Ein schmaler, schlammiger Pfad führt hinein ins Dickicht des ruandischen Regenwalds der Virunga-Vulkane. Dort, auf zweieinhalbtausend Metern Höhe, dringen nur wenige Sonnenstrahlen durch das Blätterdach des tropischen Regenwalds. Am Boden bilden Farne, Flechten und Moose einen endlosen Teppich aus Grün. Es zwitschert, zirpt, summt. Überall Leben. Zwei Stunden dauert der steile Aufstieg aus dem nächstgelegenen Dorf Kinigi in die Abgeschiedenheit der ehemaligen Forschungsstation Karisoke, die nur zu Fuß erreichbar ist. Den beschwerlichen Weg legt nur zurück, wer es unbedingt will – und wer sich begleiten lässt: Voran klettert ein Führer des Nationalparks, im Schlepptau zwei bewaffnete Ranger, um Warnschüsse gegen umherstreifende Elefanten und andere Waldbewohner abgeben zu können. Es ist der Ort, an dem die US-Amerikanerin Dian Fossey vor mehr als einem halben Jahrhundert den Grundstein legte für unser heutiges Wissen über Berggorillas, dem Ort, an dem Fossey ihr Leben den bedrohten Tieren widmete – und es auf schreckliche Weise verlor. Ohne zu zögern, ließ sie ihren Blinddarm entfernen – und fiel damit auf eine Finte herein Schon als Kind und junge Frau liebte Fossey Tiere und interessierte sich für deren Verhalten. Für ein Studium der Tiermedizin fehlten ihr allerdings die Noten. Sie wurde Ergotherapeutin. Als sie 1963 im Alter von 31 Jahren nach Ostafrika reiste und im damaligen Zaire, heute Demokratische Republik Kongo, erstmals Berggorillas in freier Wildbahn begegnete, wurde ihr klar, anstatt mit Menschen lieber mit deren nächsten Verwandten arbeiten zu wollen. Während dieser Reise traf sie den berühmten britischen Paläoanthropologen Louis Leakey, der mit seiner Frau Mary (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article232557771/Mary-Leakey-Ohne-wissenschaftlichen-Abschluss-fand-sie-den-aeltesten-Schaedel-der-Menschheit.html) für Ausgrabungen unterwegs war. Drei Jahre lang versuchte Fossey, ihn davon zu überzeugen, dass sie die Richtige für eine Feldstudie über die bedrohten Berggorillas sei. Leakey erkannte ihr Potenzial, schätzte ihre Geduld und Beharrlichkeit. Von ihrem Engagement restlos beeindruckt wurde er, als sie sich auf sein Anraten den Blinddarm vorsorglich entfernen ließ, um in der Wildnis keine Probleme zu bekommen. Später offenbarte er ihr, dass dies nicht nötig gewesen sei und er nur habe testen wollen, wie viel sie bereit war zu investieren. 1966 betraute sie der Anthropologe schließlich mit der Leitung der Studie, finanziert von der National Geographic Society. Sechs Jahre zuvor hatte Leakey bereits Jane Goodall (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article234735486/Jane-Goodall-Wenn-Schimpansen-Gewehre-haetten-sie-wuerden-sie-benutzen.html) ermutigt, in Tansania Studien über wilde Schimpansen anzustellen. Fünf Jahre später schickte er Birutė Galdikas nach Borneo, um das Verhalten von Orang-Utans zu dokumentieren. Die drei Frauen wurden als Leakeys „Trimates“ bekannt, die die Primatologie revolutionierten. Ende 1966 reiste Fossey ins damalige Zaire, um ihre Arbeit aufzunehmen. Bald jedoch musste sie weichen, die politischen Unruhen dort machten auch vor der Wissenschaft nicht Halt. Direkt hinter der Landesgrenze schlug sie ihre Zelte im benachbarten Ruanda auf, zwischen den ruhenden Vulkanen Karisimbi und Bisoke gründete sie die Forschungsstation Karisoke. „Ich