Welt 27.12.2025
07:04 Uhr

Mit dem Mord an Heinrich IV. wollte er „seine Höllenpein lindern“


Unverschämt viel Glück hatte Heinrich IV. am 27. Dezember 1594: Ein geistesgestörter Attentäter griff Frankreichs König an, verletzte ihn aber nur leicht. Jean Châtel hatte ein ganz spezielles Motiv.

Mit dem Mord an Heinrich IV. wollte er „seine Höllenpein lindern“

Am 27. Dezember 1594 kehrte Frankreichs König Heinrich IV. von seinem Weihnachtsaufenthalt in der Picardie zurück in die Hauptstadt Paris. Schnurstracks begab er sich zu seiner Mätresse Gabrielle d’Estrées, die nahe des Louvre wohnte. Niemandem fiel auf, dass sich in das wie üblich stattliche Gefolge des Monarchen ein unbekannter junger Mann mischte. Ein Fehler, der schlimme Folgen hätte haben können. Zu jedem Attentat (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article68b8291446b61b4dcb0b7f57/william-mckinley-als-trumps-lieblingspraesident-ermordet-wurde.html) gehört, das zeigt die Auswertung von mehr als 2000 gegen einzelne, vorher bestimmte Zielpersonen gerichtete Angriffen, dreierlei: erstens ein zu allem entschlossener potenzieller Täter (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article122110914/Politische-Attentate-Mit-ein-paar-Gramm-Blei-die-Welt-veraendern.html) , zweitens die geeignete Waffe – und drittens eine Gelegenheit, nahe genug an das ausgewählte Ziel heranzukommen, um zuzuschlagen. Erfahrungsgemäß die geringste Hürde stellt das Tatmittel dar, zumal schon ein Küchenmesser reichen kann. Deutlich seltener sind Menschen, die sich aus welchen Motiven auch immer berechtigt fühlen, Gewalt anzuwenden. Die größte Schwierigkeit an (und umgekehrt damit: bester Schutz vor) Anschlägen ist die geeignete Situation für die Tat. Am 27. Dezember 1594, kamen die drei Voraussetzungen wieder einmal zusammen. In Gabrielles Haus, ob im Empfangsraum der Dame des Hauses oder einem anderen Zimmer, überliefern die Berichte unterschiedlich, nahm Heinrich wie üblich Huldigungen kniender Edelleute entgegen. Was dann geschah, beschrieb der Philosoph Voltaire 170 Jahre später in seiner „Geschichte des Parlaments von Paris“ mit spürbarem Interesse: „Der junge Mann näherte sich zwischen den Höflingen. Genau in dem Moment, als der König Monsieur de Montigny umarmte, sprang er auf ihn zu und zielte mit dem Messer auf das Herz. Doch der König hatte sich tief gebückt und fing den Schlag auf den Mund ab. Die Wucht war so groß, dass ihm ein Zahn ausgeschlagen wurde.“ Im sofort losbrechenden Tumult gelang es dem Angreifer beinahe zu entkommen; nach einer Version war es das verwundete Opfer selbst, das die Wachen auf den Angreifer aufmerksam machte, nach einer anderen der anwesende Hofnarr. Jedenfalls wurde der gescheiterte Möchtegernmörder festgenommen – und ließ dabei die blutige Klinge auf den Boden fallen. Es handelte sich um den knapp 20 Jahre alten Jean Châtel (in den zeitgenössischen Quellen meist Chastel geschrieben). Wie seinerzeit üblich wurde er ohne weitere Umstände erst einmal zusammengeschlagen – dabei ging es nicht um ein Geständnis, das er einerseits freimütig abgab und das andererseits angesichts seiner Festnahme unmittelbar nach der Tat am Tatort unnötig war. Vielmehr handelte es sich um ein Ritual, einen vorweggenommenen Teil der Strafe, die nur eine möglichst grausame Hinrichtung sein konnte. Derweil versorgte man schnell die Wunde des Königs, dessen erstes Anliegen war, sein Volk zu beruhigen: „Gott sei Dank ist es nicht so schlimm, dass ich mich deswegen heute früher ins Bett legen werde.