Für Außenstehende ist der kollektive Freudentaumel schwer zu verstehen, in den die Menschen im Rheinland und in anderen Karnevalshochburgen in diesen Tagen verfallen – zumal in Zeiten globaler Krisen und Unsicherheiten. Warum tun sie das? Das ist eine Frage für den Kölner Psychotherapeuten Wolfgang Oelsner, der den Karneval seit Jahrzehnten zu ergründen sucht. WELT: Herr Oelsner, Karneval und Krise – wie passt das zusammen? Wolfgang Oelsner: Berechtigte Frage, wenn man so in die Welt hineinschaut. Ich fange mal woanders an: Derzeit laufen die Olympischen Winterspiele. Passt so etwas, während anderswo die Kanonen sprechen? WELT: Wie lautet Ihre Antwort? Oelsner: Es gibt den Begriff des olympischen Friedens. Unsere Vorfahren hatten es vor zweieinhalbtausend Jahren nicht anders angetroffen als wir – mit kriegerischen Auseinandersetzungen aller Art. Dennoch hatten sie die Sehnsucht, aber auch die Fähigkeit, eine Auszeit quasi im illusorischen Raum zu installieren. Eine Zeit, in der die Waffen schwiegen. So kam der Begriff des olympischen Friedens in die Welt. WELT: Kommen wir zurück zum Karneval… Oelsner: Vielleicht gibt es auch so etwas wie einen närrischen Frieden, der für eine bestimmte Zeit unter den Menschen vereinbart wird. Er entspringt der Sehnsucht nach einer Anderswelt, in der wir jemand anderes sein dürfen, in der aber auch unser Verhältnis zu den anderen anders sein darf als sonst. Ohne dass wir befürchten müssen, wir hätten einen an der Klatsche und würden die schlimme Realität nicht sehen. Ganz wie in unseren Kindertagen tun wir noch einmal so, als ob… WELT: In der Geschichte des Karnevals gab es immer wieder Krisenzeiten. Oelsner: Es ist sogar so, dass es kaum einmal längere Phasen ohne Krisen gab. WELT: Und was bedeutete das für dieses Fest? Oelsner: Allein zwischen 1900 und 1950 hatten wir, grob überschlagen, nur in der Hälfte der Jahre offizielle Karnevalssessionen und Rosenmontagszüge. Weltkriege, Inflation, Besatzung – in den sogenannten schlechten Zeiten gab es keine Kraft oder Genehmigungen für die großen Karnevalsveranstaltungen. Was aber nicht heißt, dass nicht privat und in kleinen Zirkeln gefeiert wurde. In den Jahren, die ich als Nachkriegskind erlebt habe, stand der Karneval mehrfach zur Disposition, etwa 1962 bei der Flutkatastrophe in Norddeutschland oder nach dem Grubenunglück von 1963 in Lengede, bei dem viele Bergleute verschüttet worden waren. Beide Male wurde diskutiert, ob man bei uns im Rheinland feiern darf, während anderswo die Menschen in der Katastrophe leben. Man hat sich damals dafür entschieden. 1991, während des Golfkriegs, kam es erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg dazu, dass Sitzungen und Umzüge abgesagt wurden. WELT: In der jüngsten Vergangenheit waren es dann Corona und der Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022, die zur Absage von Karnevalszügen führten. Oelsner: An diesen beiden Beispielen sieht man auch, dass der Karneval Kräfte freisetzen kann. Denn es geschah ja nicht nichts. WELT: Was meinen Sie damit? Oelsner: Beim Beginn des Ukrainekriegs kam es in Köln zur größten Friedensdemonstration der Nachkriegszeit. Hunderttausende funktionierten den Umzug um, sie verwendeten dazu Lieder und die Farben des Karnevals, um Protest und Bestürzung zu bekunden. Das muss ein Brauchfest erst einmal können: Seine Requisiten bereitstellen für andere Zwecke, weil bei den Menschen in diesem Moment eine Sehnsucht nach Frieden berührt wird. Das passierte auch schon beim Zweiten Golfkrieg mit dem sogenannten Geisterzug. Auch da war meiner Ansicht nach nicht der Ausfall des Rosenmontagszugs das Entscheidende, sondern die Kraftentfaltung karnevalistischer-närrischer Symbole und Rituale als Gegenwehr. WELT: Das müssen Sie den Nichtkölnern erklären. Oelsner: Am Rosenmontag 1991 tat sich die nicht-organisierte friedensbewegte Szene mit den