Welt 23.02.2026
15:36 Uhr

Laissez unfaire


Die Komödie „Geheimnisse“ von Sébastien Blanc enthüllt am St. Pauli Theater in der Regie von Ulrich Waller mit einer hohen Frequenz an Wendepunkten die unglückliche Dynamik einer Dreierkonstellation in einem Zweipersonenstück – glänzend gespielt von Sebastian Bezzel und Götz Otto.

Laissez unfaire

„So zündet man doch kein Auto an!“ Der Hinweis, den Fabien seinem Freund Jérôme durchs Fenster nach unten zuruft, kommt zu spät. Eine Explosion später ist seine Wohnung in Rauch gehüllt, ein Autoreifen fliegt an Fabien vorbei. Ob Jérôme überlebt hat? Das spielt in der Komödie „Geheimnisse“ von Sébastien Blanc kaum noch eine Rolle. Schließlich wollte er mit zwei zuvor ausgebrochenen Backenzähnen im ausgebrannten Autowrack den eigenen Tod vortäuschen. Die Geschichte beginnt völlig harmlos Diese und andere vom Wahnsinn gesteuerte Aktionen sind bei Blanc verzweifelte Beziehungstaten, die auf neutralem Boden, wenn nicht ausgeführt, so doch gebeichtet werden – und damit ans Licht der Freundschaft gezerrt. Denn Fabien ist mit Jérôme und dessen Zwillingsbruder Éric befreundet und zudem Jérômes Schwager, denn der hat seine kleine Schwester geheiratet. Die taucht im Zweipersonenstück auf der Bühne des St. Pauli Theater selbstredend nie auf, nur einmal erklingt ihre Stimme vom Handy. Die Geschichte beginnt natürlich völlig harmlos. Die drei Freunde wollen wie jedes Jahr gemeinsam das Finale der French Open im Fernsehen verfolgen und dazu ein, zwei, viele Flaschen Rotwein trinken. Doch diesmal kommt Éric früher als angekündigt, um sein Gewissen zu erleichtern. Dann bittet er Fabien, seinem Bruder nichts zu verraten. Doch schon wenig später sitzt Jérôme allein auf Fabiens Sofa – und auch er muss ihm ein Geständnis machen und den Freund zur Verschwiegenheit verpflichten. Götz Otto als Beichtvater wider Willen Götz Otto spielt Fabien, den Beichtvater wider Willen, der immer nur versucht, niemanden zu verletzen, ganz wunderbar verwundbar. Abwechselnd besuchen die Brüder ihn und erzählen jeweils ihr das neuestes, schreckliches Geheimnis. Nie bringt er es übers Herz, sich weit genug von einem der Schwerenöter zu distanzieren, was zudem durch sein überschaubares Heim, eine Einzimmerwohnung (Bühne: Annelie Büchner) erschwert wird. Die Zwillinge aber sind nie gemeinsam auf der Bühne zu erleben, denn Sebastian Bezzel spielt beide Brüder – als zunächst vermeintlich ungleiches Paar, dessen miese Charakterzüge nach und nach enthüllt werden. Beide schrecken vor Mord nicht zurück, um nicht etwa die Gefühle der jeweils anderen durch die Wahrheit zu belasten. Bezzel steigert sich im Verlauf der knapp anderthalbstündigen Komödie in einen Rausch der falschen, feigen Taten, denn nichts fürchtet er jeweils mehr, als sich mit irgendjemandem auszusprechen, die eigenen Geheimnisse zu enthüllen. Kurze oder längere Gewissensbisse weichen stets der nächsten, noch wahnsinnigeren Aktion. Apropos, wer hat welche eine Affäre? Die Zwillingsbrüder sind einander in einer abgründigen Hassliebe verbunden, in der ganz offenkundig der Hass die Oberhand gewinnt. Und die Liebe? Wer welche Affäre mit wem hat, trägt in französischen Dramen immer einiges zur Spannung bei, so auch in diesem gelungenen Kracher aus dem Jahre 2024. Regisseur Ulrich Waller inszeniert mit gutem Timing, als häute er Schicht für Schicht eine Zwiebel, deren ausströmendes Gas den Zuschauern Lachtränen in die Augen treibt, die sie sich zugleich verwundert reiben müssten. Bezzel und Otto harmonieren dabei auf der Bühne in ihrer – bis dass der Tod sie scheide – unauflöslichen Täter-Opfer-Beziehung. Nur die Freundschaft wird hier stärker strapaziert als die Liebe. Diverse Termine bis Ende März