Welt 21.02.2026
07:12 Uhr

„Meine Haupterkenntnis war die Neupositionierung von Kanzler Merz“


Vor vier Jahren startete Russland die Angriffe auf die Ukraine – und noch immer wird nach einer Friedenslösung gesucht, zuletzt auch bei der Münchner Sicherheitskonferenz. Professorin Ursula Schröder, Direktorin des Hamburger Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik, warnt vor neuen Krisenszenarien.

„Meine Haupterkenntnis war die Neupositionierung von Kanzler Merz“

Die internationale Sicherheitsordnung befindet sich in einem historisch fragilen Zustand – und am Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH) mit Sitz am Schlump erleben die dort tätigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diese Entwicklung täglich aus nächster Nähe. Unter der Leitung von Professorin Ursula Schröder analysiert eines der renommiertesten sicherheitspolitischen Institute Europas die immer schneller aufeinanderprallenden Konflikte. Im Gespräch ordnet Schröder die Lage ein: Was die neue globale Konkurrenz um Einflussräume bedeutet, warum regionale Konflikte heute schneller weltpolitische Dynamik entwickeln – und weshalb Europa sicherheitspolitisch weit entschlossener handeln muss als bisher. WELT: Am vergangenen Wochenende fand die Münchner Sicherheitskonferenz statt – was nehmen Sie daraus mit? Prof. Ursula Schröder: Meine Haupterkenntnis war die Neupositionierung von Kanzler Friedrich Merz in seiner Eröffnungsrede: Er lieferte eine klare Beschreibung der tiefen Kluft zwischen Europa und den USA – und des Endes einer internationalen Ordnung, die auf Rechten und Regeln ruht. Als Konsequenz daraus resultiert die Einsicht, dass Europa seine Freiheit, Sicherheit und wirtschaftlichen Interessen stärker aus eigener Kraft sichern muss. WELT: Es müssen seit wenigstens vier Jahren, als die Ukraine von Russland angegriffen wurde, herausfordernde Zeiten für Sie und das von Ihnen geleitete Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik sein. Und die Zahl der Krisen steigt immer weiter. Wie gehen Sie damit um? Schröder: Ja, es sind herausfordernde Zeiten. Im sicherheitspolitischen Feld hat sich das Tempo und die Schlagzahl der Krisen und Vorfälle nochmal erhöht. In der Vergangenheit gab es immer wieder Atempausen: Gewaltkonflikte wurden zumindest vorübergehend stabilisiert oder es gab die Hoffnung auf ein nachhaltiges Ende der Gewalt, etwa durch umfassende Friedensverhandlungen. Das sehen wir heute deutlich seltener. Dazu kommt die tiefe Erschütterung der bisherigen internationalen Ordnung, die fortdauernde tiefe sicherheitspolitische Krise in Europa – und gleichzeitig die Klimakrise, die Risiken weiter verschärft. Diese Konstellation von Gefahren hat eine neue Qualität. WELT: Wenn etwa plötzlich Grönland etwas mit Venezuela zu tun hat, weil sie Teil einer US-Strategie werden, bei der die Einflussgebiete erweitert werden sollen. Schröder: Genau. Grönland können wir als ein sicherheitspolitisches Brennglas verstehen: hier verschränken sich Ressourcen- und Raumfragen mit Auseinandersetzungen um Macht und Einfluss. Das Ziel der USA, Grönland zu annektieren, wäre nicht nur völkerrechtswidrig, würde auch die transatlantische Sicherheitspartnerschaft innerhalb der Nato direkt aufs Spiel setzen. Der Konflikt mit den USA zeigt damit, wie schnell scheinbar periphere diplomatische Krisen existenziell werden können – auch für die Nato. WELT: Wenn die USA ihren „Hinterhof“ wieder stärker kontrollieren, strahlt das dann auf andere machtbewusste Staaten wie China oder Russland aus, die sagen: Das ist jetzt offenbar der freigegebene Weg? Schröder: Exakt das geschieht bereits. Die