konnte nicht wissen, dass ich mit dem Aufstellen von zwei Zelten in der Wildnis der Virungas die Grundlage für das gelegt hatte, was eine international renommierte Forschungsstation werden sollte“, schrieb Fossey in ihrer 1983 erschienen Autobiografie „Gorillas im Nebel“. Im Laufe der Jahre wuchs das Camp, es kamen Hütten hinzu, auch für Assistenten und Gäste. Immer häufiger reisten westliche Journalisten und Fotografen in die Abgeschiedenheit der Berge, um Fosseys außergewöhnliche Arbeit zu dokumentieren. Spätestens als das National Geographic Magazine sie 1970 zur Cover-Story machte, erlangte sie vor allem in ihrer Heimat USA Berühmtheit und erhielt weitere Unterstützung und Fördergelder. Täglich schlug Fossey sich durch die steilen Hänge des dichten Bergwaldes, um die Gorillas zu studieren. Beim Essen, Kuscheln, Rangeln. Abends hielt sie akribisch fest, was sie tagsüber beobachtet hatte. Behutsam tastete sie sich an die Tiere heran und imitierte dazu auch ihr Verhalten: brummte und grunzte wie sie, knabberte an Pflanzenstielen, bewegte sich im Knöchelgang fort. Durch Hingabe, Geduld und Anpassungsvermögen gewann sie ihr Vertrauen. Nie zuvor war es einem Menschen gelungen, den scheuen Primaten so nahezukommen. So erhielt sie bis dato einzigartige Einblicke, etwa in die sozialen Strukturen innerhalb der Familien, in ihr Kommunikations- und Fortpflanzungsverhalten, und räumte mit dem Mythos auf, dass Gorillas wilde Bestien seien. Eine besonders innige Beziehung baute sie zu einem Gorillamännchen auf, das sie Digit nannte und von klein auf heranwachsen sah. Er und die anderen Gorillas wurden zu ihrer Familie. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, schrieb Fossey in ihrer Biografie. Während des Zusammenlebens mit den Menschenaffen lernte Fossey nicht nur, wie die Tiere kommunizierten, was sie fraßen, wie sie ihr Revier verteidigten – sie erlebte vor allem auch, wie akut sie bedroht waren. Nur noch wenige hundert Exemplare lebten in den Virungas im Dreiländereck zwischen Ruanda, Uganda und Zaire, als Fossey Ende der 70er-Jahre ihre Arbeit dort aufnahm. Sie schätzte, dass die Art ohne Schutzmaßnahmen in spätestens 30 Jahren komplett ausgestorben sein würde. Wilderer aus der verarmten Region machten Jagd auf Gorillas, um deren abgetrennte Gliedmaßen als makabere Trophäen zu verkaufen oder deren Babys an illegale Wildtierhändler. Häufig verfingen sich die Primaten auch in den Drahtschlingen, die Jäger auslegten, um Waldantilopen zu fangen, die sie als „Buschfleisch“ verzehrten, und verletzten sich dabei schwer. Um der Wilderei Einhalt zu gebieten, stellte Fossey Patrouillen auf, die sie aus eigener Tasche finanzierte. Systematisch streiften sie durch den Wald, zerstörten die Fallen der Wilddiebe, lauerten ihnen auf und jagten ihnen Schrecken ein – mit Feuerwerkskörpern oder Totenkopfmasken. Maßnahmen, die Wirkung zeigten. Über die Jahre wurden immer weniger der bedrohten Tiere erlegt. Doch dann kam ein schicksalshafter Silvestertag. Aus der selbstlosen Forscherin wurde eine kompromisslose Aktivistin Am 31. Dezember 1977 erwischten Wilderer ihren Lieblingsgorilla Digit. Sie trennten ihm Kopf und Hände ab, ließen den leblosen Körper im Wald zurück. Sein Tod erschütterte Fossey zutiefst. Und wurde zu einem Wendepunkt. Fortan ging die Primatologin noch energischer gegen jeden vor, der das Leben