Welt 25.11.2025
13:20 Uhr

„Kotzdämlich“ und „Plattkopf“ – Warum Hannah Arendt auch engste Freunde nicht schonte


Rhetorik als Ausdruck von Leidenschaft: Pünktlich zum 50. Todestag zeichnet eine neue Biografie Hannah Arendt als „konfliktaffin“. Wer ihre Briefe studiert, merkt, dass sie extreme Reaktionen regelrecht provozieren konnte.

„Kotzdämlich“ und „Plattkopf“ – Warum Hannah Arendt auch engste Freunde nicht schonte

Der Titel dieser Lebensbeschreibung, „Die Denkerin“, ist eine erste Entscheidung der Verfasserin und keineswegs selbstverständlich. In dem wunderbaren, 1964 aufgenommenen Fernsehgespräch mit Günter Gaus (auf YouTube zu sehen) (verlinkt auf https://www.youtube.com/watch?v=J9SyTEUi6Kw) wollte Hannah Arendt durchaus nicht als Philosophin gesehen werden, sondern als eine Theoretikerin der Politik. Zwei Jahre später, zu ihrem 60. Geburtstag, schrieb Martin Heidegger, ihr Lehrer und Geliebter, aus Freiburg nach New York: „Die Freudigkeit des Denkens wird sich von selbst immer neu einstellen und von der Besinnung darüber begleitet sein, was heute in dieser wirren Welt der Gedanke noch vermag.“ Sie antwortete, indem sie ihn an seinem 80. als den „heimlichen König im Reich des Denkens“ ansprach. Ihre spätesten Vorlesungen in Aberdeen standen unter der Überschrift „Das Denken“. Aber Adolf Eichmann hatte sie beim Jerusalemer Prozess 1961 beobachten können und fand bei diesem Logistiker der Vernichtungspolitik vor allem „Gedankenlosigkeit“. In dem kurzen, dichten Prosastück „Schatten“ hatte die achtzehnjährige Hannah Arendt in einer ebenso philosophischen wie psychologisch-analytischen Weise von sich in der dritten Person gesprochen und über ihr Wesen nachgedacht: „Eine Radikalität, die stets an das Äußerste ging, verwehrte es ihr, sich zu schützen, Waffen zu haben, schenkte ihr nie den bittersten Tropfen des zur Neige gehenden Kelches.“ Der Radikalismus war eine politische Möglichkeit, und er bedeutete gleichzeitig eine Tönung der persönlichen Äußerung ins Leidenschaftliche und Entschiedenste hinein. Als „konfliktaffin“ beschreibt Grit Straßenberger Hannah Arendts Persönlichkeit mit großem Recht. Wer ihre Briefe studiert, merkt bald, dass sie extreme Reaktionen provozieren konnte. Von diesem Temperament blieben auch kluge Freunde wie Dolf Sternberger nicht verschont, der ihr zeitweise als „kotzdämlich“ und „Plattkopf“ erschien, was sie ihm gegenüber gleich aus dem Persönlichen ins Politische verwandelte: „Du bist mir halt ein bisschen zu konservativ und ich Dir halt ein bisschen zu revolutionär“. Da finden wir den Radikalismus wieder. In ihrer reifen Phase, in den Vereinigten Staaten, schreibt sie zur politischen Theorie mit starkem Aktualitätsbezug, zunächst, in der Hochzeit des Kalten Kriegs, über den Totalitarismus. Ihre Grundsympathie galt dem Pluralismus. Ihr Großvater Max Arendt war Vorsitzender der Königsberger Stadtverordnetenversammlung gewesen; ihr Lehrer und Lebensfreund Karl Jaspers war der Enkel des oldenburgischen Landtagspräsidenten. Das verbindet noch vor aller Theorie: Nicht anonyme Mächte bestimmen den Verlauf, sondern handelnde Menschen, die man mit Namen kennt. Das Buch von Grit Straßenberger hat ausgesprochen schöne Züge. Die menschliche Atmosphäre, die Variationen der Gefühlstöne im Verlauf dieser Lebensgeschichte – mit Heidegger, mit Günther Anders, ihrem ersten Mann, mit Karl Jaspers und dann mit ihrem zweiten Ehemann Heinrich Blücher, in Paris mit Walter Benjamin, mit ihren engen Freundinnen wie Mary McCarthy oder Anne Weil, werden umsichtig und mit enormer Sensibilität immer wieder in den Vordergrund gerückt, dann folgen eingehende Lektüren der Werke und ihrer Stellung in den zeitgeschichtlichen Konflikten. Die biografische Verortung von Theorien ist bewundernswert gelungen. Man muss in die O-Töne hineinhören, um etwas von dieser Atmosphäre zu ahnen. An ihre Studienfreundin Hilde Fränkel schrieb sie 1950 nach dem ersten Wiedersehen mit Heidegger, Freiburg sei „sehr schön und sehr aufregend und eigentlich ziemlich unvergesslich“ gewesen. Und: sie sei „einfach glücklich über die Bestätigung, dass sie ‚recht hatte, nie zu vergessen‘.“ Jaspers trifft sie in Basel und meldet an Blücher: „Viele, viele Stunden des Gesprächs. Es hört doch kaum einer so zu.