Der Großmeister des deutschen Schlagers erscheint nicht, er hat ein ärztliches Attest eingereicht, der Gesundheitszustand des 80-jährigen Münchners lasse die Reise nicht zu. Dabei würde man gerne seine Version der Dinge hören. Schließlich geht es an diesem Donnerstag im Duisburger Landgericht um sein Geld. 105.000 Euro verlangt der Insolvenzverwalter von Ralph Siegel (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/ralph-siegel/) . Das Geld soll von Siegel zugesichert, aber nicht bezahlt worden sein. Es ging dabei um die Finanzierung seines Musicals „’N bisschen Frieden – Rock’n’Roll Summer“, das im Oktober 2022 im Duisburger Theater am Marientor (TaM) Premiere feierte. Doch schon wenige Tage nach der Uraufführung war Schluss. Zu wenige Tickets waren für die angesetzten Vorstellungen verkauft, an manchen Tagen wohl keine hundert – und das in einem Theater mit mehr als 1500 Plätzen. Wolfgang DeMarco, Produzent des Siegel-Musicals und Geschäftsführer einer dafür gegründeten GmbH, zog die Reißleine, meldete Insolvenz an. Gehälter für Darsteller und andere Mitwirkende wurden nicht ausbezahlt. Es gab Strafanzeigen gegen DeMarco, doch die Ermittlungen wurden bald eingestellt. DeMarco ist jetzt als Zeuge geladen. Da Siegel nicht anwesend ist, kommt es vor allem auf seine Schilderung an, um beurteilen zu können, welche Zusagen Siegel gemacht hat. DeMarco, 60 Jahre alt, Berufsbezeichnung: Kreativdirektor, ist gut vorbereitet. Anhand seiner E-Mails, Gesprächsprotokolle und Kostenkalkulationen ergibt sich ein schlüssiges Bild: Mit Ralph Siegel sei besprochen worden, dass der Komponist als Gesellschafter einer eigens dafür gegründeten GmbH 300.000 Euro in die Produktion seines Musicals einbringe. Weitere 300.000 Euro sollten von den Gesellschaftern Marc und Daniel Schäfer kommen. Den Zwillingsbrüdern, Eigentümer diverser Duisburger Groß-Immobilien, gehört seit einigen Jahren auch das Theater am Marientor. Trotz der Abmachungen „musste ich jedem Cent nachrennen“, erzählt DeMarco, mit immer neuen Ausflüchten habe Siegel ihn hingehalten. Die Kommunikation, „anfänglich noch von Bussi-Bussi-Nachrichten überflutet“, nahm bald einen nüchternen Tonfall an. Und die letzten von DeMarco geforderten Überweisungen seien ausgeblieben. Das Musical hatte wieder ein bisschen Glamour nach Duisburg und ins Theater am Marientor bringen sollen, über dem zuletzt der Schatten des Misserfolgs lag. 2019 war dort ein anderes Musical in den Sand gesetzt worden – ebenfalls unter Beteiligung von Wolfgang DeMarco. Damals meldeten die Produzenten noch vor der Premiere Insolvenz an. Danach fanden im Theater vor allem Coronatests statt. Nun also sollte es Ralph Siegel richten, der Grandseigneur des deutschen Schlagers, der als Komponist und Produzent vor allem in den 1970er- und 1980er-Jahren dutzendfach Hits hervorgebracht hat, von „Fiesta Mexicana“ bis „Dschingis Khan“, mit unzähligen Platzierungen in den Charts und Teilnahmen beim Eurovision Song Contest, der damals noch „Grand Prix“ hieß. Dort feierte Siegel 1982 auch seinen größten Triumph, als die Sängerin Nicole mit seinem Lied „Ein bisschen Frieden“ den ersten Platz belegte. Man kann sich für einen Erfolgsverwöhnten wie Ralph Siegel attraktivere Szenarien vorstellen, als in einem glücklosen Theater einer krisengeschüttelten Ruhrgebietsstadt ein Musical an den Start zu bringen. Und doch muss die Verlockung groß gewesen sein. Siegel hatte schon als junger Erwachsener vom Broadway geträumt. Und nachdem er 2021 im bayerischen Füssen sein Musical „Zeppelin“ auf die Bühne gebracht hatte, sagte er in einem Interview, die Premiere habe ihn so überwältigt „wie sonst nur die Geburt meiner Kinder“. Möglich also, dass er auf der Suche nach solchen Glücksgefühlen nicht vorsichtig genug war, als er sich auf Duisburg einließ. Andererseits: Was sollte schiefgehen mit einem Musical, das den Titel eines Liedes trägt, das jeder Deutsche der Generation 40-plus kennt? So kalkulierte auch der Theater-Eigentümer Marc Schäfer, als er ins Siegel-Musical einstieg. Der 53-Jährige ist ebenfalls als Zeuge geladen. An Absprachen über konkrete Summen erinnere er sich nicht, Gespräche mit Siegel habe es so gut wie nie gegeben. Überhaupt habe er von der Musical-Branche keine Ahnung gehabt und sich auf DeMarco verlassen. Ein Risiko habe er in diesem „hemdsärmeligen“ Geschäft aber nicht erkennen können, wo man doch den „Top-Namen“ Siegel gehabt habe. Warum es dennoch schiefging und der Vorverkauf einfach nicht anlaufen wollte? Man kann nur mutmaßen. Waren die Siegel-Fans enttäuscht, weil das Musical keine Siegel-Hitparade versprach, sondern eine politisch angehauchte deutsch-deutsche Liebesgeschichte mit unbekannten Siegel-Liedern? Waren die Musical-Fans abgeschreckt, eben weil sie ein Potpourri aus abgedroschenen Siegel-Hits befürchteten? Oder lag es daran, dass die Produktion ein Schnellschuss war? Fehlte es an einer ausgefeilten Werbestrategie? In einem Interview, das Siegel nach der Insolvenz dem „Spiegel“ gab, sagte er: „Ich hätte mich nicht überreden lassen dürfen, in nur vier Monaten so ein Projekt hochzuziehen.“ Und schob die Schuld dem Produzenten DeMarco zu. „Es war wie eine Fehlgeburt mit einer unfähigen Hebamme.“ DeMarco hingegen schildert vor Gericht, dass Siegel es gewesen sei, der ihn belagert habe, um sein Stück aufzuführen. Und für mehr Werbung habe es ja kein Geld gegeben. Um Schuldfragen braucht sich Richterin Antje Reim nicht zu kümmern. Sie kündigt an, es werde bei diesem Sachstand darauf hinauslaufen, dass Siegel zahlen muss. Der Urteilsspruch erfolge Mitte Dezember. Damit ist die Verhandlung beendet. Wolfgang DeMarco macht sich auf den Weg zurück nach Wien, dort warte ein „großes Projekt“ auf ihn, sagt er. In Marc Schäfers Theater am Marientor wird noch am selben Tag ein neues Musical vorgestellt: „Malle Olé“ – mit echten Ballermann-Stars. Und Ralph Siegel? Kurzes Telefonat nach München: Er werde auf jeden Fall in Berufung gehen, kündigt er an.