Welt 22.01.2026
07:10 Uhr

Kaum ein Brite entkam. Die meisten wurden entkleidet und ausgeweidet


Nach der Eingliederung der Burenrepublik Transvaal ins Empire griffen britische Truppen im Januar 1879 das Königreich der Zulu an. Überheblichkeit und Inkompetenz sorgten dafür, dass ein Teil der Armee bei Isandhlwana in einen Hinterhalt geriet.

Kaum ein Brite entkam. Die meisten wurden entkleidet und ausgeweidet

Der Zustand der Welt zwischen dem Untergang Napoleons I. und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wird gern mit dem Schlagwort von der „ Pax Britannica (verlinkt auf https://www.welt.de/print-welt/article350161/Hitler-war-boese-Unsere-Bomben-nicht.html) “ umschrieben. Schließlich war England als großer Sieger aus dem Konflikt mit Frankreich hervorgegangen und hatte sich in den folgenden Jahrzehnten ein Empire geschaffen, dem auf seinem Höhepunkt etwa ein Viertel der Weltbevölkerung angehörte. Aber das schöne Wort vom „englischen Frieden“ vertuscht, dass natürlich in Europa, Asien und Amerika große internationale Kriege geführt wurden– man denke nur an den Krimkrieg (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article170035291/Krimkrieg-Die-groesste-Fehlleistung-der-britischen-Generalitaet.html) , die Kriege Frankreichs gegen Österreich (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article195686609/Solferino-1859-Die-blutigste-Schlacht-seit-Waterloo-Raeder-der-Geschuetze-zermalmten-Arme-und-Beine.html) , Preußens gegen Österreich (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article156742070/Koeniggraetz-1866-Diese-gigantische-Schlacht-schuf-Deutschland.html) und Frankreich (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article214567310/Schlacht-von-Sedan-1870-Dieses-unmenschliche-Geschoss-zerreisst-den-Koerper.html) , der USA gegen Mexiko (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article205501769/Mexikanisch-Amerikanischer-Krieg-So-gewannen-die-USA-fast-die-Haelfte-von-Mexiko.html) oder Russlands gegen Japan (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article256148626/Russisch-Japanischen-Krieg-Gelbe-Aeffchen-versenkten-21-russische-Kriegsschiffe.html) . Auch das Britische Empire war keineswegs ein Garant des Friedens. Historiker haben gezählt, dass allein unter Queen Victoria (reg. 1837–1901) 71 Kriege geführt wurden. Einer davon war der gegen den Staat der Zulu im südlichen Afrika 1879. In ihm erlitten die britischen Truppen die schwerste Niederlage, die je eine moderne Armee gegen Krieger ohne Feuerwaffen hinnehmen musste. 1877 hatte Großbritannien die Burenrepublik Transvaal (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article256389418/Burenkrieg-1881-Die-weissen-Helme-der-Briten-erwiesen-sich-als-gute-Zielscheiben.html) annektiert und schickte sich an, ganz Südafrika in seinen Besitz zu bringen. Sir Bartle Frere, der neue Hohe Kommissar, brach dafür einen Streit mit dem Königreich der Zulu vom Zaun. Als deren König Cetshwayo (ca. 1826–1884) ein auf 30 Tage befristetes Ultimatum nicht rechtzeitig erfüllte – die geforderten 600 Rinder konnten wegen Hochwassers nicht rechtzeitig herangetrieben werden –, befahl Frere, die „Wiedergutmachung für die Verletzungen des britischen Hoheitsgebiets“ mit militärischer Gewalt einzufordern. Mit 17.000 Mann, gut 11.000 Europäern und knapp 6000 Afrikanern, machte sich Generalleutnant Frederic Baron Chelmsford ans Werk. Der Sohn eines früheren Lordkanzlers hatte im Krimkrieg, in Indien, Abessinien und Afrika Erfahrungen gesammelt, zumeist allerdings in Stäben und weniger an der Front. Um die Zulu an einem Gegenangriff auf britische Besitzungen zu hindern und zugleich die Buren unter Kontrolle zu halten, teilte der 51-Jährige seine Truppe in fünf Kolonnen auf. Während zwei in Reserve blieben, sollten die anderen drei das Land in Besitz nehmen. Von den 40.000 Kriegern Cetshwayos schien keine Gefahr auszugehen. Zum einen verfügten sie kaum über Feuerwaffen, zum anderen hatte Frere den Termin für sein Ultimatum so gewählt, dass die meisten Männer mit dem Einbringen der Ernte beschäftigt sein würden. Aber in diesem Jahr hatte die Regenzeit erst spät eingesetzt, und das Getreide war noch nicht reif. Der Zulu-König hatte daher seine Armee fast vollständig beisammen, als die Briten vorrückten. Auch ersetzte Chelmsford weiträumige Aufklärung durch arrogante Selbstsicherheit. Das Bantuvolk der Zulu hatte Anfang des 19. Jahrhunderts aus den demografischen und politischen Veränderungen im Osten Südafrikas den Schluss gezogen, dass Expansion dem Hungertod vorzuziehen sei. Dafür hatte ihr König Shaka (ca. 1787–1828) eine radikale Militärreform durchgeführt. Fast alle jungen Männer eines Jahrgangs wurden in „Altersregimentern“ von etwa 1500 Mann zusammengefasst. Sie wohnten und trainierten gemeinsam, was ihre Kampfkraft und taktische Disziplin erhöhte. In der Schlacht bildeten die Zulu drei Treffen, die in Form eines Büffelhorns vorrückten: im