Welt 17.01.2026
15:30 Uhr

Linke Gruppen demonstrieren gegeneinander – Hatte „tatsächlich große Angst“, sagt Linken-Abgeordnete


Gleich acht linke Kundgebungen rivalisierender Lager und eine überregionale Mobilisierung in der linksextremen Szene: In Leipzig ist die Stimmung angespannt. Unter dem Motto „Antifa means: Free Palestine“, ruft etwa die Gruppe Handala zur Demo auf.

Linke Gruppen demonstrieren gegeneinander – Hatte „tatsächlich große Angst“, sagt Linken-Abgeordnete

Absperrungen, Hubschrauber über dem Szeneviertel und ein Großaufgebot an Polizei: Leipzig ist heute Schauplatz eines angespannten Demo-Tages. Wie Polizeisprecher Olaf Hoppe sagt, stehen sich rund um das Connewitzer Kreuz mehrere Versammlungen unterschiedlicher Lager innerhalb der linken Szene gegenüber – mit gegensätzlichen Positionen zum Nahost-Konflikt. Zum Auftakt blieb es zunächst ruhig. Die Polizei ist im Großeinsatz. Der sächsische Verfassungsschutz rechnet mit einer aufgeheizten Stimmung und schließt gegenseitige Störaktionen nicht aus. Innenminister Armin Schuster (CDU) hat angekündigt, dass die Polizei bei Tumulten konsequent einschreiten werde. Mehrere Hundert Teilnehmer der propalästinensischen Demonstration der Gruppe Handala haben sich am Connewitzer Kreuz versammelt. Sie riefen unter anderem „Viva Viva Palestina“ und „Free Palestine“. Handala ist eine antiisraelische Gruppierung, die unter dem Motto „Antifa means: Free Palestine“ zur Versammlung am Connewitzer Kreuz aufgerufen hatte. Der Verfassungsschutz stuft Handala als extremistisch ein. Die Demonstration richtet sich demnach gegen eine bisher in Connewitz stark verankerte überwiegend proisraelische linke Szene. Dagegen wenden sich unter anderem autonome Linksextremisten. Die Polizei ergriff erste Maßnahmen wegen Verstößen gegen das Vermummungsverbot. Mehrere Polizeibeamte holten einige vermummte Teilnehmer aus der Versammlung heraus. Die Polizei setzt auf strikte räumliche Trennung. Zwischen den Lagern stehen Absperrgitter. Der Abstand beträgt nach Polizeiangaben „so grob 20, 30 Meter“. „Wir haben bisher keine großartigen nennenswerten Ausschreitungen oder so etwas gehabt“, sagt Polizeisprecher Hoppe. Teilweise hätten Versammlungen am frühen Nachmittag noch nicht begonnen oder starteten gerade erst. Neben Einsatzkräften aus Sachsen sind auch Beamte aus anderen Bundesländern im Einsatz. Über dem Stadtteil kreist ein Polizeihubschrauber. Zudem wurde ein Videowagen positioniert. Am Connewitzer Kreuz räumten die Behörden Glascontainer weg – eine Maßnahme, die bei angespannten Lagen in Leipzig häufig ergriffen wird. Ein Discounter in der Bornaischen Straße sicherte demnach seine Fenster mit Pressspanplatten. Ab dem Mittag waren laut Versammlungsbehörde acht Demonstrationen und Kundgebungen im Stadtteil Connewitz angemeldet. Auch die rechtsextreme Kleinstpartei Freie Sachsen hat eine Kundgebung angemeldet. Die Deutsche Journalistinnen- und Journalistenunion (DJU) berichtet zudem von einem körperlichen Angriff und Bedrängung eines Kamerateams des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR). Der Polizeisprecher bestätigte den Fall dem Evangelischen Pressedienst (epd), ein möglicher Tatverdächtiger konnte identifiziert werden. Es sei zu einem Schlag oder Stoß mit dem Ellbogen gekommen. „Ob das mit Intention war, müssen wir prüfen.“ Linken-Abgeordnete sagte, dass sie ursprünglich „tatsächlich große Angst“ hatte Die verschiedenen Demoszenen könnten sich nach Einschätzung des Verfassungsschutzes mischen. Nach Angaben der Polizei nehmen an dem propalästinensischen Aufzug rund 1400 Menschen teil. Insgesamt seien bei allen Versammlungen am Samstag in Leipzig mehr als 3000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gezählt worden, sagte Hoppe. Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgt die Diskussion um die Route der Hauptdemonstration. Die propalästinensische Versammlung zieht nach Angaben der Versammlungsbehörde nicht wie ursprünglich angemeldet durch Connewitz – unter anderem vorbei am Büro der Linken-Landtagsabgeordneten Juliane Nagel. Stattdessen führt die Strecke vom Connewitzer Kreuz über die Karl-Liebknecht-Straße in Richtung Innenstadt bis zum Augustusplatz. Hoppe verweist darauf, dass die Anmelder nach Erhalt des Auflagenbescheids eine geänderte Route angekündigt hätten. Die Abschlusskundgebung sei vor dem Gewandhaus geplant. Am Connewitzer Kreuz sei inzwischen aber „völlig Ruhe eingekehrt“. Die Linken-Landtagsabgeordnete Nagel kritisierte die propalästinensische Demonstration der Gruppe Handala scharf. „Ich finde es sehr bedrückend, dass heute Menschen, die sich links nennen, gegen einen linken Stadtteil demonstrieren“, sagte Nagel kurz vor Beginn des großen Demo-Tags. Die hauptaufrufende Gruppe, die diese Demonstration gegen die Connewitzer angemeldet hat, sei eine antisemitische Gruppierung. Nagel sagte, dass sie ursprünglich „tatsächlich große Angst“ hatte. Mit der Information, dass die Handala-Demonstration nicht durch Connewitz laufen wird, habe sich die Lage etwas entspannt. Sie hoffe, dass alles friedlich verlaufe und man am Abend „auf wenig Schäden und keine Gewaltvorfälle zurückblicken“ könne. Nur eine „laute Minderheit“? Nagel kritisierte zudem, dass einzelne Akteure aus der Linkspartei zu einer Demonstration aufgerufen hätten, die sich unter anderem gegen sie und ihr Büro richte. Innerhalb der Partei gebe es zwar unterschiedliche Positionen zum Nahost-Konflikt. Sie sehe aber eine „verbindende Position“ als Mehrheit. „Der Großteil der Partei Die Linke in Leipzig steht für eine friedliche Lösung für die Menschen in Israel und für eine Staatlichkeit und auch Sicherheit für Palästinenserinnen und Palästinenser.“ Die lautstarken Kräfte, die „das Existenzrecht Israels anzweifeln“, seien dagegen „wirklich eine laute Minderheit“.