bisherige internationale Ordnung beruhte darauf, dass Staaten grundlegende Regeln einhalten: die Achtung staatlicher Souveränität, die Unverletzlichkeit von Grenzen und das Verbot von Angriffskriegen. Wenn ausgerechnet die stärkste Macht – die USA – diese Prinzipien missachtet, verlieren sie an Bindekraft. Andere Akteure beobachten die Erosion der US-geführten Nachkriegsordnung sehr genau – und wir sehen schon heute einen weltweiten Höchststand an Kriegen und gewaltsamen Konflikten. WELT: Oder dient es sogar als neue Begründung nach Innen – wir müssten das tun, um ein Gleichgewicht zu den USA herzustellen? Schröder: Es geht oft weniger um ein Gegengewicht zu den USA, sondern eher um unterschiedliche regionale Agenden: viele Konflikte – wie zum Beispiel Kriege in Subsahara‑Afrika oder Konflikte in Ostasien – haben ihre Ursachen direkt in der Region. Akteure setzen also in ihrem eigenen „Hinterhof“ durch, was sie ohnehin erreichen wollten. Das gilt auch für Russlands imperiale Ambitionen. Für eine regelbasierte internationale Ordnung ist das extrem gefährlich. Nicht zufällig hieß der diesjährige Bericht der Münchner Sicherheitskonferenz „Under Destruction“. WELT: Welche Folgen hat das für Länder, die nicht zu den großen Mächten gehören? Stärken solche Zeiten Kräfte in diesen Staaten, die an Destabilisierung interessiert sind, weil die eigenen „Stakeholder“ der Demokratie scheinbar an Einfluss verlieren? Schröder: Insgesamt steht heute die Überzeugungskraft des bisherigen Narrativs demokratischer Staaten – mit seinem Fokus auf individuelle Freiheiten, auf langfristig stabilen Wohlstand und auf Kooperation statt Machtpolitik – auf der Kippe. Viele glauben nicht mehr, dass Politik Verbesserungen bringt. Wenn aber das Vertrauen in den Staat erodiert, wird es gefährlich – für ­Demokratien ebenso wie für Nichtdemokratien. WELT: Sie forschen ja auch an Friedenslösungen und Bedingungen für diese. Gibt es überhaupt einen Weg zurück? Vertrauen ist bekanntlich schnell zerstört, aber schwer wieder aufzubauen. Schröder: Das ist eine Kernlehre aus dem aktuellen Konflikt zwischen den europäischen Staaten und den Trump-geführten USA: Vertrauen ist schnell zerstört – und nur mühsam wieder aufzubauen. Die Abschreckungsfähigkeit der Allianz beruht aber darauf, dass die USA im Ernstfall glaubwürdig an der Seite Europas stehen. Entscheidend ist dabei nicht nur, dass wir in Europa an diese Garantie glauben, sondern dass Moskau daran glaubt. Genau diese Glaubwürdigkeit wird durch die aktuellen Spannungen beschädigt – und sie wird nicht schnell zurückkehren, solange die Signale aus Washington sprunghaft bleiben. Aus russischer Perspektive ist das strategisch günstig. WELT: Was aber könnten Wegmarken für einen besseren Weg sein? Schröder: Mögliche Wege nach vorn können an bewährte Instrumente der Vertrauensbildung und Risikominimierung aus der Hochphase des Kalten Krieges anknüpfen. Im Kern geht es um nachvollziehbare Regeln und verlässliche Kommunikation: regelmäßiger Austausch über Streitkräfte und Stationierungen, Vorankündigungen und Beobachtung größerer Manöver, Inspektionen – damit die Gegenseite Handlungen richtig einordnet und Missverständnisse nicht eskalieren. Genau diese Mechanismen greifen derzeit kaum noch. Hinzu kommt: New START ist am 5. Februar 2026 ausgelaufen, der letzte große Rüstungskontrollvertrag zwischen den USA und Russland, der selbst in Zeiten hoher Spannungen Stabilität schaffen sollte. Ohne solche Leitplanken wird es eher noch gefährlicher als sicherer. WELT: Zur Ukraine: Wir sehen nach vier Jahren Krieg, dass Verhandlungen im Hintergrund laufen – und zugleich gibt es