konventionellen Karnevalisten zusammen, gemeinsam zogen sie durch die Innenstadt. Und diese Energie führte dazu, dass sich die Menschen danach auf die alte Tradition der Geisterzüge besannen und ein urkarnevalistisches Motiv wiederbelebten: Lasst uns das zum Thema machen, was wir eigentlich fürchten – die Mächte der Dunkelheit, die Gefahr, den Spuk, das Unheimliche – um es damit zu bewältigen. In der Psychologie ist das ein oft beschriebener Zusammenhang: Wenn dir etwas Angst macht, hast du zwei Möglichkeiten. Du kannst entweder fliehen, oder du kannst in die Gegenwehr gehen. Kinder machen dann: Buh! Das bedeutet ja: Die anderen sollen sich erschrecken, nicht ich. Den Kölner Geisterzug gibt es übrigens noch immer. WELT: Außerhalb des Rheinlands gab es nur begrenzt Verständnis dafür, dass Menschen ernsten Krisen wie Corona oder dem Ukrainekrieg mit Karnevalskostümen begegneten. Oelsner: Ich würde entgegnen: Schaut euch doch die Bilder genau an! Am Rosenmontag 2022 fanden keine Partys auf den Straßen statt. Man sah hochgehaltene Pappschilder. Man hörte Lieder, die zwar durch den Karneval bekannt geworden waren, aber doch zu diesem Anlass passten – wie zum Beispiel „Mir klääve am Lääve“, zu Deutsch: Wir hängen am Leben. Mit Attributen des närrischen Fests wurde die Botschaft der Lebensbejahung rübergebracht und das Miteinander beschworen. Gruppen, denen man im Karneval normalerweise eine Gegnerschaft unterstellt, gingen Arm in Arm, um zu demonstrieren, dass es einen Punkt gibt, ab dem man zusammenhalten muss. Von außen betrachtet mag das vielleicht schlicht wirken, aber genau darin sehe ich die Chance eines Brauchs. WELT: Die Chance eines Brauchs? Oelsner: Ja. Bräuche dimmen komplizierte Themen auf ein sehr basales Level herunter. Über das Zusammenwirken von Memento mori und Carpe diem kann man in der Psychologie oder Philosophie dicke Wälzer schreiben. Es gibt aber auch einen rheinischen Spruch, der das in einem Zweizeiler zusammenfasst. WELT: Und der lautet? Oelsner: Ich zitiere mal auf Hochdeutsch: „Macht euch Freude, so lange es geht. Das Leben dauert keine Ewigkeit.“ Volksbräuche und ihre Rituale erreichen uns nicht über die intellektuelle Schiene, aber sie entwickeln auch ohne akademische Durchdringung im Vorbewussten der Menschen eine Kraft. Das können wir im Moment auch in Düsseldorf und bei den Mottowagen von Jacques Tilly sehen. WELT: Gegen Tilly wird gerade in Moskau ein Prozess geführt, weil er sich mit seinen Karnevalswagen über Putin lustig gemacht hat. Oelsner: Genau. Aber warum gerade Tilly? Seine Themen werden jeden Abend tausendfach etwa im Kabarett verhandelt. Aber dort geschieht das mit Worten, also auf einer mehr intellektuellen Ebene. Auf dem Karnevalswagen wird es plakativ und für jeden verständlich runtergebrochen. Tilly macht thematisch nichts Neues, aber seine Bildsprache macht es vielen zugänglich. Und, das ist wichtig: Das Ganze findet in der Gemeinschaft, öffentlich, statt. WELT: Die Gemeinschaft, die Sie hier beschwören, steckt auch in der Krise. Flüchtlingskrise, Corona, Energiewende, Wokeness – an vielen Themen scheiden sich die Geister, Freundschaften gehen deswegen zu Bruch. Ist das nicht auch eine Belastung für so ein Gemeinschaftsfest wie den Karneval? Oelsner: Wenn ich beim Karneval jemanden unterhake und schunkle, fragt doch keiner, wählst du links oder rechts. Das ist in dem Moment ausgeklammert. Ähnlich wie im Fußballstadion. Es ist wichtig, dass es außerhalb der politischen Realität etwas Verbindendes gibt. Früher war das vielleicht mehr die Religion. Es kann aber auch ein Brauchgeschehen sein. Allerdings ist das ein Spiel im utopischen Raum. Spätestens nach Aschermittwoch wissen wir: So ist die Welt nicht. Aber die Idee davon wurde zumindest im Spiel gelebt, als sehnsuchtsvolle Option. Das ist nicht wenig. Ich würde Ihre Frage aber gerne noch mit einem weiteren Beispiel