Der Sendungstitel bringt die Kernfrage bereits auf den Punkt: „Mehr schuften – Wohlstand retten?“, fragt Maybrit Illner ihre Gäste am Donnerstagabend: Kanzleramtsminister Thorsten Frei (CDU), Grünen-Fraktionsvorsitzende Katharina Dröge, DGB-Chefin Yasmin Fahimi, den Ökonomen Michael Hüther, den selbstständigen Bäckermeister Matthias Grenzer und den Journalisten Robin Alexander. Gleich zu Beginn wendet sich Illner an Frei und fragt ihn nach den meistdiskutierten politischen Vorschlägen in Deuschland in dieser und der vergangenen Woche: die Privatisierung der Zahnarztkosten oder die Einschränkung des Rechts auf Teilzeit. CDU-Politiker Thorsten Frei zu und fragt ihn, was er denkt: Welche Vorschläge denn überleben werden, die vom CDU-Wirtschaftsrat vorgeschlagene Privatzahlung der Zahnkosten (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article697f16cefa531953d5217c4c/streichung-von-ausgaben-cdu-wirtschaftsrat-will-buerger-den-zahnarztbesuch-selbst-zahlen-lassen.html) oder die von der Mittelstandsunion MIT empfohlene Einschränkung des Rechts auf Teilzeit (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article69756a7bf5499fb954b64d16/fuehrt-in-die-sackgasse-cdu-fluegel-will-recht-auf-teilzeit-abschaffen-widerstand-von-spd-und-eigener-partei.html) ? „Bei der Teilzeit muss man einfach sagen, wir sind nicht diejenigen, die anderen Menschen vorschreiben wollen, wie viel und wie sie zu leben und zu arbeiten haben“, betont Frei und verweist auf die hohe Beschäftigungsquote in Deutschland, die auch durch viele Teilzeitstellen zustande komme. Im Hinblick auf die Zahnkosten sagt Frei, dass die Zahngesundheit ganz viel mit Prophylaxe zu tun hat und dass dies für die Gesundheit und damit auch für die Krankenversicherung sicher das Beste sei. Damit hat der Kanzleramtschef beide Vorschläge vor dem anstehenden CDU-Bundesparteitag Ende Februar öffentlich abgeräumt. Auch die MIT selbst rückte bereits von ihrem eigenen Vorschlag ab und bedauerte die Wortwahl „Lifestyle“-Teilzeit. „Es ist ja nicht so, dass viele Menschen in diesem Land so viel Zeit haben, im Golfklub zu sitzen und zu chillen.“ Illner spricht dann Dröge an und thematisiert die Empörung der Grünen über die Aussagen des Kanzlers, der ebenfalls angemahnt hatte, mehr Vollzeit statt Teilzeit zu arbeiten. Sie fragt, ob Dröge einerseits die Kritik als berechtigt ansieht, oder vielleicht insgeheim denkt, dass weniger Teilzeitjobs der Wirtschaft nützen würden? Dröge argumentiert, dass die Teilzeit eine absolute Erfolgsgeschichte gewesen sei, da sie für mehr Erwerbstätigkeit von Frauen gesorgt habe. Zu 80 Prozent seien es Frauen, die Teilzeit arbeiteten. „Was die CDU jetzt Lifestyle genannt hat, ist eine absolute Unverschämtheit für die Lebensrealität von Frauen.“ Frauen in Deutschland hätten zwei Jobs, „der eine, der bezahlt wird, und der andere, der unbezahlt ist“, sagte Dröge. Und wurde polemisch. „Es sei ja nicht so, dass viele Menschen in diesem Land so viel Zeit haben, im Golfclub zu sitzen und zu chillen“, um sich zu überlegen, ob sie Arbeitszeiten reduzieren könnten. Frei widerspricht Dröge, dass die CDU gegen eine Gleichberechtigung sei mit dem Verweis, dass Frau Dröge sich in der Debatte das immer heraussuche, was sie gerne hätte, und dies „typisch Grüne“ sei. Es sei ein Merkmal von deren Politik, „dass Sie anderen sagen möchten, wie sie ihr Leben zu führen haben.“ „Sind wir denn faul?“, fragt Maybrit Illner „Wenn es der Wirtschaft schlecht geht, greift man gerne zu dem Mittel, zu sagen, die Bürger sind zu faul“, meldet sich Maybrit Illner zu Wort: Sie fragt den Ökonomen Michael Hüther: „Sind wir denn faul?“ „Nein“, bekräftigt Hüther „das ist doch gar nicht die Notwendigkeit zu sagen, irgendwer ist faul.