Rückmarsch, als er von Germanen am Harzhorn angegriffen wurde (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article119550488/Archaeologie-Vergessener-Triumph-der-Roemer-ueber-die-Germanen.html) . Der Fund zahlreicher Pfeile, wie sie von orientalischen Schützen verwandt wurden, belegen dort den Einsatz dieser Elitetruppe, für die ein Einsatz unter kaiserlichem Kommando anzunehmen ist. Dafür spricht auch die Anwesenheit von Artillerie mit Torsionsgeschützen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article255814472/Praezision-und-Feuerkraft-Roms-Artillerie-erreichten-Frequenz-und-Durchschlagskraft-moderner-Feuerwaffen.html) , die zusammen mit den Bognern eine regelrechte „Todeszone“ entfalteten, in denen die germanischen Angriffe scheiterten. Die Entdeckungen in Sachsen-Anhalt und Thüringen bieten nun die Chance, die bisherige Deutung der römischen Germanienpolitik im 3. Jahrhundert einer Revision zu unterziehen. Denn nicht nur von Caracalla und Maximinus Thrax sind Feldzüge in diesem Raum überliefert, sondern auch von Gallienus (reg. 251–268), Postumus (260–269) und Probus (reg. 276–282). Dass die Römer auch Jahrhunderte nach der vernichtenden Niederlage des Statthalters Varus (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article242155481/Schlachtfeld-Kalkriese-Wo-Varus-und-seine-Legionaere-ihr-Leben-liessen.html) 9 n. Chr. gegen eine von Arminus geführte Koalition mit Heeren tief in Germanien aktiv waren, darf inzwischen als gesichert gelten. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.