Welt 06.03.2026
07:21 Uhr

Mehrfach feuerte die US-Küstenwache, dann versank das japanische Geisterschiff


Millionen Tonnen von Trümmern, welche die riesigen Wellen bei der Tsunami-Katastrophe im März 2011 in Japan ins Meer gerissen hatten, trieben jahrelang im Pazifik. Vieles landete an den Küsten von Hawaii und Alaska. Darunter Geisterschiffe wie die „Ryou-un Maru“.

Mehrfach feuerte die US-Küstenwache, dann versank das japanische Geisterschiff

Am Ende machte die US-Küstenwache kurzen Prozess mit dem Eindringling: Im Golf von Alaska feuerte das Wachschiff „Anancapa“ mit einer Kanone eine Salve auf die 50 Meter lange „Ryou-un Maru“. Das japanische Schiff geriet zunächst in Brand, nahm dann Wasser auf und bekam schließlich Schlagseite. Es sank aber erst nach einer zweiten Salve mit größerem Kaliber mehrere Stunden nach den ersten Schüssen. Was nach einer martialischen Episode aus dem Zweiten Weltkrieg klingt, ereignete sich tatsächlich am 5. April 2012. Und es handelte sich bei der „Ryou-un Maru“ nicht etwa um ein Kriegsschiff, sondern um ein Kalmarfischerboot, das ohne Besatzung ein Jahr lang über den Pazifischen Ozean getrieben war. Der Grund dafür, dass das Boot diese weite Reise als „ Geisterschiff (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article254919440/Geisterschiff-Unweit-der-Azoren-trieb-die-Mary-Celeste-an-Bord-keine-Menschenseele.html) “ absolviert hatte, war eine der verheerendsten Naturkatastrophen in der Geschichte Japans: das Seebeben vom 11. März 2011 (verlinkt auf https://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article12770398/Erdbeben-Zehn-Meter-hohe-Tsunamiwelle-ueberflutet-Japan.html) mit einer Stärke von 9,1 vor der Sanriku-Küste, das den größten in der japanischen Geschichte bekannten Tsunami ausgelöst hatte. Es gab tausende Tote und Verletzte, hunderttausende Gebäude wurden vernichtet, ganze Landstriche verwüstet. Die Tsunami-Wellen trafen auch das küstennahe Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi, in dem es durch die Beschädigungen zu Kernschmelzen kam. Große Mengen an radioaktivem Material wurden freigesetzt, zehntausende Einwohner mussten aus der Umgebung dauerhaft evakuiert werden. Radioaktive Partikel gelangten dabei in die Atmosphäre und kontaminiertes Wasser ins Meer. Diese „Dreifachkatastrophe“ aus Beben, Tsunami und atomarem Super-GAU hatte einschneidende, langfristige Folgen nicht nur in Japan und seiner direkten Umgebung, sondern weltweit. So kam es kurz nach dem Fukushima-Störfall zu einer hektischen, geradezu panischen Wende in der deutschen Energiepolitik, und Bundeskanzlerin Angela Merkel verkündete den Ausstieg aus der Atomenergie. Zeitgleich trieb im Pazifik eine enorme Menge von Tsunami-Hinterlassenschaften immer weiter von Japan weg: Millionen Tonnen von Trümmern, welche die riesigen Wellen ins Meer gerissen hatten. Mehrere immer weiter zerstreute Trümmerteppiche entstanden, bestehend aus kleinen und großen Gegenständen; auch Teile von Hafenanlagen und ganze Häuser wurden gesichtet. Vieles versank, anderes wurde weite Strecken fortgetrieben und landete, je nach Strömung, schließlich an den Küsten von Hawaii und Alaska. Darunter Geisterschiffe wie die „Ryou-un Maru“. Sie sollte 2011 eigentlich auf der Insel Hokkaido verschrottet werden und geriet daher nach dem Beben ohne Besatzung und Fracht ins Meer. Ende März 2012 wurde das ramponierte, aber immer noch aufrecht schwimmende Boot vor Alaska geortet. Die kanadische Besatzung des 20 Meter langen Fischerboots „Bernice C“ reklamierte die Bergungsrechte der „Ryou-un Maru“ für sich, und die Küstenwache gab ihr Zeit, das deutlich größere Schiff in Schlepp zu nehmen. Der „Bernice C“ gelang dies jedoch nicht. Ob und wie viel Diesel da noch in den Tanks des Geisterschiffs lagerte, war nicht bekannt. Die US-Behörden kamen aber zu dem Schluss, dass ein Versenken des unbeleuchtet treibenden Schiffs für den Schiffsverkehr und die Umwelt die kleinere Gefahr darstellte. Danach wurde der „Anancapa“ der Feuerbefehl erteilt. Auch in den Jahren danach riss der Zustrom von Tsunami-Trümmern nicht ab. Ganze Müllberge türmten sich bald an der Küste Alaskas, dem US-Bundesstaat mit den längsten Küsten. 2015 gab es dort eine bis dato beispiellose Großaktion (verlinkt auf https://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article143979847/Gefaehrliches-Strandgut-Alaska-rueckt-dem-Tsunami-Muell-zu-Leibe.html) , bei der eine Millionensumme in die Hand genommen wurde, um vermüllte Strände zu reinigen. Und nicht nur totes Material, sondern auch zahllose Lebewesen kamen dort aus Japan an. 2017 beschrieben Forscher dies im Fachblatt „Science“ (verlinkt auf https://www.science.org/doi/10.1126/science.aao1498) : Das Team um James Carlton vom Williams College begann 2012 damit, an der Pazifikküste Nordamerikas und den Küsten Hawaiis Bruchstücke und Wrackteile zu untersuchen, die von Japan aus angeschwemmt worden waren. Bis zur US-Küste hatten sie eine Reise von mindestens 7000 Kilometern auf offener See zurückgelegt. Bis zum Jahr 2017 analysierten die Forscher insgesamt 634 Objekte und die darauf mitgereisten Tierarten. Sie fanden mindestens 289 Arten, welche die teils jahrelange Reise lebend überstanden hatten. Darunter waren Fische, Muscheln, Schnecken, Würmer, Krebse und Algen. Die Funde belegten, wie widerstandsfähig einige Arten seien, sagte John Chapman, einer der beteiligten Wissenschaftler von der Oregon State University. „Als wir das erste Mal Arten aus Japan sahen, waren wir schockiert. Wir hätten nie gedacht, dass sie so lange leben, unter diesen rauen Bedingungen.“ Nicht wenige der reisenden Populationen hatten sich unterwegs vermehrt. Zu den Themenschwerpunkten von Martin Klemrath (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/martin-klemrath/) bei WELTGeschichte zählen Technikgeschichte, Zeitgeschichte, Kulturgeschichte und die Geschichte der USA.