Es ist ein warmherziger Empfang, als Karoline Preisler die Bühne im Logensaal der Hamburger Kammerspiele betritt. Etwa 100 Gäste sind am Montagabend in das Theater inmitten des jüdisch geprägten Grindelviertels gekommen, um der Frau zu lauschen, die aus Sicht vieler Beobachter im Kampf gegen Antisemitismus derzeit den Unterschied ausmacht. Jene Aktivistin und FDP-Politikerin, die sich Woche für Woche bei propalästinensischen Demonstrationen mit ihrem Schild „Rape is not resistance“ („Vergewaltigung ist kein Widerstand“) gegen israelfeindliche und islamistische Parolen positioniert und dabei beschimpft, bespuckt und geschlagen wird – und das, obwohl sich ihr Einsatz, wie Preisler es beschreibt, „auf den kleinsten gemeinsamen Nenner beschränkt: die Achtung der Menschenrechte“. Die Liberalen Frauen Hamburg, eine Vorfeldorganisation der FDP, hatten ihre Parteifreundin Preisler zu einem Austausch über Antisemitismus und Zivilcourage eingeladen – gemeinsam mit Alina Treiger, (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/article253722078/Juedische-liberale-Gemeinde-Sie-wird-Deutschlands-erste-Landesrabbinerin.html) der Landesrabbinerin der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hamburg und ersten in Deutschland ordinierten Rabbinerin seit der Shoah. Ein intensiver Abend, an dem etlichen Gästen im Publikum bisweilen der Atem stockt, in den Augen mancher Tränen schimmern, als die Protagonistinnen von ihren Begegnungen und Erlebnissen seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023 berichten. Vor allem Preisler hatte sich für die mittlerweile freigelassen israelischen Geiseln eingesetzt. Was beide Frauen in dem 90-minütigen Gespräch - moderiert von der ehemaligen FDP-Bundestagsabgeordneten Ria Schröder - vor allem eint, ist ihr unerschütterlicher Fokus auf Menschlichkeit, auf das Aushalten unterschiedlicher Perspektiven, auf Zuhören, auf Gespräche, auf ein Miteinander. Jede Relativierung oder Rechtfertigung sexualisierter Gewalt im Kontext antisemitischer oder antiisraelischer Narrative hingegen weisen Preisler und Treiger zurück. Vergewaltigung dürfe niemals als politischer „Widerstand“ legitimiert werden – unabhängig davon, gegen wen sie sich richte. Ferner berichten die Protagonistinnen, was Zivilcourage bedeutet, was es heißt, im Alltag Haltung zu zeigen, antisemitischen Parolen zu widersprechen und nicht zu schweigen – angefangen in der Familie, im Freundeskreis, im Job und selbst dann, wenn es persönlichen Mut kostet. „Aus historischer Verantwortung heraus verstehe ich Zivilcourage als Pflicht, stehenzubleiben, Unrecht klar zu benennen und demokratische Mittel zu nutzen. Veränderung beginnt dort, wo wir deutlich sagen: So nicht“, sagt Preisler. Ihre bloße Anwesenheit ist für viele Provokation 1971 in Ost-Berlin geboren, wurde die Juristin einer breiteren Öffentlichkeit durch ihr „Corona-Tagebuch“ bekannt, in dem sie ihre eigene Erkrankung dokumentierte. Gegen Antisemitismus bäumt sie sich bereits seit Jahrzehnten auf, zunächst auf Kundgebungen von Rechtsextremen, nun von Linksextremen, Verschwörungsideologen und Hamas-Sympathisanten. Dort, vor Ort, ist Preislers Anwesenheit für viele eine Provokation. Und die Radikalisierung, die sie regelmäßig zu spüren bekomme, „durchzieht längst alle gesellschaftlichen Milieus“, sagt die Mutter von vier Kindern. „Dass sie sich von all den Widerständen, die ihr begegnen, nicht hindern lässt, macht sie zu einem Vorbild für uns alle“, sagte der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, als er Preisler im November mit dem Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage auszeichnete (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article690ba2813accce547bb0b0b5/vorbild-fuer-uns-alle-zentralrat-der-juden-ehrt-karoline-preisler-fuer-ihren-einsatz-auf-demos.html) . „Eine geeignetere Preisträgerin kann ich mir nicht vorstellen.