Zentrum standen die Elitetruppen, an den Flanken die jungen Krieger, die den Feind halten oder umgehen sollten, und hinter beiden die Reserve aus kampferprobten Veteranen. Auch entwickelte Shaka eine neue Waffe, den Assegai, eine Art Stoßspeer mit einer breiten Klinge für den Nahkampf. Wenn die Klinge aus dem getroffenen Körper geglitten sei, habe der Krieger „Ngadla“ gerufen, was so viel hieß wie „Ich habe gegessen“, schreibt der Historiker Saul David (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Saul_David) . Wahrscheinlich erhielten die Zulu das dafür benötigte Eisen über die Buren. Weitere wichtige Waffen waren Wurfspeere, deren Spitzen im Feuer gehärtet wurden, sowie ein Schild, mit dem man sich am Gegner festhaken konnte. Mit diesem Heer überzogen die Zulu ihre einheimischen Nachbarn mit Krieg und errichteten ein Königreich, das im Norden von der Burenrepublik Transvaal und im Süden vom britischen Natal und von den Drakensbergen begrenzt wurde. Dieses Militärsystem war auch unter Shakas Neffen Cetshwayo noch einigermaßen intakt. Auf jeden Fall konnte er den Invasoren mit mehreren Zehntausend Kriegern entgegentreten, was Chelmsfords Spähern allerdings entging. Auch an seine eigene Dienstvorschrift hielt sich der britische General nur bedingt. Als er beim östlichen Ausläufer des Isandhlwana-Bergrückens eine Rast machte, hob er die Regel, dass jeder Lagerplatz umgehend zu befestigen sei, mit dem Hinweis auf, es handele sich nur um einen kurzfristigen Aufenthalt. Am Abend des 21. Januar 1879 erhielt Chelmsford die Nachricht, dass sich etwa 1500 Zulu in den Bergen verschanzt hätten. Da der General selbst bei einem Erkundungsritt keine Zulu entdeckt hatte, ging er davon aus, dass seine Späher auf die Hauptmacht gestoßen seien, und ordnete für den folgenden Morgen den Abmarsch des größeren Teils der Armee unter seiner Führung an. Im Lager blieben 1700 Mann zurück, darunter 600 afrikanische Hilfstruppen, denen die Briten aus Angst vor möglichen Aufständen nur wenige Gewehre zubilligten. Der General war bereits einige Kilometer marschiert, als ein Bote ihm die Nachricht des zurückgebliebenen Obristen Henry Pulleine meldete, dass eine „große Zulu-Streitmacht von links vorne aufs Lager zumarschiert“. Da Chelmsford Pulleines Truppe für stark genug hielt, mit den Zulu fertig zu werden, zog er weiter. Als Gewehrfeuer aus der Richtung des Lagers laut wurde, deutete er dies als Schießübungen. Tatsächlich hatten sich in aller Stille unweit des britischen Lagers 20.000 Zulu-Krieger in einer Senke versammelt. Nachdem Chelmsford mit seinen Leuten abgezogen war, gingen sie zum Angriff über. Anstatt sich in eine Wagenburg zurückzuziehen, verzettelte Pulleine seine Truppen, während das Gros seiner einheimischen Helfer beizeiten das Weite suchte. Zu allem Überfluss machte sich Oberst Anthony Durnford daran, eine Gruppe Zulu zu verfolgen. Solange die Briten über genügend Munition für ihre einschüssigen Hinterlader verfügten, konnten sie die Angreifer auf Distanz halten. Aber als das Feuer schwächer wurde, begann der Kampf Mann gegen Mann. „Diese roten Soldaten in Isandlwana, wie wenige sie waren und wie sie kämpften! Sie fielen wie Steine – jeder Mann an seinem Platz“, erinnerte sich ein Zulu-Krieger (verlinkt auf https://www.anglozuluwar.com/about-the-anglo-zulu-war-of-1879/isandlwana/) . Die Briten hatten gegen die Übermacht keine Chance. Beide Abteilungen wurden aufgerieben, die Obristen fielen. Von 1700 Männern im Lager konnten sich nur 55 weiße und 300 afrikanische Soldaten zu den eigenen Truppen durchschlagen. Die Körper der Gefallenen wurden von den Zulu ausgeweidet, um sicherzustellen, dass ihre Geister den Siegern nicht mehr gefährlich werden konnten. Die Hauptverantwortung für die Katastrophe habe Chelmsford getragen, der seinen Feind fahrlässig unterschätzte, urteilt der Historiker Saul David (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Saul_David) . Er hatte es versäumt, Befestigungen anzulegen und für verlässliche Aufklärung zu sorgen. Dass sich britische Truppen bei umsichtiger Führung durchaus gegen Zulu-Kämpfer behaupten konnten, bewiesen am selben Tag 139 Mann bei der Verteidigung der Missionsstation Rorke’s Drift, wo sie 4000 Angreifer auf Distanz hielten. Die Zulu hatten ihren Sieg teuer erkauft. Mehr als 1500 Krieger waren gefallen. Ihr König verzichtete daher auf einen Angriff auf Natal. Chelmsford schob die Schuld den gefallenen Kommandeuren zu. Als er erfuhr, dass Garnet Joseph Wolseley ihn ablösen sollte, setzte er alles daran, bis zu dessen Eintreffen mit einem weiteren Feldzug das Unternehmen zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen. Vor Cetshwayos Hauptstadt Ulundi kam es im Juli zur Entscheidungsschlacht, bei der die Briten auch Gatling-Maschinengewehre einsetzten. Nach zwei Stunden war das Zulu-Königreich Geschichte. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Militärgeschichte zu seinem Arbeitsgebiet .