massive Angriffe auf Städte. Wie ordnen Sie diese Gleichzeitigkeit ein? Schröder: Das ist nicht ungewöhnlich: Verhandelt wird oft, während gleichzeitig weitergekämpft wird. Es gibt Shuttle-Diplomatie – etwa durch die USA oder andere Staaten – und Russland intensiviert parallel die Angriffe, um die eigene Position am Verhandlungstisch zu stärken und den Druck auf die ukrainische Bevölkerung zu erhöhen. Das zusätzliche Problem: Viele Friedensprozesse enden heute nicht in belastbaren Vereinbarungen, die dann auch umgesetzt werden. Stattdessen bleibt der Konflikt häufig in einem Schwebezustand. Für die Ukraine – und letztlich auch für uns – wäre das fatal. WELT: Militärisch gibt es aber kaum Geländegewinne, Russland konzentriert sich auf Städte und Infrastruktur. Schröder: Ja, das ist eine Zermürbungsstrategie: Der Druck auf die Bevölkerung soll steigen – und damit auch der politische Druck auf die ukrainische Führung. Kiew steht dabei im Zentrum, symbolisch wie praktisch. Völkerrechtlich ist die Linie klar: Angriffe dürfen sich nicht gegen Zivilisten richten, zivile Infrastruktur steht unter Schutz. Und wo Energieanlagen vor allem der Versorgung der Bevölkerung dienen, sind solche Angriffe nach humanitärem Völkerrecht unzulässig. WELT: Wie hat sich aus Ihrer Sicht die sicherheitspolitische Debatte in Deutschland zuletzt verändert nach fast einem Jahr der Merz-Kanzlerschaft? Schröder: Die Debatte ist etwas leiser geworden. Die nervöse Kommentierung jeder einzelnen Waffenlieferung in die Ukraine hat abgenommen – auch, weil der Kanzler die Devise ausgegeben hat, solche Fragen nicht öffentlich auszutragen. Das war sicher richtig. Über den Ukrainekrieg wird weiter berichtet, aber insgesamt gibt es weniger Aufmerksamkeit für das Thema. Mein Eindruck ist, dass viele Menschen müde sind – von den vielen Kriegen und von den schnell wechselnden Themen: Grönland, Iran, Ukraine, Gesamtverteidigung – die Liste wird ja gefühlt täglich länger. WELT: Die Hoffnung beruht seit Jahren auf einer europäischen Sicherheitsarchitektur: Sehen Sie hier Fortschritte? Schröder: Zumindest gibt es eine deutlich spürbare Sensibilisierung für die Notwendigkeit europäischer strategischer Souveränität. Europa muss sicherheitspolitisch handlungsfähiger werden – das ist inzwischen weitgehend Konsens. Es gibt auch tatsächlich Bewegung, etwa bei der gemeinsamen Beschaffung und Finanzierung. Der große Wurf fehlt aber noch, weil Sicherheit weiterhin vor allem im NATO-Rahmen gedacht wird. Ich erwarte dennoch, dass Europa Schritt für Schritt eigenständiger werden wird – militärisch wie politisch. WELT: Beim Grönland‑Konflikt trat Europa bemerkenswert geschlossen auf. Schröder: Das stimmt. Die Europäer haben sehr schnell deutlich gemacht: Bis hierhin und nicht weiter. Ein Angriff auf Grönland – auch durch einen Nato-Partner – wäre ein Angriff auf Europa. Problematisch war dann der anschließende „Grönland-Deal“, den Trump und Nato-Generalsekretär Rutte ausgehandelt haben, ohne ihn offenzulegen. Die grönländische Seite war nicht beteiligt und wusste hinterher nicht, was über ihr Land vereinbart wurde. So entsteht kein Vertrauen. WELT: Sie beschäftigen sich selbst auch mit dem Thema Resilienz, also der Widerstandsfähigkeit einer Gesellschaft in unterschiedlichen Sphären. Ist das Thema in der Bevölkerung präsenter geworden? Schröder: Bislang nicht in dem Maß, wie es nötig wäre. Die Erwartung der Bundesregierung, dass die Bevölkerung sich in Krisenlagen zumindest für eine gewisse Zeit selbst versorgen und schützen kann, wird zwar unter anderem über Ratgeber kommuniziert – erreicht aber noch nicht genügend Menschen. Szenarien