“ Paul Spiegel (1937-2006) war Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Für Preisler selbst, so betont sie, ist ihre Form des Aktivismus eine Selbstverständlichkeit – vor dem Hintergrund des Holocausts und der aktuell wieder wachsenden Gefahr jüdischen Lebens in Deutschland, Europa und der Welt. Im ersten Halbjahr 2025 erfassten die Behörden hierzulande 2.044 antisemitische Straftaten, darunter 50 Gewalttaten. 2024 wurden 6.236 antisemitische Straftaten registriert, 173 davon Gewalttaten – ein neuer Höchststand. Bereits von 2022 auf 2023 hatten sich die antisemitischen Straftaten im Kontext des Krieges im Nahost fast verdoppelt. So kritisiert Preisler am Montagabend in Hamburg, dass der moderne Antisemitismus häufig unter dem Deckmantel von Aktivismus oder vermeintlicher Israelkritik auftrete – in den Medien, an Universitäten, in der Mitte der Gesellschaft. Und Treiger mahnt: „Der massive Anstieg antisemitischer Vorfälle in Deutschland nach dem 07.10.2023 zeigt, wie schnell Entmenschlichung Raum ergreift.“ Zivilcourage bedeute, dem entschlossen zu begegnen, Menschenleben zu schützen und nicht zu warten, wenn Gutes zu tun ist. „Sie muss wie Erste Hilfe geübt und gesellschaftlich verankert werden.“ „Kampf gegen Antisemitismus gemeinsame Aufgabe aller“ Eine Einschätzung, die Hamburgs zurückgetretener Antisemitismusbeauftragter (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/article68dcdc13eb7e531160b3f5b1/bedrueckendes-signal-nach-hass-und-uebergriffen-gibt-hamburgs-antisemitismusbeauftragter-sein-amt-auf.html) Stefan Hensel bei der Veranstaltung in den Kammerspielen teilt, als er dem Publikum zuruft: „Wir lassen uns als Gesellschaft nicht spalten. Der Kampf gegen Antisemitismus ist eine gemeinsame Aufgabe aller und nicht allein der Jüdinnen und Juden.“ Diese Haltung habe Gewalt nicht verdrängen können. Und Hensel fügt hinzu: „Sie braucht den Einsatz starker Frauen – und Menschen wie Frau Preissler, die uns nicht allein gelassen haben.“ Beinahe gerührt von dem Zuspruch steigt Karoline Preisler am Montagabend in den Zug, der sie zurück nach Berlin bringt. Die nächsten Demonstrationen warten schon. Der Gefahr, der sie sich durch ihr öffentliches Engagement aussetzt, ist sie sich bewusst. Nicht nur, wenn sie auf Kundgebungen angegriffen (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article68aaeed35d3e123a945a96d8/karoline-preisler-pro-palaestina-aktivisten-greifen-fdp-politikerin-an-sie-spricht-von-verfolgungsjagd-bis-zur-u-bahn.html) wird. Auch dann, wenn sie Morddrohungen erhält und Videos mit Enthauptungen zugeschickt bekommt. Aufhören steht für sie dennoch nicht zur Debatte, denn längst weiß sie um ihre Wirkung und Prominenz in den sozialen Medien. „Wer sich bei Demonstrationen beim Beschimpfen und Bespucken filmt, verbreitet diese Botschaft weltweit“, sagt Preisler. In Hamburg bleibt derweil ein Gefühl unter vielen Gästen der Veranstaltung zurück, „wie leise doch das eigene Eintreten gegen Antisemitismus verglichen mit dem lauten Mut von Preisler ist“. Eine Besucherin erwähnt, dass sie die Aktivistin sogar für eine „geeignete Bundespräsidentin“ hielte, denn: „Karoline Preisler handelt mehr als sie redet, sie hört zu, sie spaltet nicht – und damit spricht sie mir mehr aus dem Herzen als die meisten aktuellen Politikerinnen und Politiker.“