Welt 17.02.2026
06:41 Uhr

Karajan – Aufstieg und Fall in Hitlers Reich


Der Dirigent Herbert von Karajan wurde in der Nazi-Zeit zum Star. Das gelang auch, weil Göring und Goebbels in Berlin miteinander konkurrierten. Der Historiker Michael Wolfssohn beschreibt, wie eine Wagner-Aufführung Hitler enorm missfiel – mit Folgen.

Karajan – Aufstieg und Fall in Hitlers Reich

Am 8. April 1938 – auf den Tag genau fünf Jahre nach seinem in Salzburg beantragten und erst im März 1935 in Aachen erfolgten Eintritt in die NSDAP – dirigierte Herbert von Karajan erstmals die Berliner Philharmoniker. Wegen seiner Parteizugehörigkeit, protegiert von einer der NS-Größen? Weder dies noch das lässt sich belegen. Aber Karajan war eben „dran“, denn selbst dieses Orchester musste immer neu beweisen, dass die wirklich Guten und Großen natürlich mit diesem Klangkörper musizierten. Immerhin hatte Karajan bereits am 1. Juni 1937 in der nicht ganz unbedeutenden Wiener Staatsoper den „Tristan“ dirigiert. Patron der Berliner Philharmoniker war Joseph Goebbels (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/joseph-goebbels/) , der, das muss man einräumen, auf Qualität achtete. Für Dirigentenqualität des Orchesters sorgte Wilhelm Furtwängler, den Goebbels nach Kräften förderte. Um von diesem einen Großen nicht abhängig zu werden, brauchte Goebbels einen Furtwängler-Konkurrenten. Ideal hierfür: der aufstrebende Karajan. Somit war Furtwängler erpressbar und nicht mehr Goebbels. Punkt eins. Punkt Zwei: Im Kampf um die NS-Kulturkrone hatte Goebbels seinerseits einen Konkurrenten: Hermann Göring (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/hermann-goering/) . Ihm, als Ministerpräsident Preußens, unterstanden die Kultureinrichtungen des Landes, allen voran die Berliner Staatsoper. Günstig für Karajan. Goebbels und Göring instrumentalisierten beide, Furtwängler und Karajan. In ihrem Eitelkeitswettbewerb wähnten sich die zwei Musiker als selbststeuernde Subjekte, tatsächlich wurden sie von Goebbels und Göring als Objekte ihres NS-internen Machtkampfes hinter und unter dem „Führer“ instrumentalisiert. Am 30. September dirigierte Karajan an der Staatsoper Berlin Beethovens „Fidelio“. Publikum begeistert, Presse positiv. Dann aber der Durchbruch: 21. Oktober 1938 in der Staatsoper: „Tristan und Isolde“ in der Inszenierung von Heinz Tietjen – seit 1926 auf einem SPD-„Ticket“ Intendant, dann nationalsozialistisch gewendet. Allseitige Begeisterung. Überschrift der „BZ am Mittag“ vom 22. Oktober 1938: „Das Wunder Karajan“. Der Kritiker Edwin von der Nüll. Hymnisch. Das interessiert uns im Zusammenhang mit Karajans tatsächlichem oder vermeintlichen Gesinnungsnazismus: Stramm-Deutsche mochten seinen Wagner nicht oder nicht unbedingt, und der „Führer“, allerdings aus anderen Gründen, seit dem 2. Juni 1939, nach den angeblich vom Maestro verpatzten „Meistersingern“, erst recht nicht. Mama Marta Karajan hatte sich unmittelbar nach der hymnischen „Tristan“-Kritik beim Rezensenten bedankt. Aber: „Aus einem Absatz durfte ich entnehmen, dass ich in der Sorge, mein Kind vergisst über sein ernstes Schaffen seine Gesundheit zu schonen, in Ihnen einen Verbündeten gefunden habe. Es dankt Ihnen von Herzen für diese Worte aus tiefster Seele Ihre M.K.