wie lang anhaltende Stromausfälle, wie zuletzt in Berlin, zeigen, dass wir als Gesellschaft insgesamt noch nicht gut auf Störungen kritischer Infrastrukturen vorbereitet sind. Besonders deutlich wird das beim Schutz vulnerabler Gruppen. WELT: Die Bundesregierung würde an dieser Stelle vermutlich auf finanzierte Katastrophenschutz-Kurse verweisen, die von Unternehmen und Bürgern gebucht werden können. Schröder: Klar, solche Kurse sind sinnvoll – es wissen aber zu wenige Menschen, dass es sie gibt. Gleichzeitig gibt es ein weiteres Problem: Die Zuständigkeiten für den Bevölkerungsschutz bei uns sind sehr kompliziert organisiert und zwischen Kommunen, Ländern und der Bundesebene aufgeteilt. Und viele Aufgaben landen am Ende bei den Kommunen. Die Kommunen haben aber oft weder die Mittel noch die Kapazitäten, um dauerhafte, kreisübergreifende Krisen zu bewältigen. Für komplexe Lagen – etwa Extremwetter oder hybride Bedrohungen – müssen sie deutlich besser ausgestattet und unterstützt werden. WELT: Spiegelt sich die von Ihnen erwähnte Müdigkeit in Ihren Veranstaltungen wider, zu der ja auch viele Normalbürger kommen?  Schröder: Ja, wir sehen Krisenmüdigkeit und Sorgen – und gleichzeitig ein Bedürfnis nach Orientierung: Was heißt das alles konkret für mich? Besonders bei Jüngeren ist das Thema Wehrpflicht sehr präsent, das erleben wir an Schulen. Daneben auch: Bin ich persönlich bedroht? Und: Was kann ich selbst tun, um mich zu engagieren? WELT: Wie reagieren denn die Jugendlichen, die Sie treffen, auf die Wehrpflichtdebatte? Schröder: Sehr unterschiedlich. Ich erlebe Jugendliche, die ganz bewusst zur Bundeswehr wollen, und andere, die dagegen protestieren und mobilisieren – auch weil viele das Gefühl haben, die Debatte werde über ihre Köpfe hinweg geführt. Insgesamt sehe ich aber viel Engagement und Verantwortungsbereitschaft. Gleichzeitig wird die verständliche Frage aufgeworfen: Soll unsere Generation das jetzt auch noch schultern – nach der Finanzkrise, der Pandemie und mitten in der Klimakrise? WELT: Kommen die Leute mit der Hoffnung zu Ihnen, es möge bald ruhiger werden – etwa durch einen Regierungswechsel in den USA? Schröder: Eher nicht – und das wäre auch sehr optimistisch. Denn die großen Trends sprechen gegen eine Verbesserung der sicherheitspolitischen Situation. Weltweit gibt es heute sehr viele Kriege und Gewaltkonflikte – auch wieder mehr zwischenstaatliche Kriege – mit hohen Opferzahlen. Gleichzeitig verschärft der Klimawandel unterschiedliche Risiken zusätzlich und wird in Zukunft eine immer größere Rolle spielen. Und selbst ein Regierungswechsel würde die außenpolitische Grundausrichtung in den USA kaum vollständig drehen: Die veränderten strategischen Prioritäten und auch die globalen Machtverschiebungen sind tieferliegend. Wir müssen uns eher auf härtere Jahre einstellen – und in Europa selbst mehr tun, um gegenzusteuern. Prof. Dr. Ursula Schröder ist seit 2017 Wissenschaftliche Direktorin des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH) sowie Professorin für Politikwissenschaft. Zuvor lehrte sie als Professorin für internationale Sicherheitspolitik am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Ihre Forschung konzentriert sich auf Friedens- und Sicherheitsordnungen in Zeiten multipler globaler Krisen, darunter Fragen des demokratischen Sicherheitsversprechens, der Klima-Sicherheits-Dynamiken, internationalen Staatsaufbaus, Sicherheitssektorreformen sowie der europäischen Sicherheitsarchitektur. Schröder ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Hamburg und engagiert sich in zahlreichen wissenschaftlichen Beiräten und Kuratorien.