der Gorillas bedrohte, und schreckte auch vor Selbstjustiz nicht zurück. In der Abgeschiedenheit des Waldes führte sie einen regelrechten Kreuzzug gegen Wilderer. Fing sie. Verhörte sie. Schlug sie. Hielt sie oft tagelang fest. Sogar deren Kinder soll sie entführt und Hütten niedergebrannt haben. Ging es um den Schutz der Tiere, schien ihr jedes Mittel erlaubt. „Aktiven Artenschutz“ nannte sie selbst ihr Vorgehen. So wurde das Bild, das die Bevölkerung von der amerikanischen Forscherin hatte, ein anderes. Aus der selbstlosen Retterin der Berggorillas wurde eine kompromisslose Aktivistin. Aus der Tierliebhaberin eine Menschenjägerin. Aus der Verwegenen eine Verrückte. „Nyiramacibili“ schimpften sie die ruandischen Einheimischen. „Die Frau, die alleine im Wald lebt.“ Auch der Rückhalt anderer Wissenschaftler und Unterstützer schwand mit den Jahren. Kollegen beschrieben sie als zunehmend ichbezogen, aufbrausend und verbittert, warfen ihr Fanatismus vor. Daneben brachte sie ruandische Politiker gegen sich auf, von deren Gunst sie als Ausländerin im Land abhängig war. Fast schon eifersüchtig soll sie über „ihre“ Gorillas gewacht und versucht haben, den aufkommenden Tourismus in den Virunga-Bergen einzudämmen. Sie errichtete Barrieren rund um das Camp und schottete es gegen Touristen ab, protestierte öffentlich und verfasste kritische Artikel, in denen sie vor den Gefahren für die Tiere warnte – etwa durch eingeschleppte Krankheiten. „Jeder Beobachter ist ein Eindringling in die Wirkstätte eines wilden Tieres und muss sich klar sein, dass die Rechte des Tieres wichtiger sind als menschliche Interessen“, so Fossey. Trotz Drohungen und wachsender Ablehnung verharrte sie in ihrem Wald. Sie könne sich nicht vorstellen, jemals woanders zu leben, schrieb sie später. Karisoke war ihr Zuhause. Und wurde ihr zum Verhängnis. Mit einer Machete spaltete man ihren Schädel Es war kurz nach 6 Uhr am Morgen des 27. Dezember 1985, als lokale Mitarbeiter Fosseys in die Berghütte von Wayne Richard McGuire stürmten. Er war ein junger Doktorand aus den USA und Fosseys Assistent in Karisoke. „Dian kufa, Dian kufa“, riefen sie auf Kisuaheli. Dian ist tot. Als McGuire in ihre Hütte platzte, fand er schauriges vor: Seine Kollegin lag auf dem Boden, die Augen weit aufgerissen. Gesicht und Schädel mit einer Machete eingeschlagen. Überall Blut. Alle Zeichen deuteten auf Kampf: Die Laken zerwühlt, die Möbel umgestoßen. Neben dem leblosen Körper eine Pistole Fosseys. Sie wollte sich offenbar noch wehren; doch die Munition, die ebenfalls am Boden lag, gehörte zu einer anderen ihrer Waffen. Im Eifer des Gefechts musste Fossey sie verwechselt haben. Die Ermittlungen wurden schlampig geführt. So verfolgte etwa niemand eine Fußspur, die von der Hütte in den Wald führte. Auch gingen Mitarbeiter und Beamte am Tatort ein und aus und berührten den Leichnam, bevor Beweise gesichert werden und ein Arzt Untersuchungen anstellen konnte. In den kommenden Tagen ließ der zuständige Staatsanwalt willkürlich Menschen verhaften: ehemalige Bedienstete, denen er Rache unterstellte. Schwarze aus der Nachbarschaft, die lesen und schreiben konnten – sie verdächtigte er, hinter den wissenschaftlichen Aufzeichnungen der Forscherin her gewesen zu sein. Auch ihr Assistent McGuire selbst geriet ins Fadenkreuz. Gerüchte über ein politisch motiviertes Mordkomplott wollte