“ So jedenfalls hieß es in einer noch am selben Tag als Flugblatt gedruckten Meldung über den Vorfall, in der jedoch der Ort des Attentats nicht genannt wurde. In den Abendmessen erklang in allen Kirchen das „Te Deum“ als Dank für das Überleben Heinrichs. Zur selben Zeit wurde Châtel bereits „peinlich verhört“ – mit glühenden Eisen, Peitschen oder ähnlichem Instrumentarium. Die Richter, die ihn während der Folter befragten, interessierten sich jedoch nicht für die Tat selbst, sondern wollten ihn zwingen zu bestätigen, was sie zu wissen glaubten: Die Societas Jesu, also der Jesuitenorden, sei Auftraggeber des Attentats gewesen. Die Rolle der Jesuiten Aus der Luft gegriffen war die Annahme nicht. Denn einerseits hatte Châtel, Sohn einer erzkatholischen Pariser Tuchhändlerfamilie, tatsächlich auf der Jesuitenschule Collège de Clermont Philosophie und die Freien Künste studiert, bevor er an die Sorbonne gewechselt war, um sich der Jurisprudenz zu widmen. Andererseits war bekannt, dass die Pariser Vertreter des 1540 gegründeten, bereits in vielen Ländern Europas aktiven Ordens den König Heinrich IV. ablehnten. Als Katholik geboren, aber als Calvinist aufgewachsen, hatte er zugunsten des französischen Throns seine Konfession ein weiteres Mal geändert: „Paris ist eine Messe wert“, lautete der geringschätzige Satz, den ihm andere Hugenotten als Begründung in den Mund gelegt hatten. Mehr allerdings hatten die Jesuiten mit dem Mordanschlag nicht zu tun. Doch galten sie aus verschiedenen Gründen als suspekt: In einer Zeit, in der die katholischen Hierarchien in den verschiedenen Reichen Europas mehr Landeskirchen waren als Teil einer Gemeinschaft unter Leitung des Papstes, galt die wirklich internationale Societas Jesu als verdächtig. Außerdem zweifelte der französische Hof zu Recht an der Loyalität der meist hochgebildeten Ordensleute. Schließlich galten sie, der Herkunft ihres Gründers Ignatius von Loyola wegen, als Unterstützer der spanischen Habsburger, mit denen Frankreich im Krieg lag. Erst wenige Monate vor dem gescheiterten Attentat vom 27. Dezember 1594 hatte die letzte Garnison spanischer Truppen die französische Hauptstadt verlassen. Weil die Richter Châtel für das Werkzeug einer jesuitischen Verschwörung hielten, ignorierten sie seine freiwilligen Aussagen weitgehend. Dabei schilderte der gescheiterte Mörder schlüssig, was ihn zu dem Attentat bewegt hatte. Im Buch „Die Furcht vor Gott“, dem Werk eines Benediktiners namens Poncet, hatte er über die furchtbaren Strafen gelesen, die Sündern in der Hölle drohten. Weil er aber ein überaus sündiges Leben führte, sich unter anderem zu seiner Schwester hingezogen fühlte und mit ihr vielleicht sogar eine inzestuöse Beziehung gehabt hatte, nahm die Angst vor dem Fegefeuer einen immer größeren Teil seines Denkens ein. In einer nur durch schwere Geistesstörung erklärbaren Logik kam Châtel zum Schluss, eine „große Tat“ vollbringen zu müssen, für die man ihn zum Tode verurteilen würde. Wenn ihm diese Tat gelänge, so glaubte der Attentäter, und wenn sie der Allgemeinheit „nützlich“ sein würde, dann könnte sie das Übermaß seiner Sünden reduzieren. Im Verhörprotokoll heißt es: „Hat ausgesagt, die Tat würde seine Höllenpein lindern, er sei sicher, Gott würde ihn härter bestrafen, wenn er das Attentat auf den König nicht begangen hätte, so aber erwarteten ihn mildere Strafen, weil er versucht habe, ihm sein Leben zu nehmen.