Welt 07.03.2026
07:19 Uhr

„Meine Bilder erregen Anstoß“


Zum 100. Geburtstag des Hamburger Malers Harald Duwe (1926 – 1984) zeigt das Kunstzentrum Parabel in Ohlsdorf die Retrospektive „Vivre en liberté“ – mit Werken aus dem Nachlass und eine ganze Reihe privater Leihgaben.

„Meine Bilder erregen Anstoß“

Leichen und Sterbende treiben in der Kieler Förde, offenbar hat sich hier eine Umweltkatastrophe ereignet. Einen Hinweis darauf hat der Hamburger Maler Harald Duwe (1926 – 1984) in sein apokalyptisches Bild „Fördeszene mit Rettungsringen“ eingebaut: Das Wort „Bravo“ auf einem der Gummireifen, an die sich die bleichen Halbtoten klammern. Auf der Offshore-Bohrinsel „Ekofisk Bravo“ vor Norwegen kam es im April 1977 zu einem Unglück, bei dem sich durch unkontrolliertes Ausströmen von 23.000 Tonnen Öl und Gas ein riesiger Ölteppich im Meer ausbreitete. Duwe versetzt den Super-GAU von der Nord- in die Ostsee, lässt die Menschen im Bild unmittelbar ausbaden, was sie der Umwelt angetan haben. Ungeschönter Blick auf die Gesellschaft Der norddeutsche Realist griff in seinem Werk gesellschaftspolitische Themen in drastischer, ungeschönter Weise auf. „Im Duwe-Nachlass werden viele Zeitprobleme angesprochen, die es heute noch genauso gibt“, sagt Maike Bruhns, künstlerische Leiterin des Kunstzentrums Parabel in Ohlsdorf. Dort ist jetzt zum 100. Geburtstag des Malers und Grafikers die Retrospektive „Vivre en liberté“ zu sehen. Bruhns hat die Schau zusammen mit Johannes Duwe eingerichtet, dem Sohn des Künstlers, der mit seinen Geschwistern Katharina und Tobias Duwe den väterlichen Nachlass verwaltet; alle drei sind ebenfalls als Maler erfolgreich. Die Auswahl, ergänzt um Werke aus der Kunststiftung Bruhns und weitere private Leihgaben, stellt Duwes Œuvre aus 34 Schaffensjahren vor und zeigt, dass sein Fokus auf dem Figurenbild lag. Die Menschen, die seine Gemälde und Grafiken bevölkern, sind feiste Mitglieder der Wohlstandsgesellschaft der 1960er- bis 1980er-Jahre, fördern das Industriewachstum, richten dabei den Planeten zugrunde, produzieren massenhaft Müll, huldigen dem Konsum und gehen – zum Ausgleich – demonstrieren. So greift eine Reihe von Bildern die deutsche Demonstrationsbewegung der Nachkriegsjahrzehnte auf, für den Frieden, gegen den Vietnamkrieg, gegen den Nato-Doppelbeschluss, gegen den Weiterbau des Kernkraftwerkes Brokdorf. „Er hat Parteilichkeit vermieden“ Auf Duwes Bildern gibt es friedliche Demonstranten und solche, die Pflastersteine als Wurfgeschosse sammeln; er malt Kämpfe mit der Polizei aus und zeigt Trupps von behelmten, hinter Schilden verschanzten Einsatzkräften, die mit Knüppeln gegen die Protestierenden vorgehen. Der Künstler nahm an den Demos nicht als Mitkämpfer teil, sah sich als distanzierter Beobachter. „Er hat sich immer zurückgehalten, hat Parteilichkeit vermieden“, sagt der Sohn über den Vater. Duwes Beitrag zur Geschichte war die Kunst, die historische Momente ebenso offenlegt wie beredte Alltagsbegebenheiten. Trügerische Idyllen, schöner Schein, ironische Brechungen machen viele Bilder aus. Duwes Personal verursacht Unbehagen: Das füllige, ältliche Paar in Badekleidung, das