man unbedingt ersticken, um die Beziehungen zu den USA nicht zu gefährden. Auch ein gewöhnlicher Mord passte nicht ins Kalkül der ruandischen Regierung, denn dies würde Angst schüren und den aufkommenden Tourismus gefährden. So kam es gelegen, dass ein Gutachten auftauchte, das bescheinigte, „amerikanische Haare“ in der Faust Fosseys gefunden zu haben. Dass diese eine scharfe Kante aufwiesen, offenbar also abgeschnitten und nicht etwa ausgerissen wurden, genügte dem Gericht nicht als Gegenbeweis. Und so verurteilte es McGuire, der es auf Fosseys Aufzeichnungen abgesehen haben soll, und einen weiteren Mitarbeiter aus Ruanda zum Tod. Zur Vollstreckung kam es nie: McGuire, der stets seine Unschuld beteuerte, war vor der Verurteilung in die USA geflohen, der ruandische Kollege hatte sich in Untersuchungshaft erhängt. Bis heute zweifeln Historiker, Biografen und ehemalige Weggefährten Fosseys die Verurteilung der beiden an. Auch ein Racheakt von Wilderern scheint ihnen nicht plausibel: Es wäre ein leichtes gewesen, die Forscherin direkt in der Wildnis zu überraschen, ohne Kampf und Risiko einzugehen. Eher deute vieles darauf hin, dass sie der Regierung unbequem geworden sei und den Tourismus behindert habe. Fest steht: Die Primatologin hatte sich Feinde gemacht. Eine Schülerin Fosseys, Kelly Stewart, sagte über ihren Tod, er sei „ein perfektes Ende“ gewesen: „Sie sah sich selbst als eine Kriegerin, die hinausging, um den Feind zu konfrontieren. Sie hat immer über eine letzte Begegnung fantasiert.“ Seite an Seite mit Digit Fosseys rabiates Vorgehen ist kritikwürdig, ihre Arbeit jedoch von unschätzbarem Wert. Sie legte den Grundstein für die Erforschung und den Schutz der Berggorillas, die in den 70er-Jahren stark vom Aussterben bedroht waren. Ihre Biografie und der darauf beruhende gleichnamige Film von 1988 mit Sigourney Weaver in der Hauptrolle machten weltweit auf Fosseys Arbeit aufmerksam und sensibilisierten für die Erhaltung der Art. Auch vor Ort in Ruanda ist das Bewusstsein für Natur- und Tierschutz als Voraussetzung für nachhaltigen Tourismus immens gewachsen: Die Zahl der Tiere hat sich seit Beginn von Fosseys unermüdlicher Arbeit bis heute vervierfacht: Knapp 1100 leben wieder in den Regenwäldern der Virungas. Manche ehemalige Wilderer arbeiten heute als Ranger in den Nationalparks. Touristen können mit einer streng limitierten, 1300 Euro teuren Genehmigung in den Bergwald klettern und Gorillagruppen für eine Stunde am Tag aus nächster Nähe beobachten. Die Einnahmen fließen auch zurück in den Tierschutz in der Region. Der Gorilla ist zu einem identitätsprägenden Tier Ruandas geworden, sein Konterfei prangt auf der 5000 Ruanda-Franc Banknote. So lebt Fosseys Vermächtnis auch 40 Jahre nach ihrem Tod fort. Die Früchte ihrer Arbeit konnte sie selbst zwar nicht mehr ernten, aber ihren Frieden dürfte sie dennoch gefunden haben: Man bestattete sie in ihrem geliebten Bergwald an den Hängen der Virunga-Vulkankegel, dort, wo sie selbst schon Gorillas begraben hatte. Auch ihren Digit. Und wo nach ihrem Tod weitere beerdigt wurden. „Niemand liebte Gorillas mehr. Ruhe in Frieden, liebe Freundin. Für immer geschützt in dieser heiligen Erde. Denn du bist Zuhause, wo du hingehörst“, steht auf ihrem Grabstein. Und dort ruht sie, Zuhause, unter einem endlosen Teppich aus Grün. Es zwitschert, zirpt, summt. Überall Leben.