Welt 29.12.2025
16:14 Uhr

„Keine Anzeichen für ein Auseinanderdriften“ – Stadt lobt soziale Stabilität


Hamburg überprüft jedes Jahr, wie sich die sozialen Unterschiede zwischen den Stadtteilen entwickeln. Die neuesten Daten zeigen überraschend stabile Verhältnisse – und Verbesserungen dort, wo lange Probleme bestanden. Doch es gibt Widerstand gegen die Deutung.

„Keine Anzeichen für ein Auseinanderdriften“ – Stadt lobt soziale Stabilität

Hamburg driftet sozial nicht weiter auseinander – im Gegenteil: In vielen Stadtteilen, die als eher schwierig gelten, habe sich die Lage sogar verbessert. Das ist laut Hamburger Stadtentwicklungsbehörde eine der zentralen Erkenntnisse aus dem soeben veröffentlichten Sozialmonitoring. Einmal im Jahr wertet die Behörde statistische Daten der Quartiere aus und vergleicht sie stadtweit und über Jahre hinweg miteinander. „Hamburgs Quartiere sind weiterhin sozial stabil“, sagte Stadtentwicklungssenatorin Karen Pein anlässlich der Veröffentlichung. Es gebe „keine Anzeichen für ein soziales Auseinanderdriften in der Stadt“. Die meisten Menschen lebten in Gebieten, deren soziale Lage mindestens durchschnittlich sei. Außerdem sei die Anzahl der Stadtviertel „mit positiver Dynamik im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegen“. Insbesondere in den Gebieten, die die Stadt in ihrem Programm RISE (Rahmenprogramm integrierte Stadtteilentwicklung) mit zusätzlichem Geld fördert, habe es Entwicklungen zum Besseren gegeben. Die Stadt wertet für das Sozialmonitoring jeweils sieben zentrale Sozialindikatoren aus – etwa den Anteil von Arbeitslosen, Menschen in Grundsicherung, Kindern mit Migrationshintergrund oder Jugendlichen ohne Schulabschluss. Aus den Daten entsteht ein Gesamtbild, das zeigt, wo besondere Unterstützungsbedarfe bestehen. Dieses Bild veränderte sich laut Bericht 2024 in zwei Punkten: Erstens sank der Anteil der am stärksten belasteten Gebiete leicht. Zweitens stieg die Zahl der Gebiete, die sich innerhalb von drei Jahren erkennbar verbessert haben, von 25 auf 41. Auch beim Bevölkerungswachstum zeigt sich ein Muster: Die rund 10.000 neuen Einwohner, die Hamburg 2024 hinzugewonnen hat, zogen überwiegend in Stadtteile mit mittlerem oder hohem Status. Die Stadt führt die positiven Entwicklungen auch auf das Förderprogramm RISE zurück, das seit vielen Jahren gezielt in sozial benachteiligte Gebiete investiert – in öffentliche Räume, Bildungs‑ und Betreuungsangebote, Sportanlagen, Wege, Plätze oder Grünflächen. „Mit dem Rahmenprogramm verbessern wir die Lebensqualität der Bewohnerinnen und Bewohner“, so Pein. Rund 58,9 Millionen Euro flossen 2024 in 28 Quartiere, etwa 31,5 Millionen davon waren RISE‑Mittel. Ohne privates Engagement sähe es anders aus Während die Stadt den Erfolg der eigenen Programme betont, meldet die Wohnungswirtschaft zusätzlichen Erklärungsbedarf an. Der Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW) lobt die Entwicklung in den Quartieren grundsätzlich. Verbandsdirektor Andreas Breitner sagte am Montag: „Das sind zum Jahresausklang gute Nachrichten. Dazu beigetragen haben neben der Stadt viele ehrenamtliche Initiativen und die sozialen Vermieter, die in ihren Quartieren für den sozialen Frieden sorgen.“ Er kritisiert jedoch, dass diese Leistungen im Bericht nicht ausreichend erwähnt werden. „Es wäre fair gewesen, auch die Leistungen der Initiativen und der sozialen Vermieter zu würdigen“, so Breitner. Genossenschaften und die städtische Wohnungsbaugesellschaft SAGA betrieben in vielen Quartieren Nachbarschaftstreffs, Demenz‑Wohngemeinschaften, Wohn‑Pflege‑Angebote oder Quartiersmanagements. Ohne dieses Engagement sähe es „in den Quartieren anders aus“. Breitner warnt außerdem davor, staatliche Aufgaben angesichts knapper öffentlicher Haushalte zunehmend auf nichtstaatliche Akteure zu verlagern. „Angesichts der knappen öffentlichen Haushalte sehe ich Versuche mit Sorge, Elemente der öffentlichen Daseinsvorsorge auf nicht‑staatliche Akteure zu verlagern.“ Damit verbunden ist der Hinweis, dass gelingende Stadtentwicklung aus seiner Sicht immer an Bedingungen geknüpft ist. „Nur durchmischte Quartiere mit Eigentum und Mietwohnungen zu unterschiedlichen Miethöhen sind gute Quartiere.“