“ Hannah Arendt über Rahel Varnhagen Eine Konstante ist das immer neu umkreiste Jüdisch-Sein. In der Habilitationsschrift über die berühmte Salondame Rahel Varnhagen, die nicht mehr in Deutschland abgeschlossen werden konnte, wird das Scheitern der Assimilation zur Hauptthese. Hannah Arendt spiegelte sich schon früher in dieser Frau, zudem wurde sie von ihrem Freund Kurt Blumenfeld, dem Präsidenten der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, noch einmal angeregt. Die abschätzige Bezeichnung „Paria“ wird von Hannah Arendt in eine Lebensmöglichkeit ohne Lebenslüge umgedeutet. Nach Hitlers Machtübernahme arbeitete sie in der Bibliothek, um in Blumenfelds Auftrag eine Sammlung antisemitischer Äußerungen in der deutschen Presse anzulegen. Sie wurde verhaftet, kam allerdings nach ein paar Tagen wieder frei. Im französischen Exil, das sich anschloss, arbeitete sie für die Jugend-Alija, ein zionistisches Projekt, bei dem Jugendliche, die zur Auswanderung nach Palästina bereit waren, auf ihre dortigen Lern- und Arbeitsmöglichkeiten vorbereitet werden sollten. Im amerikanischen Exil – ab 1941 – wuchsen ihre Vorbehalte gegenüber dem Zionismus. Sie hatte das Mandatsgebiet Palästina zwar besucht, aber keinen Bezug zum Land als solchem gefunden, wohl auch nicht zur neuhebräischen Sprache – ganz anders als etwa der Gelehrte Gershom Scholem (ein Freund Walter Benjamins) und eben Blumenfeld. Ihr Briefwechsel mit dem letzteren erschien unter dem vielsagenden Titel „In keinem Besitz verwurzelt“ (verlinkt auf https://d-nb.info/943687349) , womit Hannah Arendt ihre und Blüchers Lage definierte. Andere Irritationen kamen hinzu. Aus New York schrieb sie über eine Gesellschaft bei Bekannten: „Monsieur hatte ich sicherheitshalber wegen goj und so zu Hause gelassen.“ Grit Straßenberger kommentiert diese Stelle untertreibend: „Goj“ sei ein „gebräuchliches jiddisches Wort für Nicht-Juden.“ Aber dann wäre es ja ganz unverständlich, warum Blücher zu Hause gelassen werden musste. Der große Historiker Fritz Stern hat das Wort präziser übersetzt, nämlich als „jene verächtliche Bezeichnung für den Nicht-Juden, den Außenstehenden, die stumpfe Seele.“ Hannah Arendt über Israel Aus Unterschieden können schnell Risse werden. 1961 hatte Hannah Arendt Gelegenheit zu einem längeren Gespräch mit Golda Meir (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/golda-meir/) , die damals noch israelische Außenministerin war. Man habe sich ge-, aber nicht zerstritten, meldete sie an Heinrich Blücher. Es ging in dem Gespräch um Israel, im Wesentlichen um „die Frage der Verfassung, der Trennung von Staat und Kirche, des Verbots der Mischehen bzw. der existierenden Nürnberger Gesetze zum Teil recht ungeheuerlich.“ Natürlich waren keineswegs die NS-Gesetze von 1935 gemeint, sondern – polemisch – die Rechtslage in Israel, wo die Zivilehe nicht existiert und die religiösen Institutionen die Ehe mit Nicht-Juden nicht billigen können. Das war nun ein Punkt, der Hannah Arendt im Kern ihrer Lebensführung betraf. Im Eichmann-Prozess, über den sie im Auftrag des „New Yorker“ berichtete, kam vieles zusammen. Schon ihre Studien über den Totalitarismus hatten die Konzentrationslager behandelt. Und schon der „Schatten“-Text der Achtzehnjährigen hatte ein Wort benutzt, das nun aktuell wird: die Frau, die damals von sich berichtete, „hatte sich angewöhnt, auch in dem scheinbar Selbstverständlichsten und Banalsten Beachtenswertes zu sehen.“ Jetzt saß die „Banalität des Bösen“ (verlinkt auf https://www.welt.de/print/wams/kultur/article13053663/Der-Irrtum-von-der-Banalitaet-des-Boesen.html) ein paar Meter von ihr entfernt in einer kugelsicheren Kabine und erwies sich als beachtenswert. Die Formulierung wollte herausfordern. Das absolut Böse galt seit John Miltons „Verlorenem Paradies“ („Paradise lost“) in der Gestalt Satans als höchst faszinierend, ausgestattet mit der Attraktivität des Rebellisch-Genialischen. Große Achtung empfand Hannah Arendt gegenüber dem Vorsitzenden Richter Moshe Landau, den sie durch Vermittlung von Blumenfeld auch persönlich kennenlernte. Schließlich aber war es das sehr negative Bild der „Judenräte“, mit dem sie die Erbitterung auch von Freunden provozierte. „Es ist der herzlose, ja oft geradezu hämische Ton“, schrieb ihr Scholem, „in dem diese, uns im wirklichen Herzen unseres Lebens angehende Sache, bei ihnen abgehandelt wird.“ Die Freundschaft war beendet; auch in New York wurde es kälter, Jaspers blieb in Basel ratlos. Aber es gab auch Glück im Unglück: Hans Jonas, Kommilitone noch aus Marburg, ließ sich nach einigen Jahren versöhnen, und treu blieben vor allem die Freundinnen und Vertrauten wie Mary McCarthy. Grit Straßenberger: Die Denkerin. Hannah Arendt und ihr Jahrhundert. C.H. Beck, 528 Seiten, 34 Euro