aus der Geschichte beantworten. WELT: Nur zu! Oelsner: In Köln haben wir ja die Roten Funken als die Urform einer Truppe, die das preußische Militär parodiert und persifliert. Das war als Verulkung der preußischen Besatzung gedacht. Man exerzierte krumm und schief und überhaupt nicht preußisch. Mit der Reichsgründung 1870/71, nach dem Franzosenkrieg, wurde das vielen zu läppisch. Manche Roten Funken fanden nun, dieses Treiben sei Majestätsbeleidigung – sie spalteten sich ab und gründeten die Blauen Funken. Die machen bis heute genau das Gegenteil, sie exerzieren stramm und exakt. Auch da haben wir also eine Spaltung. Dennoch waren beide Gruppen in der Lage, im gemeinsamen Karneval jeder Richtung einen Platz einzuräumen. Denn beides, Anarchie wie Strammstehen, geschieht mit Augenzwinkern. Es wirkt ein dialektisches Prinzip: Das Gegensätzliche bleibt – und zugleich gibt es eine Form, in der die Gegensätze überwunden werden. WELT: Wenn man Sie so reden hört, könnte man meinen, dass im Rheinland überwiegend glückliche Menschen leben. Der Glücksatlas Deutschland spricht allerdings gegen solche Schlussfolgerungen. Die Kölner liegen da weit hinten. Oelsner: (lacht) Schwer zu beurteilen. Wir haben hier ein Denkmal, das an die Nachkriegsjahre 1945 bis 1955 erinnert. Auf dem ist ein Vers aus einem Lied eingemeißelt. „Weil jet Spass brudnüdig es!“, zu Deutsch: „Weil etwas Spaß so nötig ist wie Brot“. Übertragen auf das Ranking im Glücksatlas bedeutet das: Wenn die Kölner da so weit unten stehen, dann haben sie ein solches Fest gerade nötig. Aber mal im Ernst: Auf Bräuche ist Verlass. Sie sind etwas anderes als ein Event. Wir pflegen sie auch in schwierigen Zeiten. Und das kann Kräfte freisetzen, die der Psychohygiene zuträglich sind. WELT: Auch das müssen Sie uns erklären. Oelsner: Wir wissen aus der Traumaforschung: Wenn ein Mensch etwas Schlimmes erlebt oder gesehen hat, sollte er Faustregeln beherzigen wie: Tu etwas, auch wenn es vielleicht unsinnig erscheint; sag etwas – und vergemeinschafte dich! All das war etwa im Karneval 2022 erkennbar. Ob das immer die gewünschte Wirkung hat, ist eine andere Frage. Aber nichts zu tun ist die schlechteste Lösung. WELT: Sie selbst sind ein Urgestein des Karnevals, Sie gelten als Brauchtumsversteher und Karnevalsphilosoph. Dennoch: Zweifeln Sie nicht auch manchmal am Gegenstand Ihrer Forschung? Oelsner: Ich stehe ja beim Feiern weiß Gott schon lange nicht mehr in der ersten Reihe. Und es wäre naiv, manch hässliche Nebenwirkungen wie etwa Alkoholmissbrauch zu übersehen. Manches läuft in der Karnevalsmaschinerie auch zu routiniert, Jahr für Jahr perfekt geölt. Wie gesagt: Nebenwirkungen. Doch zugleich bleibt die Faszination. Das beginnt gleich nach Neujahr. Da steht in Köln immer der Gottesdienst zu Sessionsbeginn im Dom an. Das Wetter ist meist scheußlich. Und für mich gibt es dann nichts Unpassenderes, als zu Hause vom Weihnachtsbaum aufzubrechen. Aber dann gehe ich hin und sehe sie dort stehen: Hunderte Vertreter der Tanz- und Jugendgruppen mit ihren bunten Kostümen und Fahnen – verlässlich und erwartungsfroh. Dass diese Kontinuität im organisierten Karneval nun schon seit über 200 Jahren greift und bis heute anhält – dafür muss man vielleicht erst alt werden, um darin auch ein Symbol für den Fortbestand der Welt zu sehen. Wolfgang Oelsner ist 1949 in Opladen bei Leverkusen geboren. Bereits als Jugendlicher trat er als Trompeter mit verschiedenen Bands bei Veranstaltungen im Kölner Karneval auf. Oelsner ist Sonderpädagoge sowie Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche. Schwerpunkte seiner Arbeit: Schulverweigerung, Autismus- und Angststörungen. Außerdem erforscht er seit vielen Jahren die Psychologie des Karnevals. Er hat mehrere Bücher zum Thema geschrieben. Im vergangenen Jahr wurde er für sein Engagement für den Karneval mit dem Rheinlandtaler geehrt.