“ Der Kritiker antwortete der „Sehr geehrten gnädigen Frau“ ebenfalls unverzüglich: „Ihre sehr herzlichen Zeilen aus Anlass der Tristan-Aufführung Ihres Sohnes haben mir eine große Freude gemacht. Was an mir liegt, so dürfen Sie mich in dem von Ihnen berührten Punkte jeder Zeit (sic) als Ihren Verbündeten betrachten. Ich hoffe und wünsche mir eins: dass Ihr Sohn recht bald mit allen Vollmachten hier an der Stelle wirkt, die seinem Genie entspricht.“ Der (wie Karajan?) maßlos eitle Furtwängler war über jene Jubelrezension noch Jahre später, während seiner Entnazifizierungsanhörungen, tief verletzt. Göring dürfte zufrieden gewesen sein, denn Berlins Staatsoper war sein „Revier“, nicht Goebbels-Territorium. Bis heute vermuten viele Karajan-Biografen, dass von der Nüll nicht Autor der Wunder-Kritik gewesen sei. Mag sein, mag nicht sein, eindeutig beweisbar ist weder da Ja noch das Nein. Von der Nüll zählte seinerzeit zu den bekannten Musikkritikern. Zumindest dürfte er am 21. Oktober 1938 in der Staatsoper anwesend gewesen und vom jungen Karajan tatsächlich stark beeindruckt gewesen sein. Hätte er sonst der stolz-besorgten Mutter gegenüber das Superlativwort „Genie“ gebraucht? Die Leistung des neuen Stars stimmte offensichtlich, und sie bewirkte den Durchbruch. Dirigenten mit Parteibuch gab es viele, aber nur einen Karajan, mit dem Göring und Intendant Tietjen Goebbels mit „seinem“ Furtwängler Contra bieten konnten. Wir erkennen Karajan sowohl als selbsthandelndes, dirigierendes, Höchstleistungen erbringendes Subjekt einerseits und andererseits als Objekt des Regimes, zu dessen Alltag die Rivalität der Unterführer gehörte. „Divide et impera“, teile und herrsche, wie vor ihm viele andere nach Kaiser Augustus beherrschte auch „Führer“ Hitler diese Technik der Machtausübung. Karajan? Mittel zum Zweck. Nunmehr bestens abgesichert – einstweilen. Am 6. November berief ihn Göring als Preußens Ministerpräsident an Berlins Staatsoper. Generalmusikdirektor in Aachen konnte er bleiben. Fortan führte er, zwischen beiden Städten pendelnd, eine Spagatexistenz. Seiner Ehe mit Elmy war sie nicht bekömmlich. Weiter aufwärts: An „Führers Geburtstag“, dem Fünfzigsten, am und zum 20. April 1939, ernannte ihn derselbe zum „Staatskapellmeister“. Vorsicht bei einer Überbewertung. Anlässe dieser Art waren auch im NS-Staat Routine, wenngleich die Laudatio bombastisch klang: „Mit der Ernennung Herbert von Karajans zum Staatskapellmeister hat die wohl stärkste Dirigentenbegabung der jungen Generation die verdiente Anerkennung gefunden.“ Immer wieder: Herrschaft in „Dritten Reich“ basierte auf „Verführung und Gewalt“ (Thamer). Beides konnte rasend schnell aufeinander folgen, wie das Wetter im Gebirge, auch Hitlers Ein- und Wertschätzung Karajan gegenüber… Wie konnte, wie sollte das Objekt solcher NS-Herrscherlaunen ein „ardent Nazi“ gewesen oder geworden sein? Das jedenfalls war bereits seit 1945/46 die Einschätzung des US-Geheimdienstes. Sie begleitete ihn bis zu seinem Tod, mal öffentlich, mal nichtöffentlich. Dabei war die Fehleinschätzung eigentlich leicht nachweisbar, denn: Dem Durchbruch folgte der Einbruch in Windeseile: 2. Juni 1939. Goebbels in seinem Tagebuch: „Herrlicher Sommer. Und dabei abends in die Staatsoper. Meistersinger.