stolz vor einem Wohnwagen posiert, der Junge, der sich am Strand in einem Haufen Müll aalt („Ein Platz an der Sonne“) oder der Jogger, der ignorant über einen Bettler am Boden hinweg spurtet. „Es ist meine Absicht, Situationen zu malen, in denen der Prozess der Entfremdung und Selbstentfremdung sinnlich fassbar wird“, erklärte Harald Duwe 1981 in einer Rede: „Ich will Widerstände und Widersprüche unserer Zeit sichtbar machen, die das Leben der Menschen prägen, ihre Entfaltung hemmen, sie verformen, aushöhlen, abstumpfen und brutalisieren.“ Fette, dekadente Kinderfiguren Die Verhältnisse der Ära des Kalten Krieges wirken sich auch auf die jüngsten Bürger aus: Die von Duwe entworfenen Kinderfiguren sind durch die Macht des Konsums fett und dekadent geworden, sie sind niemals niedlich, stattdessen gierig, selbstbezogen, streitlustig. Da prügeln sich zwei Geschwister um zermatschte Tortenstücke, da stopfen andere Kinder Schoko-Osterhasen in sich hinein, als gäbe es kein Morgen, da demontiert ein grinsendes Mädchen ein Kruzifix, bricht dem leidenden Heiland mit sichtlicher Wonne die Arme. Auf dem Gemälde „Weihnachten, Kinder mit Geißler“ von 1984 haben die Kids ihre Geschenke schon aufgerissen, spielen Trompete und machen Kaugummiblasen. Derweil wird der Bildschirm des prominent platzierten Fernsehgeräts ganz vom Gesicht des damaligen Familienministers Heiner Geißler (CDU) ausgefüllt, der eine Steigerung der Geburtenrate forderte und gegen Abtreibung wetterte. Harald Duwe stammte aus dem Hamburger Arbeiterstadtteil Rothenburgsort. Nach einer Lithografen-Lehre von 1942 bis 1945, die durch den Einzug zum Reichsarbeitsdienst, die Verpflichtung als Luftwaffensoldat, eine Pilotenausbildung und zwei Monate in amerikanischer Kriegsgefangenschaft unterbrochen wurde, studierte Duwe an der Landeskunstschule Hamburg (heute HFBK) bei Willem Grimm und Erich Hartmann. Im Würgegriff der Verhältnisse Neben seiner freischaffenden künstlerischen Arbeit unterrichtete er räumliches Darstellen an der Ingenieurschule für Fahrzeugtechnik in Hamburg, wurde 1975 als Dozent für Freie Kunst und Malerei an die Kieler Muthesius-Fachhochschule für Gestaltung berufen und 1977 zum Professor ernannt. Mit seinem „intelligenten Realismus“ habe sich der Maler „als verlängerter Arm des 19. Jahrhunderts“ bezeichnet, sagt Johannes Duwe. Gustave Courbet und Wilhelm Leibl waren seine Vorbilder, zudem orientierte er sich an Künstlern der 1920er-Jahre wie George Grosz, Otto Dix und Max Beckmann. „Meine Bilder erregen Anstoß und möglicherweise Erschrecken. Diese Provokation des Betrachters ist beabsichtigt“, so Duwe in seiner Rede. Sich selbst zeigt der Künstler unter anderem „im Würgegriff“, mit verzerrtem Gesicht, während eine Hand seine Kehle zudrückt. Etwas entspannter stellte er sich auf einem Selbstbildnis von 1972 dar: Bis zum unförmigen Bauch steht der Maler in der Ostsee, seine nackte Haut ist aschfahl, sein Blick wirkt skeptisch, als zweifle er daran, dass der aufgepumpte Autoschlauch, den er mit links umklammert, ihn zur Not wirklich über Wasser halten wird. Parabel: „Vivre en liberté. Harald Duwe zum 100. Geburtstag“, bis 17. Mai