Das Jahr ist mit einem Paukenschlag gestartet. Am 3. Januar führten die US-Streitkräfte eine militärische Intervention in Venezuela durch, im Zuge dessen der bisherige Präsident Nicolás Maduro und seine Ehefrau Cilia Flores festgenommen und in die Vereinigten Staaten verschleppt worden waren. International kritisierten Regierungen und Organisationen den Angriff als völkerrechtswidrig, doch welche Haltung haben die Menschen vor Ort zur jüngsten Eskalation? Und wie zuversichtlich blicken sie in die Zukunft? Ein Überblick. „The Pioneer Briefing“: „Maduro loszuwerden, bedeutet nicht, dass das Regime vorbei ist“ Mit einem Ortsbericht wartete Mariana Zúñiga bei „The Pioneer Briefing“ (verlinkt auf https://open.spotify.com/episode/2kXnKo1f0m0UEIxY1ZnNaE) auf. Die freie Journalistin wohnt 20 Gehminuten entfernt von einer der Militärbasen von Caracas. „Zuerst dachte ich, es wäre irgendein verspätetes Silvesterfeuerwerk. Als ich dann die zweite Explosion und die Flugzeuge hörte – ein Geräusch, das ich noch nie zuvor in meinem Leben gehört hatte – wusste ich, was los war“, schilderte die Venezolanerin. „Denn wir hatten diesen Moment quasi seit August erwartet, als die Operation in der Karibik begonnen hat.“ Zwar sei das venezolanische Militär unvorbereitet und unterbesetzt gewesen, dennoch bewertete es Zúñiga als seltsam, dass eine Armee, die den Diktator so lange geschützt habe, plötzlich nicht reagiert hätte. „Wir fragen uns: Haben sie nicht reagiert, weil sie Angst hatten? Haben sie nicht reagiert, weil man sie gebeten hat, es nicht zu tun? Haben sie es getan, weil sie den Befehl, den sie bekommen haben, nicht respektieren?“, führte die Journalistin gegenüber Gabor Steingart aus. In der venezolanischen Bevölkerung wiederum herrschten gemischte Gefühle. „Auf der einen Seite waren die Menschen natürlich froh: Maduro, der Diktator, wurde abgesetzt, und er wird irgendwie zur Rechenschaft gezogen. Viele Menschen dachten, das könnte der Anfang vom Ende des Regimes sein“, sagte Zúñiga, „aber Maduro loszuwerden, bedeutet nicht, dass das Regime vorbei ist.“ So sei nun die bisherige Vizepräsident Delcy Rodríguez im Amt, die umgehend den US-Angriff verurteilt und die Freilassung Maduros und seiner Frau gefordert habe. Gleichfalls gemischt blickten die Venezolaner auf US-Präsident Donald Trump. „Wir leben seit 25 Jahren unter diesem Regime. Wir sind es leid, immer wieder zu protestieren, und haben damit aufgehört, weil es uns schwerfällt, weiterzumachen, während sie Menschen ins Gefängnis stecken und töten. Obwohl viele Trump nicht besonders mögen, halten sie es für den einzigen Weg, diese Diktatur loszuwerden“, erklärte die 34-Jährige. „Viele sehen das, was er getan hat, als eine Art Rettung für das Land.“ „The Daily“: „Damit ist dieser ganze Schlamassel endlich vorbei“ Zúñigas Eindruck bestätigte sich im Podcast „The Daily“ (verlinkt auf https://open.spotify.com/episode/0Ynx90K6hTjzpQWKRGogIA) der „New York Times“, für den O-Töne Einheimischer eingesammelt worden waren. „Es fühlt sich wie ein echter Sieg an“, gab ein Venezolaner namens Juan zu Protokoll, der die nächtlichen Angriffe mit angehört hatte. „Als würde endlich jemand in dieser Regierung, der meinem Land so viel Schaden zugefügt hat, zur Rechenschaft gezogen werden.“ Hin- und hergerissen zeigte sich John Rodriguez. „Als Donald Trump das Foto von Maduros Festnahme veröffentlichte, war ich überglücklich. Oh mein Gott! Ehrlich gesagt, ich habe bei diesem Bild geweint. Damit ist dieser ganze Schlamassel endlich vorbei“, erklärte er zunächst euphorisch, bevor er sich die unklare Lage ins Bewusstsein rief. „Die Zukunft in Venezuela ist wirklich sehr ungewiss. Und die Menschen wissen nicht, was passieren wird. Die Menschen haben so große Angst.“ Auch Anatoly Kurmanaev attestierte im Gespräch mit der Moderatorin Natalie Kitroeff eine angespannte Atmosphäre in Caracas. Der Reporter der „New York Times“ hatte in den vergangenen Jahren die russische Invasion in der Ukraine dokumentiert. In den letzten Monaten hat er seinen Fokus auf die zunehmende Eskalation in Venezuela gerichtet. Weder Massenjubel über den Sturz Maduros noch echte Trauerbekundungen hätten seiner Beobachtung nach stattgefunden, berichtete der Journalist. „Es fühlt sich surreal an, in einer Stadt zu sein, die gerade erst die Weihnachtsfeiertage hinter sich gelassen hat. Es ist eine Metropole mit über vier Millionen Einwohnern, und sie ist voller Lichter und Dekorationen“, schilderte er seinen Eindruck von der Hauptstadt. „Und ich bin gestern Abend durch die Stadt gefahren, und sie war völlig menschenleer. Keine einzige Seele war auf den Straßen, kein Laut war zu hören. Es kam mir vor wie in einem Zombiefilm.