“ Heißt: Goebbels wäre lieber in seinem Schwanenwerder-Anwesen am Großen Wannsee gewesen. „Aber es ist eine wunderbare Aufführung … Karajan dirigiert. Ich höre ihn zum ersten Male. Aber er überzeugt mich nicht richtig. Er dirigiert noch zu hastig und zu ungleichmäßig. Mit Furtwängler gar nicht zu vergleichen. Der ist ein inspirativer, genialer Kopf.“ Vielleicht hätte auch Hitler lieber den Sommerabend genossen. Immerhin, des Hyperdeutschen Wagner „Meistersinger von Nürnberg“ zählte zu seinen Lieblingsopern. Der „Führer“ höchstpersönlich kam mit Prinzregent Paul von Jugoslawien zur hochsommerlichen Festaufführung. Doch Genuss? In der Hauptrolle des „Führers“ Lieblingstenor Rudolf Bockelmann. Karajan dirigierte, wie so oft, ohne Partitur, was Hitler – später von Furtwängler darin bestärkt – eigentlich für ausgeschlossen hielt. Dann das Malheur, das die „fachmännische“ Be- und Verurteilung des „Führers“ von Karajan „bestätigte“: An einer Stelle „wackelte“ die Aufführung erheblich. Manche meinten und sagten, Bockelmann habe einmal mehr zu tief ins Glas geschaut, doch Hitler „wusste“ es genau: Karajan sei schuld. „Anmaßend“ sei es, dass ein junger Dirigent „ein großes Werk ohne Noten“ dirigiere. Nie wieder werde er ein Konzert oder eine Oper besuchen, wenn Karajan dirigiere. Sprach’s. Damit war Karajan im und fürs „Dritte Reich“ eigentlich erledigt. Dazu eben jener zitierte, lauwarme Kommentar von Goebbels, der zugleich nicht unzufrieden sein konnte. Das Malheur beschädigte Görings Spielwiese. Dennoch: Karajans im November 1938 frisch geschlossener und von Göring unterzeichneter Vertrag mit der Staatsoper blieb noch gültig, ebenso der Aachener, doch deren Ende, und damit Karajans materielle Luftexistenz, war absehbar. Wer wollte, wer würde, wer könnte Hitler ohne Karriere- oder andere Risiken widersprechen und einen von ihm Geächteten (be)halten oder gar fördern? Wer diese Grundtatsache nicht erkennt, verkennt ganz allgemein die Struktur des „Dritten Reiches“ sowie besonders Karajans Aufstieg und eben Fall im „Dritten Reich“. Sein Fall setzte sich bis 1942 fort. Spätestens im Frühjahr 1941 hatte Görings Luftwaffe die Schlacht um „Enge-land“ verloren. Nun sank sein Stern im NS-Machtgefüge. Aus dem kulturpolitischen Duopol Göring-Goebbels wurde das Goebbels-Monopol. Im Frühjahr 1942 verlor Karajan zweierlei. Seine Stelle als Aachener Generalmusikdirektor und viele der künftig erhofften Dirigate an Berlins Staatsoper. Deren Zahl wurde drastisch verringert. Wer hatte die Weichen gestellt? Goebbels. Er mochte Karajan auch deshalb nicht: Der junge Mann stellte Forderungen. Das war Deutschlands Kulturzar nicht gewohnt. Strafe musste sein. Auch für „Rassenschande“, denn im Oktober 1942 hatte der „Schöne Herbert“ eine (NS-Deutsch) „Vierteljüdin“ geheiratet. Das war selbst gemäß den Nürnberger Gesetzen erlaubt, doch bei Prominenten ungern gesehen. Goebbels grollte und ließ das Karajan merken. Aber selbst heutige Spitzen-Historiker konstruieren kontrafaktisch sogar von 1942 bis 1945 Karrierevorteile für den Formal-, doch nicht Gesinnungsnazi Karajan. Inwieweit sind „Alternative Fakten“ ein Phänomen unserer Zeit? Dieser Text ist der Vorabdruck aus dem Kapitel „Nazifizierung“ des am 16. Februar erscheinenden Buches von Michael Wolffsohn „Genie und Gewissen – Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus“, Verlag Herder, 368 Seiten, € 26