“  Auf die Frage, wer ihn diese Logik gelehrt habe, antwortete der Häftling: „die Philosophie“. Trotz seiner Offenheit gingen die Folterungen weiter, und Châtel begann im Schmerz zu fabulieren, gewiss um den Qualen ein Ende zu bereiten. Im Protokoll wurde seine Aussage zusammengefasst: Als er einmal durch die Straßen von Paris gegangen sei, habe er Männer gesehen, „die ihre Messer zogen und ihm zeigten, wie man es macht“. Erkannt habe er sie nicht. Als er dann jedoch zum Abendgottesdienst ging, habe er „zwei als Spanier gekleidete Männer“ gesehen, die ihm folgten, außerdem einen „Edelmann zu Pferd“, der ihn ansah, als wolle er ihn anstacheln, das Attentat zu begehen. Als die Richter darauf bestanden, zu erfahren, ob Châtel mit den „Spaniern“ oder dem „Edelmann“  gesprochen habe und was sie zu ihm gesagt hätten, begnügte sich der Attentäter mit der Antwort: „Als er im Vorort spazieren ging, sah er dort einen Mann, der ein graues Wams und eine gleichfarbige Hose trug, so tat, als würde er einen Dolch ziehen und tanzte. Da war er überzeugt, dass er ihn anstachelte, den König zu töten.“ Einen direkten Auftrag Gottes, Heinrich IV. zu töten, reklamierte Jean Châtel dagegen für sich nicht – das unterschied ihn deutlich von vermeintlich religiös motivierten Attentätern wie Jacques Clément, der 1589 seinen Schwager Heinrich III. getötet hatte. Das Urteil des Gerichts Allerdings hätte das auch nichts geändert. Wegen Verbrechens gegen die weltliche wie gegen die göttliche Majestät, des schlimmsten überhaupt denkbaren Vergehens also, wurde der Attentäter zum Tode auf besonders grausame Art verurteilt: Die Hand, mit der er den Angriff auf den König geführt hatte, wurde ausgebrannt und die Wunde mit flüssigem Blei ausgegossen, bevor man den Delinquenten räderte und anschließend vierteilte. Seine Familie wurde auf neun Jahre aus Frankreich verbannt sowie auf alle Zeit aus Paris und Umgebung. Sein Elternhaus, pikanterweise in der Nähe des Gerichtshofes gelegen, wurde abgerissen; an seiner Stelle errichtete man eine Mahnsäule zur Erinnerung an seine Verbrechen. Soweit entsprach der Schuldspruch dem seinerzeitigen Recht. Dagegen verstieß der zweite Teil des Urteils gegen die meisten damals geltenden Regeln. Denn der Pariser Gerichtshof entschied auch, dass alle Angehörigen der Societas Jesu und ihre Schüler Frankreich binnen dreier Tage zu verlassen hätten. Wer sich zwei Wochen nach dem Spruch noch auf dem Boden des Königreichs befinde, werde wie Châtel wegen eines crimen laesae majestatis bestraft. Außerdem wurde allen Untertanen Heinrichs IV. verboten, ihre Söhne auf Jesuitenschulen außerhalb Frankreichs zu schicken. Binnen Tagen verließen 37 Jesuiten Paris, auch weitere Städte verwiesen die Ordensmitglieder. Bordeaux und Toulouse weigerten sich – und kamen damit durch. „Das Verfahren gegen die Jesuiten war gegen alles Recht. Man erhob keine Anklage, führte sie keinem Richter vor und erlaubte ihnen nicht, sich zu verteidigen“, schrieb der Historiker Roland Mousnier: „Es besteht kein Zweifel darüber, dass sie Châtels Mordpläne weder gekannt noch in direktem Zusammenhang mit ihnen gestanden haben.“ 1603 erlaubte Heinrich IV. den Jesuiten die Rückkehr, anstelle der Mahnsäule entstand zwei Jahre später ein Brunnen. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.