“ Kitroeff sprach den Reporter auch auf María Corina Machado an, die unlängst mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden war. Die venezolanische Oppositionspolitikerin genieße weltweite Anerkennung, stehe für konservative Werte und setze sich seit jeher für freie Märkte, persönliche Freiheit und den christlichen Glauben ein. „Allesamt Werte, die das Herzstück der traditionellen republikanischen Agenda bilden“, bewertete Kurmanaev. Doch warum hat Delcy Rodríguez an ihrer Stelle die Regierungsgeschäfte übernommen? Zum einen habe ihr kompromissloser Einsatz für Freiheit und Demokratie den Boden dafür bereitet, dass ihre Beziehung zum US-Sondergesandten für Venezuela, Richard Grenell, in einem Fiasko geendet sei. Zum anderen sei es Trump vor allem darum gegangen, sich Rohstoffe zu sichern. „Delcy Rodríguez konnte sich als zuverlässige Hüterin der venezolanischen Ölindustrie positionieren, als jemand, die die Ressourcen Venezuelas verwalten und ausländische Interessen schützen kann – in diesem Fall die Interessen amerikanischer Investoren.“ „F.A.Z. Podcast für Deutschland“: „Das große Ganze ist die Hegemonie-Verschiebung und die Aufteilung der Welt“ Eine unentschiedene Haltung machte Anja Dargatz (verlinkt auf https://www.ipg-journal.de/ipg/autorinnen-und-autoren/autor/anja-dargatz/) aus. Die Stimmung in Venezuela sei „verhalten, abwartend, beobachtend“, erzählte die Leiterin des Landesbüros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Caracas im „F.A.Z. Podcast für Deutschland“ (verlinkt auf https://open.spotify.com/episode/4aszrtNxoQENtcigIsyOjj) . „Das Machtsystem und die Personen, die dieses Machtsystem füllen, regieren weiterhin. Da muss man erstmal abwarten, ob sie sich wandeln, ob sie eine neue Politik fahren, ob sie ausgewechselt werden“, warf sie auf. „Bevor das nicht klar ist, werden Sie auch keine eindeutigen Reaktionen bekommen.“ Offiziell habe Delcy Rodríguez nun verfassungsgemäß die Geschäfte „in zeitweiliger Abwesenheit des Präsidenten“ für 90 Tage übernommen, erklärte Dargatz. Anschließend müsste das Parlament ihre Amtszeit verlängern. „Sie war das seriöse, ruhige, freundliche Gesicht nach außen“, charakterisierte die Politikwissenschaftlerin. „Sie gehört zum engen Machtzirkel, eine ganz loyale Mitstreiterin von Maduro.“ Zu diesem Kreis gehöre auch der Innenminister, der Verteidigungsminister sowie der Parlamentspräsident Jorge Rodríguez, Bruder der jetzigen Übergangspräsidentin. Dagartz widersprach der wiederholt geäußerten und von Trump selbst befeuerten Vermutung, dass der Angriff auf Venezuela vor allem auf wirtschaftliche Interessen zurückzuführen sei. Das US-Unternehmen Chevron fördere bereits Öl in dem südamerikanischen Staat. Erst im Januar 2025 war eine US-Delegation dorthin gereist, um die Verlängerung der Förderlizenzen zu diskutieren. „Maduro war immer entgegenkommend, hat immer deutlich gemacht, dass er bereit ist, den USA auch weiter entgegenzukommen“, unterstrich sie. „Wenn es wirklich um das Öl gegangen wäre, hätte man einen weniger kostspieligen Weg finden können.“ Die Präsenz eines Flugzeugträgers, der nun als Drohkulisse in der Karibik verbleibe, zeige, dass es nicht nur um den Sturz eines Präsidenten gegangen sei, sondern um eine geostrategische Neuausrichtung der Vereinigten Staaten. Es handele sich lediglich um „Spielarten“, wenn der US-Angriff mit Drogen, Rohstoffen oder einem Regime-Wechsel begründet werde. „Womit kann man gerade innenpolitisch punkten?“, laute die Frage hinter der Außendarstellung. „Das ist dann vielleicht die Spielart, die sich durchsetzt, aber das große Ganze ist die Hegemonie-Verschiebung und die Aufteilung der Welt.“ Vergangene Ausgabe des ‚Podcast-Radar‘: „Hoheit über die Stammtische droht der CSU zu entgleiten“ – die Pläne und Demütigung Markus Söders (verlinkt auf https://www.welt.de/vermischtes/article69400b9b3e894aea392f1f7f/kanzlertraeume-hoheit-ueber-die-stammtische-droht-der-csu-zu-entgleiten-die-plaene-und-demuetigung-markus-soeders.html)