Es war die Rolle seines Lebens, im doppelten Sinne – und tragischerweise. Als Harald Juhnke 1995 die Hauptrolle in der TV-Verfilmung von Hans Falladas Roman „Der Trinker“ übernahm, mutmaßten viele, Juhnke werde einfach nur sich selbst spielen. Denn der damals 66-Jährige hatte seit Jahrzehnten durch seine Alkoholexzesse Schlagzeilen gemacht. Zwar betonte Juhnke, er identifiziere sich zwar stark mit dem Hauptcharakter, spiele sich in dem Film aber mitnichten selbst und habe die Figur des Trinkers Erwin Sommer mühsam mit Regisseur Tom Toelle erarbeitet. Aber dennoch stand außer Frage, dass dieses Projekt für Juhnke sehr persönlich war. Und sehr gefährlich: Als dem Entertainer und Schauspieler die Rolle angeboten wurde, an der er zuvor schon seit geraumer Zeit Interesse bekundet hatte, lehnte er auf den Rat seines Arztes zunächst ab. Zu groß war die Sorge, die intensive Arbeit an dem Film könnte zu einem Rückfall Juhnkes führen. Doch dann starb der Therapeut des Alkoholikers überraschend, und wenig später entschied Juhnke, die Rolle doch zu übernehmen. Als Vorsichtsmaßnahmen wurde sichergestellt, dass Juhnke nach jedem Drehtag direkt nach Hause gebracht wurde, um sicherzustellen, dass er nicht der Versuchung erlegen würde, einen Abstecher in einer Kneipe zu machen. Auch war Produzent Harald Müller bei den Arbeiten stets anwesend und hatte ein wachsames Auge auf Juhnkes Verhalten. Doch das erwies sich als nicht ausreichend; es kam, wie es wohl kommen musste: Zwar hatte der Film bei seiner Premiere am 6. Dezember 1995 in der ARD eine hohe Einschaltquote und wurde von der Kritik sehr gelobt. Juhnke erhielt für seine Leistung mehrere Auszeichnungen. Aber „der Preis war, dass ich nach den verführerischen Trockenübungen am Drehort zu Hause wieder zur ‚richtigen‘ Flasche griff“, schrieb er später in seiner Autobiografie „Meine sieben Leben“. Er trank nun so viel, dass er in der Klinik landete und beinahe gestorben wäre. Einmal mehr wurde in der Presse viel davon berichtet, einmal mehr war Juhnke „der Säufer der Nation“. Wie schon seit so vielen Jahren. Seit jeher hatten sich bei seiner Karriere große Erfolge und schlimme Abstürze die Waage gehalten. Der gebürtige Berliner (Jahrgang 1929) trat 1948 erstmals im Theater auf, es folgten diverse Engagements und Tourneen. In den 1950er- und 60er-Jahren kamen Filmrollen hinzu; wie auch beim Theater bevorzugte er hierbei zunächst leichte, unterhaltsame Stoffe. Ab den 1970ern wurde er durch das Fernsehen einem Millionenpublikum bekannt. In der Sketch-Reihe „Ein verrücktes Paar“ (1977-1980) schuf er mit Grit Boettcher einen Klassiker deutscher TV-Comedy (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article252126186/Comedy-Boom-der-1990er-Hurz-Als-Kerkeling-Lueck-und-Nontschew-die-Deutschen-bespassten.html) , später legte er mit Eddi Arent in der Sketch-Reihe „Harald und Eddi“ (1987-1989) nach. Ab 1979 trat er die Nachfolge von Peter Frankenfeld als Moderator der Samstagabendshow „Musik ist Trumpf“ an, die hohe Einschaltquoten erzielte, ein echter „ Straßenfeger (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article249565702/EWG-in-der-ARD-Mit-Einer-wird-gewinnen-wurde-Kuli-zum-Koenig-des-Samstagabends.html) “ war. Aber schon 1981 war Schluss mit „Musik ist Trumpf“: Nachdem Juhnke nach der Show-Probe volltrunken an einer Hotelbar zusammengebrochen war, ärztlich versorgt werden musste und für die Show am Folgetag nicht zur Verfügung stand, trennte sich das ZDF von ihm. Auch diverse andere Engagements endeten vorzeitig oder gingen Juhnke wegen seiner Alkoholexzesse ganz durch die Lappen. Etwa die Hauptrolle in der Familienserie „Ich heirate eine Familie“ (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article68ff542543484db51ab15f70/fernsehen-ich-heirate-eine-familie-der-tv-klassiker-der-herzen-gewann.html) (1983-1986), für die er im Gespräch war. Die Macher entschieden sich gegen ihn, weil sie Zweifel hatten, dass er durchhalten würde. Daher übernahm Regisseur Peter Weck selbst die Hauptrolle. Doch Juhnke rappelte sich immer wieder auf, war monatelang trocken und landete dann wieder große Erfolge. Das war einer der Gründe, warum die Öffentlichkeit und auch er selbst sein Alkoholproblem oft verharmlosend wahrnahmen und kommentierten. Oft machte er joviale Sprüche über seine Trunksucht, berühmt und vielzitiert wurde etwa sein Ausspruch: „Meine Definition von Glück? Keine Termine und leicht einen sitzen“. Selbst Meldungen über Pöbeleien und Handgreiflichkeiten des Vollalkoholisierten konnten das Publikum nie lange verprellen. Als Sänger eiferte er einem seiner Vorbilder nach, dem (ebenfalls recht trinkfesten) Frank Sinatra. So sang er mit „Berlin, Berlin“ etwa eine deutsche Version von „New York, New York“. Auch Juhnkes Lied „Barfuß oder Lackschuh“ wurde ein Evergreen, in dem er seinen Lebenswandel wie folgt beschrieb: „Barfuß oder Lackschuh, alles oder nichts. Leg‘ ich mir nen Frack zu, oder komm‘ ich vor Gericht? Barfuß oder Lackschuh, so geht es bei mir zu, nie die goldne Mitte, immer volles Risiko“. Neben seiner Rolle als „Der Trinker“ bewies Juhnke auch in anderen Spätwerken, dass er nicht nur Boulevard, sondern auch das ernste Fach beherrschte. Etwa als „Der Hauptmann von Köpenick“ im Jahr 1997. Das Ende war trostlos: Seit Anfang des neuen Jahrtausends lebte Juhnke, durch all die Alkoholexzesse dement geworden, in einem Pflegeheim im Berliner Umland. 2005 starb er im Alter von 75 Jahren. Im Herbst 2025 bekam der bis heute unvergessene Entertainer und Schauspieler in Berlin-Charlottenburg eine besondere Ehrung: An der Kreuzung Kurfürstendamm, Grolmanstraße und Uhlandstraße befindet sich seither der Harald-Juhnke-Platz. Für WELTGeschichte blickt Martin Klemrath (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/martin-klemrath/) neben klassischen historischen Themen auch regelmäßig auf popkulturelle Phänomene vergangener Jahrzehnte zurück. Darunter deutsche Fernsehklassiker (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article246700546/TV-Televoting-Lichttest-und-Ted-Als-das-Fernsehen-interaktiv-wurde.html) und ihre Protagonisten (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article250672302/Fernsehen-Mit-diesem-Fragespiel-fuer-Schnelldenker-begeisterte-Hans-Rosenthal-die-ganze-Familie.html) .