“ Aber wir müssen „über die Erhöhung des Arbeitsvolumens nachdenken“ und „dazu gehört auch eine Dynamisierung des Rentenzugangsalters nach Lebenserwartung“, sagt Hüther. „Definitiv mehr Netto vom Brutto“, fordert ein Bäckermeister Ein Höhepunkt in der Sendung war das Gespräch mit Matthias Grenzer, einem selbstständigen Bäckermeister aus Rostock, der für die Sendung eingeladen wurde, um einen Blick aus der Praxis abgeben zu können. Illner fragt den Bäckermeister, ob er sich wünschen würde, dass mehr gearbeitet wird? Grenzer sagte, dass Menschen zwar mehr arbeiten könnten, aber selbst entscheiden müssten, ob sie das wollen. Ob Teilzeit oder Vollzeit gearbeitet wird, liege in der persönlichen Verantwortung. Entscheidend seien jedoch die Rahmenbedingungen. Was Bäckermeister Grenzer fordert, ist etwas anderes: „Definitiv mehr Netto vom Brutto. Das wird schon so lange diskutiert und es muss wirklich was ankommen bei der arbeitenden Bevölkerung.“ Ihm stoßen auch die umfassenden Sozialleistungen sauer auf. „Wenn jemand Teilzeit arbeitet und er bezieht trotzdem immer noch was aus den Sozialkassen, dann darf das nicht sein“, sagt Grenzer – und schieb die Vorraussetzung nach, dass der Betroffene in Teilzeit problemlos auch Vollzeit arbeiten könnte. Dröge kritisiert angebliche „Arbeitsverbote für Geflüchtete in Deutschland“ In weiteren Verlauf einer lebendigen Diskussion fragt die Moderatorin dann, was der Arbeitsmarkt tatsächlich für einen Impuls benötige. Dröge betont, dass viele Menschen länger arbeiten könnten, wenn die Arbeitsbedingungen besser wären. Nur 40 Prozent der Erwerbstätigen erreichten das gesetzliche Renteneintrittsalter von 67 Jahre. Die Rente mit 63 setze daher falsche Anreize. Ein weiteres großes Thema für Dröge ist die Arbeitskräftezuwanderung: „400.000 Arbeitskräfte zusätzlich bräuchten wir jedes Jahr, um unseren Wohlstand aufrechterhalten zu können“, sagt die Grüne und kritisiert die Grenzkontrollen der Union sowie angebliche „Arbeitsverbote für Geflüchtete in Deutschland.“ Dabei dürfen Asylbewerber in Deutschland grundsätzlich bereits nach drei Monaten (verlinkt auf https://www.bmas.de/DE/Arbeit/Migration-und-Arbeit/Flucht-und-Aysl/Arbeitsmarktzugang-fuer-Gefluechtete/arbeitsmarktzugang-fuer-gefluechtete.html) arbeiten, Verbote gelten für bestimmte Gruppen wie Asylbewerbern aus sicheren Herkunftsländern oder Geduldete, die versuchen, ihre Abschiebung zu verhindern. Dröges Behauptung löst dann bei den anderen Gästen – allen voran Frei – Unverständnis aus. „Schlicht falsch“, sagt der Kanzleramtsminister und betont, dass gerade die Grünen das Fachkräfteeinwanderungsgesetz so geändert hätten, dass auch Menschen ohne klassische Fachkräftequalifikation einwandern können. Die Diskussion drohte ein wenig aus dem Ruder zu laufen, sodass Illner die Debatte beruhigen musste. „Das brauchen wir gerade gar nicht, sagte die Moderatorin.“ Zuletzt wurde in der Runde über die von schwarz-rot geplante Änderung des Arbeitszeitgesetzes gesprochen. Statt die 40-Stunden-Woche mit Acht-Stunden-Tagen vorzuschreiben, soll es künftig eine Höchstarbeitsgrenze von 48 Wochenstunden geben. Die DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi kritisiert, dass dabei nicht mehr Flexibilität, sondern die Abschaffung der täglichen Höchstarbeitszeit im Vordergrund stehe. Schon jetzt seien längere Arbeitszeiten möglich und vielfach tariflich geregelt. Eine Lockerung könnte dazu führen, dass Beschäftigte deutlich länger arbeiten müssen und Arbeitgeber stärker bestimmen, wie lange gearbeitet wird, was die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben verschlechtern würde, so Fahimi.